Vera Röhrig und einer ihrer Welpen

Welpenpreise explodieren, Züchter und Tierheime werden mit Anfragen überschüttet: In der Corona-Krise sehnen sich viele Menschen offenbar nach einem Hund. Doch mit der steigenden Nachfrage werden bei Tierschützern auch die Sorgen größer.

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zum Video Ein Hund gegen die Corona-Einsamkeit?

Die Welpen von Vera und Frank Röhrig
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Sechs kleine gelbe Welpen tummeln sich im Wohnzimmer von Vera Röhrig aus Waldkappel im Werra-Meißner-Kreis. Gemeinsam mit ihrem Mann Frank züchtet sie seit fünf Jahren Labrador Retriever. Vermittelt waren die kleinen Hündinnen schon im Mutterleib. Das gab es schon vor Corona, so die Züchterin.

Ihren aktuellen Wurf kündigte sie nicht an. Weder auf ihrer Homepage, noch auf der Internetseite des Verbands für das Deutsche Hundewesen (VDH). Hier hat sie ihre Welpen-Ampel auf Rot gestellt. Das soll möglichen Interessenten signalisieren: Hier ist kein Wurf geplant.

Dennoch bekommt sie täglich Anfragen per E-Mail, dazu mehrere Anrufe - zum Teil mitten in der Nacht. Seit der Pandemie seien die Anfragen deutlich gestiegen, erzählt sie.

Züchter zwischen Paradies und Hölle

Das kann Anja Kühling aus Kassel bestätigen. Sie züchtet seit 2019 Shiba Inu, eine japanische Hunderasse. Sie bekomme derzeit bis zu acht Welpenanfragen pro Tag. 2019 seien es lediglich drei bis vier pro Woche gewesen.

Vor allem wollen die Interessenten die Preise für die Welpen wissen. Vor Corona habe die Preisspanne zwischen 1.800 bis 2.400 Euro pro Hund gelegen, erzählt Kühling. Jetzt habe sie schon von bis zu 3.000 Euro gehört.

Eine steigende Nachfrage habe der VDH seinen Mitgliedern in einem Schreiben bereits vor ein paar Monaten angekündigt - unabhängig von der Rasse, berichtet die Züchterin.

Anja Kühling mit Yoko (links) und Suki.

VDH-Sprecher Udo Kopernik sieht die Situation der Züchter "zwischen Paradies und Hölle". Die große Nachfrage sei für die Züchter erfreulich, einige beklagten aber fehlendes Verständnis bei vergeblichen Anfragen. Dazu sinke die Bereitschaft, sich mit den Bedürfnissen eines Hundes auseinanderzusetzen.  

Hauptsache ein Hund

Das berichtet auch die Züchterin aus Waldkappel. Es sei auffällig, dass sich einige Interessenten vor ihrer Anfrage weder mit Rasse noch Hundeerziehung beschäftigt hätten. Viele meldeten sich im Glauben, der Labrador sei ein einfacher, leicht zu führender Familienhund. Aber auch diese Rasse müsse man erziehen, erklärt Röhrig.

Dazu seien viele Anfragen unpersönlicher geworden, es gehe nur um eins: Hauptsache einen Hund. Oft frage sie sich, was mit unüberlegt angeschafften Tieren nach der Pandemie passieren werde. Wenn Arbeit und Urlaub wieder wie vor Corona möglich seien, das Leben in gewohnten Bahnen verlaufe. Sie habe Sorge, dass viele Tiere dann im Tierheim landen.

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Ordnungsämter registrieren mehr Hunde

In der Stadt Kassel waren auf Anfrage im Jahr 2019 insgesamt 7.275 Hunde gemeldet, 2020 waren es 242 Hunde mehr - und das, obwohl immer wieder Tiere sterben und aus der Statistik verschwinden.

Auch in Melsungen verzeichne man eine Steigerung innerhalb eines Jahres, wie Christina Kühnert vom Amt für Finanzen und Steuern bestätigt. Hier wurden 2020 im Vergleich zu 2019 insgesamt 35 Hunde mehr angemeldet.

Die Stadt Fulda beobachtet im Corona-Jahr 2020 einen leichten Anstieg von 68 Tieren. Zum Vergleich: in den Jahren 2018 und 2019 hatte es eine Differenz von nur zehn Hunden gegeben. Ob man daraus einen Corona-Effekt ableiten könne, konnte Sprecherin Monika Kowoll-Ferger nicht sagen. Bei der Anmeldung eines Hundes werde nicht erfragt, was der Grund für die Anschaffung sei.

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Verstärkt unseriöse Anfragen in Tierheimen

Seit Corona sei die Nachfrage groß, sagt auch Karsten Plücker vom Tierheim Wau-Mau-Insel in Kassel. Einmal im Monat ist der Tierheimleiter mit vier Tieren in der hr-Fernsehsendung hallo hessen. Vor Corona habe er im Anschluss höchstens zehn Anfragen gehabt, jetzt seien es über 100 - nach jeder Sendung.

Karsten Plücker von der Wau-Mau-Insel in Kassel

Vor allem junge und familientaugliche Hunde sind gefragt. Bei der Vermittlung schaue er mit seinem Team genauer hin. Auch, weil die Anfragen zunehmend unverschämter werden:

"Es werden schon mal Tierheimmitarbeiter angepöbelt, so von wegen: immer ist der Hund schon weg", berichtet er. Er erhalte sogar unseriöse Angebote. "Ich bezahle das Doppelte" oder "Ich bezahle jeden Preis", bekomme er dann zu hören. Erst kürzlich hatte er rund 700 Anfragen nach mehreren Rassehunden. Diese waren illegal über die Grenze gebracht, vom Veterinäramt sichergestellt und dem Tierheim übergeben worden.

Illegaler Welpenhandel boomt

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Audioseite Das Geschäft mit den Hunden

Hund mit Kopfhörern
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Der illegale Welpenhandel habe sich seit Corona verändert, so Plücker. "Früher waren es mafiöse Strukturen, heute sind es eher Privatleute, die in Bulgarien 60 Euro zahlen und den Welpen hier für bis zu 1.800 Euro verkaufen", sagt er. Vor allem im Internet.

Ein Indiz dafür sei der hohe Anteil an aufgenommenen Tieren aus dem Netz. Insgesamt 90 Prozent der Hunde stamme von Online-Verkaufsportalen. Die hohe Nachfrage sorge dafür, dass immer mehr Welpen geboren werden.

Tierschutzbund fordert Tierhandel-Verbot im Internet

Das bestätigt auch der Deutsche Tierschutzbund. Im Jahr 2020 waren mehr als 1.000 Tiere bundesweit von illegalem Tierhandel betroffen. Die Dunkelziffer sei hoch, sagt Sprecherin Lea Schmitz. Sie sieht die Züchter am Limit. Sie allein könnten die Nachfrage nicht mehr bedienen, dazu werde in Tierheimen bei der Vermittlung noch genauer hingeschaut.

Für sie ein Grund, dass der Handel über das Internet, oft mit illegal eingeführten Welpen, boome. Der Tierschutzbund fordere deshalb ein Verbot von Tierhandel im Internet, die Minimalforderung seien strengere Vorgaben für den Verkauf auf Plattformen wie Ebay.

Von all dem wissen die sechs Welpen in Waldkappel nichts. Flavia, Fita, Felipa, Franca, Flores und Felia stellen weiter das Wohnzimmer von Vera und Frank Röhrig auf den Kopf. Mitte März werden sie ausziehen, zu ihren neuen Besitzern, die sorgfältig von ihren Züchtern ausgesucht wurden.

Sendung: hr4, 26.02.2021, 08.40 Uhr