Der Virologe Martin Stürmer im Labor

Corona schien nicht mehr gar so schlimm. Jetzt spitzt sich die Lage vielerorts in Europa wieder zu. Der Frankfurter Virologe Martin Stürmer glaubt: Höchste Zeit für mehr Disziplin und einige Maßnahmen.

Nicht nur Polen verzeichnet gerade Rekordwerte bei der Zahl der neuen Coronafälle. Auch Frankreich verschärft deshalb die Restriktionen und die spanische Hauptstadt Madrid fordert in ihrer erneuten Not Ärzte, Polizisten und Soldaten an. Die Pandemie nimmt nach Monaten der allmählichen Lockerungen europaweit wieder Fahrt auf. Doch in Deutschland und auch in Hessen ist die Lage nicht wirklich besorgniserregend.

Oder müsste es heißen: noch nicht? Darüber hat hessenschau.de mit dem Virologen Martin Stürmer gesprochen. Der 51-Jährige leitet ein Labor in Frankfurt und ist Dozent am Institut für medizinische Virologie der Uni Frankfurt.

hessenschau.de: Herr Dr. Stürmer, geht die Pandemie womöglich auch bei uns jetzt erst so richtig los? Ihr Kollege Christian Drosten warnt, wir sollten uns bloß nicht zu sicher fühlen.

Martin Stürmer: Die Gefahr ist tatsächlich sehr real, dass es uns genauso geht wie Frankreich und anderen Ländern um uns herum. Oder schauen Sie nach Israel, um ein extremes Beispiel zu nennen. Noch haben wir zwar einen moderaten Anstieg. Aber wir müssen einiges tun, damit es nicht schlimmer wird.

hessenschau.de: Ein bisschen Zeit bleibt uns doch noch: Der Herbst mit schlechterem Wetter und mehr Aufenthalten in geschlossenen Räumen kommt ja erst.

Stürmer: Herbst und Winter können einem schon Sorgenfalten auf die Stirn treiben. Aber wir haben jetzt ganz aktuell das Problem, dass sich sehr viele junge Menschen infizieren, nicht zuletzt beim Feiern. Da wird offenkundig zu wenig auf Abstandhalten oder Maskentragen geachtet. Über kurz oder lang wird das Virus so doch wieder mehr in die ältere Bevölkerung hineingetragen. Und dann haben wir ein ganz großes Problem.

hessenschau.de: Noch wirkt die Statistik doch undramatisch. Die Zahl der Todesfälle ist gemessen an den Neuinfektionen und dem Beginn der Pandemie geringer als früher.

Stürmer: Das ist ein trügerisches Zeichen. Es bildet den derzeitigen Altersdurchschnitt der Neuinfizierten ab, der bei knapp über 30 liegt. Die Betroffenen haben entsprechend seltener einen schweren Verlauf, der bis zur Beatmungspflicht oder sogar dem Tode führt. Aber auch hier kann es zu Komplikationen oder auch Langzeitschäden kommen. Vor allem muss uns die Virusverbreitung durch diese Altersgruppe und die schwierige Nachverfolgung Sorgen machen.

hessenschau.de: Weil Kneipenbesucher Donald Duck oder Darth Vader auf den Meldezettel schreiben.

Stürmer: Wir haben es im Fall der Hamburger Szenekneipe doch gesehen. Da haben 100 Gäste falsche Angaben gemacht. Wenn nur ein einziger von denen sich infiziert hat und dann Oma oder Opa besucht, vielleicht noch im Altersheim – dann kann das viele Leben kosten.

hessenschau.de: Was schlagen Sie vor: Ausweiskontrollen vor Kneipen, Maskenpflicht im Freien und andere Verschärfungen?

Stürmer: Warum sollte man nicht auf verlässlichere elektronische Meldeverfahren zurückgreifen? Es ist zwar verständlich, wenn Leute ihre Daten nicht gerne preisgeben wollen. Auf den verschiedenen Social-Media-Plattformen sind viele aber weniger zurückhaltend. Ein weiterer Schritt wäre die stärkere Begrenzung der Teilnehmerzahl bei privaten Feiern. Wir haben ja gesehen, wie das ausufern kann.

hessenschau.de: Hanau und Offenbach hatten diese Party-Grenze nach einem Anstieg der Fallzahlen zuletzt von 250 auf 50 Personen reduziert.

Stürmer: Das würde ich auch generell sehr begrüßen. Was die Maskenpflicht angeht: Wo Menschen wie bei Weihnachtsmärkten länger eng beieinanderstehen, ist das gewiss sinnvoll. Wir sehen aber im Ausland, dass eine generelle Maskenpflicht im Freien nicht dazu führt, das Infektionsgeschehen signifikant nach unten zu drücken.

hessenschau.de: Wie sieht es mit dem Herbsturlaub aus? Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rät uns, lieber in Deutschland zu bleiben.

Stürmer: Wenn die Fallzahlen bei uns steigen, wird sich der ein oder andere vielleicht sagen: Dann ist das Risiko im Ausland ja auch nicht größer. Im Augenblick ist die Situation bei uns aber noch deutlich besser als in vielen anderen Ländern. Das spricht wirklich dafür, die Herbstferien zuhause zu verbringen.

hessenschau.de: Um eine neue Welle zu vermeiden, war ja vor allem auf mehr Tests gesetzt worden. Funktioniert das inzwischen?

Stürmer: Bei den Tests haben wir verschiedene Phasen erlebt. Anfangs haben wir zu lange die vorhandene Kapazität nicht ausgenutzt. Wir hatten dann eine Strategie gefordert, die Risikogruppen durch mehr und systematische Tests besser zu schützen, zum Beispiel in Altenheimen. Insgesamt ist es uns bis jetzt auch gelungen, die massenhafte Ausbreitung des Virus in der älteren Bevölkerung zu verhindern.

Zuletzt haben uns in den Laboren die vielen Tests von Reiserückkehrern bis zur Schmerzgrenze und darüber hinaus getrieben. Inzwischen haben wir wieder mehr Luft nach oben. Wenn sich die Antigen-Schnelltests verbreiten, wird sich die Testlandschaft aber noch einmal stark ändern. Das wird in dieser Hinsicht ein spannender Herbst.

hessenschau.de: Die Tests sollen in rund 15 Minuten nachweisen, ob man mit Sars-CoV-2 infiziert ist. Auch die Lufthansa, deren Geschäft eingebrochen ist, will sie jetzt Passagieren anbieten.

Stürmer: Ein Antigen-Schnelltest ist seit dieser Woche in Deutschland verfügbar. Damit werden wir bald hoffentlich mehr und gezielter testen können. Allerdings ist die Logistik anspruchsvoll: Apotheken dürfen ihn nur an Arztpraxen und Kliniken abgeben und die Durchführung erfolgt durch medizinisches Fachpersonal. Es sollte auch keine dicht gedrängten Warteschlangen vor den Teststationen geben. Ein Unternehmen wie die Lufthansa bekommt das vermutlich leichter hin als ein Club.

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Kurzfristige Sicherheit

Wer sich auf Corona testen lässt, musste bisher einige Tage warten. Der Pharmakonzern Roche hat nun in Deutschland einen Schnelltest auf den Markt gebracht, der anhand körpereigner Antigene nachweisen soll, wenn man aktuell infiziert ist. Das gäbe kurzfristig Sicherheit, nicht ansteckend zu sein - etwa wenn man ein Altersheim betreten wollte. Nötig ist ein fachmännischer Abstrich aus dem Nasen-Rachen-Raum.

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hessenschau.de: Auf einen Impfstoff müssen wir womöglich länger warten als gedacht. Bei Sanofi in Frankfurt-Höchst hieß es gerade: Die Abfüllanlage haben wir, den Impfstoff aber eher erst in einem Jahr.

Stürmer: Und bis dahin wird uns die Pandemie noch sehr viel Geduld und Disziplin abverlangen. Die Intensivmediziner haben zwar viel an Erfahrung gewonnen, inzwischen ist auch ein Medikament zugelassen, dass die Zahl schlimmer Verläufe verringern hilft. Aber auf medizinischem Gebiet ist der entscheidende Fortschritt erst mit einem Impfstoff zu erwarten.

hessenschau.de: Sie persönlich müssen nicht mehr warten. Sie hatten Covid-19 schon.

Stürmer: Das stimmt. Ich habe auch noch Antikörper. Aber sie nähern sich dem Cut-Off-Bereich an, also dem Schwellenwert, bei dem der Test zwischen positiv und negativ unterscheidet. In ein paar Wochen werde ich vermutlich wieder antikörper-negativ sein.

hessenschau.de: Und dann können Sie doch wieder erkranken?

Stürmer: Was genau das für eine mögliche Reinfektion bedeutet, ist noch unklar. In jedem Fall hat mein Immunsystem gelernt, wie dieser Erreger zu bekämpfen ist. Insgesamt hatte ich ohnehin einen milden Verlauf. Geruchs- und Geschmackssinn sind zwar noch immer nicht hundertprozentig hergestellt. Aber ich kann immerhin schon wieder gutes und schlechtes Essen auseinanderhalten.

Das Gespräch führte Wolfgang Türk.