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US-Armee reaktiviert in Wiesbaden 56. US-Artilleriekommando

Einfahrt zur Lucius D. Clay Kaserne in Wiesbaden-Erbenheim. Im Vordergrund steht der Stein mit dem Namen der Kaserne.

Die US-Armee hat in Wiesbaden das 56. Artillerie-Kommando reaktiviert. Die Einheit kontrollierte einst nuklear bestückte Mittelstreckenraketen. Manche glauben, dass nun in der Stadt neue Waffensysteme installiert werden. Was ist da dran?

Es war eine eher schmucklose Zeremonie auf einem Sportfeld der US-amerikanischen Lucius D. Clay Kaserne im wolkenverhangenen Wiesbaden Anfang November vergangenen Jahres.

Keine Politprominenz, kein Blitzlichtgewitter: Zwei-Sterne-General Stephen Maranian dankte für den erfolgreichen Umzug der Einheit, eine Kapelle schmetterte mal schnell die deutsche und amerikanische Nationalhymne und die Militärpolizei donnerte ein paar Salutschüsse in den Himmel. Doch kaum waren die verhallt, dröhnte es ganz mächtig aus dem 2.000 Kilometer entfernten Moskau.

Vergleiche zur Kuba-Krise

Der stellvertretende russische Außenminister Sergey Rjabkow sah sich nicht weniger als an die Kuba-Krise erinnert, in der die USA und die Sowjetunion einst am Rande eines nuklearen Krieges standen. Er sprach davon, dass Russland seinerseits nun gezwungen sein könnte, nukleare Mittelstreckenwaffen in Europa zu stationieren. Viel Rauch, viel Kalter Krieg. Was war geschehen?

Was die amerikanische Armee da an jenem Novembertag in Wiesbaden feierte, war die Reaktivierung des 56. US-Artilleriekommandos. Das Kommando steht in der Tradition der 56. Küstenartilleriebrigade, die im Zweiten Weltkrieg unter anderem in Nordfrankreich kämpfte und von 1986 an als 56. Feldartilleriekommando die nuklear bestückten Pershing-Raketen kontrollierte.

Nachdem die USA und Russland sich in einem Vertrag auf die Abschaffung nuklear bestückbarer Mittelstreckenraketen geeinigt hatten, wurde die Einheit 1991 aufgelöst. Nun also die Reaktivierung. Standort ist der Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel. Warum dort?

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Kalter Krieg zurück in Wiesbaden? Die Pläne der US-Army

Die US-Kaserne in Wiesbaden
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"Die US-Armee hatte in Mainz-Kastel noch alte Einrichtungen, die für das neue Hauptquartier genutzt werden konnten", erklärt Ben Hodges, der bis 2017 die US Army in Europa kommandierte. Der Standort erleichtere auch die Planung und Koordination mit dem in der Nähe liegenden übergeordneten Hauptquartier US Army Europe and Africa in Wiesbaden-Erbenheim. An dem Stützpunkt sind rund 20.000 amerikanische Soldaten und Angehörige stationiert.

Internationales Pressethema

Nicht nur in Russland wurde die Reaktivierung des 56. US-Artilleriekommandos in Wiesbaden aufmerksam verfolgt, auch britische Medien griffen das Thema auf. Das Boulevard-Blatt Sun druckte eine schrille Grafik, in der US-Raketen nach ihrem Start in Mainz-Kastel nach 21 Minuten die russische Hauptstadt "blitzen".

Und in der seriöseren Times analysierte Verteidigungsexperte Michael Evans akribisch die Waffensysteme, mit denen das 56. US-Artilleriekommando ausgerüstet werden sollte: neue Langstrecken-Hyperschallwaffen vom Typ "Dark Eagle", die auf 4.000 Meilen die Stunde beschleunigen.

Airbase: "Keinen Plan, Waffensysteme zu stationieren"

Hyperschallraketen in Hessen? Die US-Armee sagt dazu: "Anders als im Kalten Krieg ist die jetzige Einheit kein Raketenkommando, sondern eher ein konventionelles Artillerie-Befehlszentrum." Das heutige Kommando sei für Planung, Organisation und Aufsicht von Artillerieeinheiten in Europa zuständig, heißt es auf Anfrage: "Es gibt zurzeit keinen Plan, Waffensysteme in Mainz-Kastel zu stationieren."

Auch der ehemalige Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels (SPD), glaubt nicht, dass neue Raketen in Mainz-Kastel installiert werden. "Es geht hier in erster Linie darum, ein Zeichen in Richtung Russland zu setzen", sagt er. Er versteht die Reaktivierung des alten Pershing-Kommandos als "Warnsignal".

Zugleich zeigt Bartels sich erstaunt darüber, dass das Thema hierzulande so wenig diskutiert werde. Doch das ändert sich gerade. Auch in Wiesbaden selbst.

Stadtsprecher: Können Ängste verstehen

Die Linken-Fraktion im Stadtparlament hat "Offene Fragen zur zusätzlichen US-amerikanischen Militäreinheit in Kastel" an den Magistrat der Stadt geschickt. Bisher blieb eine Antwort aus.

Man könne die Ängste verstehen, die solche Meldungen auslösen, sagt ein Sprecher der Stadtverwaltung. Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende habe die neue Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (beide SPD) gebeten, sich beim Pentagon nach den US-Plänen zu erkundigen.

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US-Regierung sagt No

Das Auswärtige Amt hat sich am 12. Januar zu möglichen Raketenplänen der US-Regierung in Wiesbaden geäußert. Eine Sprecherin des Außenministeriums sagte, die Bundesregierung habe von der Regierung der Vereinigten Staaten die Auskunft erhalten, dass es diese keine Pläne hege, Raketensysteme in Wiesbaden zu stationieren.

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Was tut die 2nd Multi-Domain Task Force?

Vielleicht dreht sich bei der ganzen Diskussion um die Stationierung von Waffen auch alles zu sehr um das reaktivierte 56. Artilleriekommando. Ein anderes Ereignis könnte viel wichtiger sein. Bereits im September 2021 wurde in Mainz-Kastel die 2nd Multi-Domain Task Force installiert.

In einem auf der US-Armeeseite zugänglichen Papier vom 16. März 2021 wird die Arbeit einer solchen Einheit detailliert beschrieben. Dort findet sich auch eine Grafik, auf der zu sehen ist, dass einer Multi-Domain Task Force (MDTF) Hyperschallwaffen unterstellt sind. Also doch High-Tech-Raketen für Hessen?

Screenshot aus dem Strategiepaper der US-Armee "Army Multi-Domain Transformation  - Ready to Win in Competition and Conflict"DieAufgabe einer Multi-Domain Task Force ist auch die Kontrolle von "Long-Range Hypersonic Weapon Battery" (Hyperschallwaffen)

"Das Papier ist eine Blaupause. Nicht alles muss so kommen", sagt der Verteidungsexperte Marco Overhaus vom Institut für Internationale Politik und Sicherheit in Berlin. Es mache aus Sicht des US-Heeres aber wenig Sinn, landgestützte Raketen oder Hyperschallwaffen mit einer mittleren Reichweite zu entwickeln, wenn diese nicht auch in Europa stationiert werden sollen, erläutert er.

Und so bleibt es dabei, dass bisher nur eines klar ist: In Mainz-Kastel haben zwei neue US-Einheiten ihre Arbeit aufgenommen, die für die US-Amerikaner hohe strategische Bedeutung haben. Der Ex-Wehrbeauftragte Bartels sagt: Sollten in Wiesbaden oder woanders in Deutschland tatsächlich Hyperschallwaffen stationiert werden, dann müssten die deutschen Stellen das genehmigen.

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