Jürgen Fehler, Leiter der Polizeidirektion Main-Kinzig, im Interview

Hätten mehr Menschen gerettet werden können? Auch eineinhalb Jahre nach dem rassistischen Anschlag in Hanau sehen sich die Einsatzkräfte mit schweren Vorwürfen konfrontiert. In einer hr-Dokumentation schildern Polizei und Rettungskräfte die Ereignisse in der Tatnacht aus ihrer Sicht.

Videobeitrag

Video

zum hr-fernsehen.de Video Hanau - Einsatz in der Terrornacht

Zwei Rettungssanitäter im Porträt. Im Hintergrund ein fahrender Rettungswagen bei Nacht.
Ende des Videobeitrags

Haben Rettungskräfte Fehler gemacht? Hat die Polizei versagt? Knapp eineinhalb Jahre nach dem rassistischen Anschlag in Hanau stehen noch immer schwere Vorwürfe gegen die Einsatzkräfte im Raum. Die überlebenden Opfer und die Hinterbliebenden der Getöteten kritisieren die mangelhafte Aufklärung. In der hr-Dokumentation "Hanau – Einsatz in der Terrornacht" äußern sich nun Einsatzkräfte öffentlich zu den Geschehnissen vom 19. Februar 2020 und den Vorwürfen.

Angehörige suchen nach Antworten

Serpil Temiz Unvar hat in der Tatnacht ihren Sohn Ferhat verloren. Ihr geht es heute schlechter als direkt nach der Tat. "Wir kämpfen jeden Tag, jede Stunde, aber wir haben nichts. Keine Antworten, keine Aufklärung. Gar nichts." Bis heute weiß sie nicht, wie genau ihr Sohn gestorben ist und ob er noch hätte versorgt werden können. Sie fragt sich: "Was ist passiert? Wer hat Fehler gemacht? Und wo war die Polizei?" Auch Angehörige der anderen Opfer quälen diese Fragen.

Weitere Informationen

"Hanau – Einsatz in der Terrornacht"

Der Film von Diana Deutschle und Julia Klüssendorf ist ab sofort in der ARD-Mediathek abrufbar. Er liefert ein Bild der Terrornacht und zeigt bislang unbekannte Einzelheiten zum Anschlag. Die Dokumentation schildert die Tatnacht aus der Perspektive der Einsatzkräfte und Helfer. Er zeigt, wie sie mit den Gefahren eines laufenden Terroranschlags vor Ort umgegangen sind und welche Auswirkungen der Einsatz noch heute auf sie hat. Am Samstag, 10. Juli, läuft der Film um 18.45 Uhr im hr-fernsehen.

Ende der weiteren Informationen

Zum genauen Ablauf der Tat ermittelt der Generalbundesanwalt, gegen die Polizei hat die Staatsanwaltschaft Hanau ermittelt. Einer der Vorwürfe: Die Leitstelle sei nicht ausreichend besetzt gewesen, Notrufe seien nicht durchgekommen. Die Schüsse am zweiten Tatort hätten vielleicht verhindert werden können.

Der Vater des dort ermordeten Vili Viorel Păun gibt der Polizei deswegen die Mitschuld am Tod seines Sohnes. Vili hatte den Täter mit dem Auto verfolgt und unterwegs vergeblich versucht, die 110 zu erreichen. Die Staatsanwaltschaft hat die Vorwürfe bereits geprüft und erkennt kein strafrechtlich relevantes Fehlverhalten, wie sie kürzlich mitteilte.

"Kollegen haben ihr Bestes getan"

Jürgen Fehler, Leiter der zuständigen Polizeidirektion Main-Kinzig, weist die Vorwürfe im Gespräch mit der Filmautorin Diana Deutschle ebenfalls zurück. "Die Kollegen haben in dieser Nacht ihr Bestes getan", sagt Fehler: "Diese Nacht war eine komplette Ausnahme-Nacht und auch die Polizeikräfte standen unter entsprechender Anspannung." Fehler gibt aber auch zu: "Auf einen solchen Anschlag waren wir im Grunde nicht vorbereitet."

Die Wache sei nicht unterbesetzt gewesen, die erforderliche Mindeststärke von sieben Beamten sei vorschriftsmäßig eingehalten worden. Nach dem ersten Notruf habe man sich jedoch entschieden, alle auf der Wache verfügbaren Beamten zum Tatort zu schicken, schildert Fehler. Nach zwei Minuten seien sie am ersten Tatort gewesen. Eine Beamtin blieb zurück, um weitere Notrufe entgegenzunehmen.

Zu wenig, um alle Notrufe zu beantworten. Eine technische Weiterleitung zur Leitstelle sei zu diesem Zeitpunkt nicht möglich gewesen, wie Innenminister Peter Beuth (CDU) rund ein Jahr nach der Tat feststellte. Mittlerweile ist der Umstand zumindest provisorisch behoben.

Polizei-Chef: "Es war die richtige Entscheidung"

In der Tatnacht liefen viele Anrufe aber noch ins Leere, so wohl auch die Notrufe des später durch drei Schüsse aus der Waffe des Täters Tobias R. getöteten Păun. Aber Fehler ist sich sicher: "Es war die richtige Entscheidung." Die Polizei gehöre auf die Straße und habe "nicht auf einer Wache zu warten, ob da noch weitere Telefonate eingehen".

Sechs Minuten nach dem ersten Notruf erreichte die Polizei laut Jürgen Fehler dann doch noch der erste Hinweis auf den zweiten Tatort. Die Schüsse dort hätten auch mit einer Weiterleitung der Anrufe nicht verhindert werden können, sagt der Hanauer Polizeichef. Um 21.56 Uhr sei der Notruf zum ersten Tatort am Heumarkt eingegangen, um 22.02 Uhr dann der zum zweiten Tatort am Kurt-Schumacher-Platz. "Das sind sechs Minuten. Das hätten wir nicht verhindern können."

Polizei weist weiteren Vorwurf zurück

Auch den Vorwurf, die Polizei habe vor dem Anschlag einen Notausgang am zweiten Tatort in Absprache mit dem Barbetreiber verschließen lassen, weist er zurück: "Als Polizeidirektionsleiter kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Polizei jemals eine entsprechende Weisung erteilt, dass ein Notausgang zu verschließen ist." Dahinter stecke ja der Vorwurf, die Polizei wolle sich die Arbeit leichter machen. "Das halte ich für völlig abwegig."

In der Dokumentation äußern sich neben der Polizei und Angehörigen erstmals seit dem Anschlag auch Sanitäter und Rettungskräfte und berichten, wie sie den Einsatz erlebt haben.