Voller Aufzug: Jens Spahn (2.vl), Helge Braun (5.vl), Volker Bouffier (6.vl), Michael Bußer (7.vl) und Kai Klose (rechts) im Aufzug.

Fünf Politiker dicht gedrängt in einem Aufzug - und das mitten in der Corona-Pandemie. Im April ging dieses Foto von hessenschau.de viral. Jetzt hat es der Deutsche Journalistenverband Hessen und Thüringen zum Pressefoto des Jahres gewählt.

Im April, mitten in der ersten Hochphase der Corona-Pandemie, ging ein Foto viral, das mehrere Spitzenpolitiker dicht gedrängt in einem Aufzug zeigte. Aufgenommen hatte es der ehemalige hessenschau.de-Reporter Bodo Weissenborn in der Uniklinik Gießen. Das Foto schlug deutschlandweit Wellen, denn im Aufzug standen der hessische Ministerpräsidenten Volker Bouffier, Regierungssprecher Michael Bußer (beide CDU), Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne), dessen Bundeskollege Jens Spahn und Kanzleramtschef Helge Braun (beide CDU).

Die Landesverbände Hessen und Thüringen des Deutschen Journalisten-Verbands kürten das Foto am Freitag zum "Pressefoto des Jahres" in der Kategorie "Freier Journalismus". Coronabedingt fand die Preisverleihung in diesem Jahr auf den Social Media-Kanälen des Verbands statt. Im Interview mit dem hr erzählt Reporter Bodo Weissenborn, wie es zu dem Foto kam.

hessenschau.de: In welcher Situation ist das Foto entstanden?

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Bodo Weissenborn

Bodo Weissenborn im Porträt

Bodo Weissenborn war von 2016 bis August 2020 Reporter bei hessenschau.de und schreibt aktuell für die Badischen Neuesten Nachrichten.

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Bodo Weissenborn: Das war im Rahmen eines Pressetermins Mitte April an der Uniklinik Gießen - Spahn, Bouffier, Braun und Klose wollten sich anschauen, wie es mit der Corona-Bekämpfung läuft.

Plötzlich stand ich vor dem Fahrstuhl, habe die Szene gesehen und dachte nur: Hoffentlich ist von denen jetzt keiner positiv. Sonst hätte ja die halbe Bundes- und Landesregierung in Quarantäne gemusst. Das Handy hatte ich gerade in der Hand, so kam es zu dem Schnappschuss.

hessenschau.de: Etliche überregionale Medien haben das Foto wiedergegeben. Gab es auch aus der Politik Reaktionen darauf?

Bodo Weissenborn: Ja, zum einen haben sich manche der Betroffenen gemeldet. So hat Jens Spahn noch am selben Tag bei einer Pressekonferenz gesagt, dass es eben im Alltag manchmal nicht so leicht sei, die Regeln einzuhalten. Für die hessische Regierung hat Sprecher Michael Bußer erklärt: "Da muss man nicht groß drumherum reden: Das hätte nicht passieren dürfen." SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte kommentiert: "Das Foto zeigt sehr genau, wie es nicht gemacht werden sollte."

hessenschau.de: Das Bild hat aber auch außerhalb der Politik Kreise gezogen, sogar die Strafverfolgung war eingeschaltet. Worum ging es da?

Bodo Weissenborn: Mehrere Menschen haben Anzeige erstattet, daher hat die Staatsanwaltschaft den Fall geprüft, aber ziemlich schnell eingestellt - genauso wie der Kreis Gießen sein Ordnungswidrigkeitsverfahren. Im Internet haben auch einige Menschen mit Häme und Wut auf das Bild reagiert.

Das war aber nicht meine Absicht. Ich finde, dass das Foto sehr schön zeigt, wie widernatürlich die Regeln und Auflagen sind, mit denen wir seit Monaten leben: Selbst denen, die sich Tag und Nacht mit nichts anderem beschäftigen, passiert dann mal so ein Ding.

hessenschau.de: Bemerkenswert ist auch, dass dieses Jahr das Foto eines Reporters und nicht eines Fotografen zum Pressefoto des Jahres gekürt wurde.

Bodo Weissenborn: Das ist cool - und auch ein bisschen lustig. Das Bild lebt ja vor allem vom Kontext. Wenn zu irgendeiner anderen Zeit hochrangige Bundes- und Landespolitiker die Gießener Uniklinik besucht hätten, oder ich hätte als hr-Reporter dieses Bild mitgebracht, auf dem kein Klinik-Kontext zu sehen ist und die Gesichter nur auf den zweiten Blick zu erkennen - dann hätte es die Redaktion wohl kaum veröffentlicht. Dass es jetzt das Pressefoto des Jahres ist, kommt mir irgendwie auch symptomatisch vor für diese absurde Zeit.

hessenschau.de: Die Auszeichnung ist mit 2.000 Euro dotiert. Was passiert mit dem Preisgeld?

Bodo Weissenborn: In vielen anderen Ländern würde man für so ein Foto wohl nicht ausgezeichnet, sondern an den Pranger gestellt. Deshalb spende ich das Geld an Reporter ohne Grenzen.

Die Fragen stellte Stephan Loichinger.