Ein Poller vor der Bauernbrücke versperrt die Zufahrt zum Haus von den Ittners.

Heinrich und Helmut Ittner aus Ginsheim-Gustavsburg leben auf der Insel Neuau. So weit, so schön. Blöd nur, dass beide nun nicht mehr mit ihrem Auto bis zum Haus kommen. Das ist im Notfall lebensbedrohlich.

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hs
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Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihre Einkäufe 600 Meter weit vom Auto bis zu Ihrer Haustür schleppen. So geht es derzeit Helmut Ittner. Nur, dass er nicht schleppt, sondern eine Schubkarre nimmt. Grund ist ein Pfosten, den die Stadt Ginsheim-Gustavsburg (Groß-Gerau) vor die Bauernbrücke gesetzt hat, die die einzige Zufahrt zum Haus der Ittners darstellt. Auf der Insel Neuau lebt der 53-Jährige zusammen mit seinem Vater. Die Situation sei sehr ärgerlich. Und zwar nicht nur wegen der Einkäufe.

"Ich kann keine Handwerker zu mir nach Hause bestellen, wenn die Heizung - wie aktuell - defekt ist", erklärt Ittner. Schlimmer noch sei die Tatsache, dass keine Rettungsfahrzeuge und die Feuerwehr über die Bauernbrücke rollen könnten. Im Falle eines Feuers, sagt Helmut Ittner, hoffe er, mit einem der beiden Feuerlöscher im Haus das Schlimmste verhindern zu können.

Helmut Ittner muss die Einkäufe per Schubkarre nach Hause bringen.

"Ich bin lebendig eingesperrt"

Vor Kurzem sei es sogar dazu gekommen, dass ein Rettungshubschrauber im Hof des Hauses habe landen müssen, weil Vater Heinrich, 84 Jahre alt, sehr hohen Blutdruck gehabt habe. "Gemäß Aussage des Rettungsarztes kam er auch keine Sekunde zu früh", erinnert sich Helmut Ittner. Die Besatzung eines Rettungswagens hätte womöglich lebensrettende Zeit verloren.

Ganz abgesehen von der medizinischen Situation fühlt sich auch Vater Heinrich Ittner von der Außenwelt abgeschnitten: "Ich bin eingesperrt, lebendig eingesperrt. Und das ohne Grund." Er habe versucht, das Aufstellen des Pfostens zu verhindern, indem er das Bohrloch mit einer Mähmaschine zustellte. "Dann kam die Polizei mit drei Mann und sagte, ich solle die Maschine wieder wegbringen."

Bürgermeister verteidigt Sperrung

Für den Bürgermeister von Ginsheim-Gustavsburg, Thies Puttnins-von Trotha (parteilos), gibt es sehr wohl einen triftigen Grund für die Brückensperrung: die Sorge vor dem Einsturz. "Es gibt keine offizielle Statikberechnung für diese Brücke, sodass wir nicht sagen können: Wieviel Traglast hat sie?" Die Bauernbrücke sei immer wieder von landwirtschaftlichem Verkehr und anderen Fahrzeugen genutzt worden. "Und deshalb mussten wir aus Schutz für uns persönlich - als Bürgermeister und Mitarbeiter der Verwaltung - diese Brücke sperren lassen."

Von Trotha verweist auf das Urteil gegen den Bürgermeister von Neukirchen (Schwalm-Eder). Der war von einem Gericht wegen fahrlässiger Tötung verurteilt worden, weil er einen Löschteich nicht ausreichend gesichert hatte. Drei Kinder kamen in besagtem Löschteich ums Leben. Weil er nicht garantieren könne, dass die Bauernbrücke halte, und weil in der Vergangenheit immer wieder Fahrzeuge unerlaubt die Brücke genutzt hätten, habe er sie für den Verkehr sperren lassen.

Ein Rechtsstreit könnte sich in die Länge ziehen

Dazu komme: Eine genaue Statikberechnung sei nicht möglich, weshalb nur ein Neubau infrage komme. Es könne aber noch Jahre dauern, bis die Bauernbrücke ersetzt werde. Denn Anwohner Helmut Ittner will gegen den Pfosten klagen. Und der Rechtsstreit könne sich in die Länge ziehen.

Heinrich Ittner glaubt indes nicht, dass die Brücke einzelne Fahrzeuge nicht aushalten würde. "Ich habe miterlebt, wie amerikanische Panzer 1945 drüber gefahren sind", erinnert sich der Rentner. Die Bauernbrücke sei im Laufe der vergangenen Jahre auch immer wieder verstärkt worden. "Sie ist immer noch in einem Top-Zustand."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 02.03.2021, 19.30 Uhr