Haben die Neandertaler ihre Babys zu lange gestillt und sind deshalb ausgestorben? Forscher der Uni-Frankfurt haben prähistorische Milchzähne untersucht - mit eindeutigen Ergebnissen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Neandertaler-Zähne erzählen Geschichten

Bildkombo: Milchzahn eines Neandertalers/ Fundort: Eine Höhle in Italien
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Die Neandertaler sind vor rund 40.000 Jahren verschwunden. Wie konnte das geschehen? Eine Theorie dazu lautete: Sie waren uns gegenüber durch zu langes Stillen ihrer Babys entscheidend im Nachteil. Das wurde nun durch eine Untersuchung am Institut für Geowissenschaften der Frankfurter Goethe-Universität von vier alten Zähnen überzeugend widerlegt. "Unsere Daten zeigen, dass das Abstillverhalten der Neandertaler sehr ähnlich war zu dem von uns modernen Menschen", sagt Geo-Chemiker Wolfgang Müller.

Biologische Archive aus Zahnschmelz

Der Weg in die ferne Vergangenheit führte über ein Uni-Labor am Frankfurter Riedberg. Dort hat Geo-Chemiker Müller aus hauchdünnen Präparaten winzige Partikel von prähistorischen Milchzähnen gewonnen. Die vier Milchzähne stammen aus einer Höhle in Norditalien - drei von jungen Neandertalern, einer von einem Kind unserer Spezies: des Homo Sapiens. Sie sind 40.000 bis 70.000 Jahre alt.

Mit einem Massenspektrometer lässt sich nach Angaben der Forscher genau herausfinden, welche Elemente in welchem Verhältnis vorkommen. "So wie Bäume Wachstumsringe haben, haben auch Zähne Wachstumsringe“, sagt Wissenschaftler Müller. Diese bildeten ab, welche Nahrungsmittel gegessen wurden - und zwar auf den Tag genau. Die prähistorischen Milchzähne funktionierten also wie Archive.

Stillzeit beeinflusst Zahl der Geburten

Anhand der chemischen Analyse im Frankfurter Labor lässt sich nun nachweisen, wann die Neandertaler-Kinder abgestillt wurden. Und die Antwort ist eindeutig: Neandertaler-Babys bekamen genauso lange die Brust wie die Säuglinge des Homo Sapiens damals und noch heute: fünf bis sechs Monate. Die Dauer des Stillens bestimmt auch die Abstände zwischen den Geburten. Und somit auch die Zahl der Kinder, die geboren werden. Langes Stillen war diesen Erkenntnissen zufolge also nicht der Grund, dass die Neandertaler vor rund 40.000 Jahre ausgestorben sind.

Sendung: hr-iNFO, 12.11.2020, 10.23 Uhr