Die Autobahn A7 bei Niestetal, in deren Nähe nun ein Schlachtfeld aus dem Siebenjährigen Krieg untersucht wird.

Auf einem Schlachtfeld des Siebenjährigen Krieges bei Niestetal gefährden illegale Schatzsucher die historische Klärung. Das Landesamt für Denkmalschutz hat Anzeige erstattet. Nach über 250 Jahren droht ein Wettlauf gegen die Zeit, weil an gleicher Stelle ein Gewerbegebiet entsteht.

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Audioseite Anzeige wegen illegaler Raubgrabungen

Metalldetektor
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Wo sind die schätzungsweise 3.000 Leichen, was passierte mit den gefallenen Franzosen, Hessen und Hannoveranern, die bei der Schlacht in Sandershausen bei Kassel ihr Leben ließen? 263 Jahre nach ihrem Tod geht dieser Frage das Landesamt für Denkmalpflege Hessen (LfDH) nach - nun auch mit einer Anzeige wegen illegaler Grabungen.

1758 hatte sich in Nordhessen, an einem Hügel, der heute an der A7 liegt, eine Episode des Siebenjährigen Krieges abgespielt. Die Franzosen gewannen und nahmen in der Folge Marburg ein. Und dort, wo sich damals tausende Soldaten mit Kanonen und Musketen beschossen, mit Bajonetten und Säbeln erstachen, soll jetzt ein Niestetaler Gewerbegebiet erweitert werden.

Bevor gebaut wird, muss untersucht werden

"Vorab muss es eine flächendeckende Untersuchung geben", sagt Udo Recker, Landesarchäologe beim LfDH. Das gesamte Baugebiet werde archäologisch begutachtet, um zu klären, ob vor dem geplanten Bau weitere Ausgrabungen nötig sind.

"Die Schlacht damals dauerte nur einen Tag", sagt Recker zwar, er gehe deswegen nicht davon aus, sogenannte "Schanzmaßnahmen", also beispielsweise Laufgräben zu entdecken. Auch der Verlauf der Schlacht ist durch Karten und historische Berichte längst belegt. Doch die Frage nach den Leichen bleibe eben offen, sagt Recker und fragt: "Wo sind die Mannschaften geblieben?"

In umliegenden Kirchen gäbe es Gräber von gefallenen Offizieren. Unweit des Schlachtfeldes könnte es ein Massengrab für die einfachen Soldaten geben. "Wir wissen es nicht", sagt Recker, "was mit den Menschen passiert ist, können wir nur anhand ihrer materiellen Hinterlassenschaften in Erfahrung bringen."

Raubgräber können Straftaten begehen

Hinterlassenschaften, die nicht nur in Sandershausen immer wieder illegal von Fundstellen entfernt werden. Dort ermittelt nun die Kasseler Kriminalpolizei wegen des Verdachts von Raubgrabungen und bittet um Hinweise aus der Bevölkerung. Die nicht gezielte Suche nach Bodendenkmälern kann ein Bußgeld zur Folge haben. Raubgräber können sogar Straftaten begehen, wenn sie intakte archäologische Befunde in der Erde schädigen oder gefundene Gegenstände unterschlagen.

Ein Sprecher der Polizei in Nordhessen sagt, er habe danach recherchiert, aber keine vergleichbaren Anzeigen zu der des LfDH in jüngerer Vergangenheit gefunden – doch gehe der bis dato durch Raubgrabungen allein in Hessen angerichtete finanzielle Schaden "vermutlich in die Millionen", heißt es bei der Polizei. Bei weitem dramatischer sei der angerichtete Schaden für die Altertumswissenschaft.

Musketenkugeln und Bajonette

Udo Recker bestätigt das. Immer wieder gebe es Probleme mit privaten Sondengängern, die mit Metalldetektoren den Boden historischer Stätten absuchten. "Sie können also auch nur Gegenstände aus Metall finden", sagt Recker. Im Fall von Sandershausen also vor allem Musketenkugeln und Bajonette.

Schon mehrfach hätten dort Nachbarn gemeldet, dass sie Menschen mit Detektoren auf dem Schlachtfeld gesehen hätten, der zuständige Archäologe berichtet auch von Grabungslöchern, die er entdeckt habe, von rückläufigen Metallfunden im Boden. Das Problem: Außer dem LfDH hat niemand die Befugnis, dort oder an irgendeiner anderen historischen Stätte in Hessen zu graben.

"Das Bodenarchiv ist einzig"

"Das ist kein Kavaliersdelikt", sagt Recker. Mit der Anzeige wegen illegaler Grabungen verfolge das LfDH zwei Ziele: Zum einen die Täter zu finden, was de facto schwierig ist, weil Ermittler sie auf frischer Tat beim Ausgraben ertappen müssten, gesteht Recker ein. Zum anderen aber auch ein Zeichen zu setzen: "Das Bodenarchiv ist einzig", betont der Archäologe.

Eine amateurhafte Grabung könne man einmal machen, dann sei der Gesamtzusammenhang des Fundortes aber durch die einzelnen Entnahmen zerstört. "Auch Archäologie zerstört", sagt Recker. "Aber Archäologen dokumentieren alles, was sie ausgraben. Man kann jeden Schritt später nachvollziehen." Wenn Sondengänger aber Musketenkugeln oder Klingen aufheben und gar nicht erkennen, was dort insgesamt im Boden zu finden und zu schlussfolgern ist, ginge der Zusammenhang verloren.

So wie der Verbleib der tausenden Toten. "Und das ist unser Problem", sagt Recker. "Das sind dann für immer verlorene Informationen."

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