Im Prozess um die Drohschreiben-Serie des "NSU 2.0" hat die Kabarettistin Idil Baydar ausgesagt. Die Künstlerin berichtete von den Auswirkungen permanenter Bedrohungen auf ihr Privat- und Berufsleben. Und machte ihrem Unmut über die Ermittlungbehörden Luft.

Audiobeitrag

Audio

"NSU 2.0"-Prozess: Schwere Vorwürfe von Idil Baydar

Die Kabarettistin Idil Baydar steht auf einer Bühne. Auf dem Kopf trägt sie ein Headset mit Mikrofon. Auf ihrem T-Shirt: Racism is War.
Ende des Audiobeitrags

In Strafprozessen kann gelegentlich die Grenze zwischen einer Aussage und einer Anklage verschwimmen. Nicht im juristischen Sinne, diesbezüglich sind vor Gericht die Rollen klar verteilt. Doch manchmal, wenn sich Wut und Frustration von Betroffenen Bahn brechen, kann auch der Zeugenstand im übertragenen Sinne zum Richterpult werden.

Am Donnerstag scheint am Frankfurter Landgericht einer dieser Momente gekommen. Im Prozess um die Drohschreiben-Serie des "NSU 2.0" ist die Kabarettistin Idil Baydar geladen. Wie zahlreiche andere Prominente erhielt auch sie in den vergangenen Jahren Nachrichten mit Todesdrohungen und übelsten Beleidigungen. In ihrem Fall per SMS und E-Mail. Das hat Spuren hinterlassen. Idil Baydar - die sich auf der Bühne oft robust und unerschütterlich gibt - hat Angst. Und sie ist wütend - nicht nur auf den Angeklagten Alexander M.

Zeugin misstraut den Ermittlungsbehörden

Was Baydar an diesem Donnerstag einfordert, klingt eigentlich nach einer Selbstverständlichkeit: "Ich habe ein Recht auf Unversehrtheit, und das soll auch durchgesetzt werden." Doch die unüberhörbar aus Berlin stammende Künstlerin hat dem eigenen Bekunden nach "nicht viel Vertrauen in die Institutionen" - allen voran die Polizei.

Das Misstrauen hat seinen Grund. Ab März 2019 trafen zunächst Drohungen per SMS bei ihr ein, gezeichnet mit "Obersturmbannführer". "Also hat jemand meine Telefonnummer bekommen, die eigentlich nicht frei zugänglich ist. Zumindest dachte ich das", sagt Baydar. Später folgten Mails mit dem Kürzel "NSU 2.0". Sie alle enthalten die für die Droh-Serie typische Mischung aus rassistischen, frauenfeindlichen und sexualisierten Beleidigungen sowie Anleihen bei der Sprache der Nationalsozialisten.

Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass Baydars Daten von hessischen Polizeicomputern abgefragt wurden - ähnlich wie die der Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz und der Linken-Politikerin Janine Wissler. Ein Vorgang, der aus Sicht von Idil Baydar immer noch nicht richtig aufgearbeitet wurde - was sie als typisch für den Umgang mit Rechtsextremismus in Deutschland empfindet. "Das macht mich richtig wütend", sagt sie: "Ich werde nicht geschützt."

Folgen permanenter Bedrohung

Die Wut bricht in der Aussage immer wieder durch. "Ich bin diejenige, die seit Jahren bedroht wird. Deshalb will ich auch, dass das gehört wird." Baydar berichtet von den Folgen der permanenten Bedrohungslage. Für ihre Auftritte habe ihr Management inzwischen einen privaten Sicherheitsdienst engagiert - der Polizei misstraue sie zu sehr. An ihrer Haustür hänge kein Namensschild mehr, aufgrund der psychischen Belastung befinde sie sich auch in therapeutischer Behandlung. Baydars Aussage ist eine lange Anklage gegen die Bundesrepublik Deutschland.

Der eigentliche Angeklagte, Alexander M., verfolgt Baydars Aussage aufmerksam und ohne sichtliche Gemütsregung. So wie er es zuvor schon bei der ersten Zeugin dieses Verhandlungstags, der Psychologin und Buchautorin Lydia Benecke, getan hat.

Benecke erreichten die Drohungen, deren Autor nach Ansicht der Bundesanwaltschaft Alexander M. ist, im März 2021 - nur wenige Wochen vor M.s Festnahme. Benecke erklärt, dass sie solche Drohungen aus dem rechten Spektrum schon seit Jahren erhalte. Nach den Nachrichten des "NSU 2.0" habe sie jedoch bestimmte Sicherheitsvorkehrungen noch einmal verstärkt.

Bislang unbekannte Drohnachrichten entdeckt

Alexander M. bestreitet, irgendetwas mit diesen oder den anderen mehr als 100 Drohnachrichten zu tun zu haben, die der "NSU 2.0"-Serie zugerechnet werden. Gegen seine Unschuld sprechen derweil die Ergebnisse der Auswertung mehrerer ihm zugerechneter Datenträger und E-Mail-Postfächer.

So berichtet am Donnerstagvormittag eine als Zeugin geladenen Ermittlerin, dass in einem Postfach des russischen E-Mail-Providers Yandex, das für das Versenden von "NSU-2.0"-Nachrichten genutzt wurde, neben 58 bereits bekannten Drohschreiben auch fünf bisher unbekannte entdeckt worden seien - darunter eines, das an den heutigen Bundeswirtschafts- und -energieminister Robert Habeck (Grüne) gerichtet war.

Die Spur zum Angeklagten habe sich über verschiedene Profile ergeben, die dieser zum Kommentieren auf Internet-Seiten - darunter das rechtsextreme Portal PI-News - verwendet habe. Diese hätten sprachliche Übereinstimmungen zu den Drohschreiben gezeigt sowie vereinzelt Hinweise auf Identität und Wohnort des Verfassers enthalten, die zum Angeklagten passten.

Der Prozess wird am Donnerstag, 12. Mai, fortgesetzt.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen