Säckeweise Drogen: Fotos des BKA zeigen die bei "Chemical Revolution" gefundenen Drogen.

Sie sollen über den Online-Auftritt "Chemical Revolution" kiloweise Drogen per Post verkauft und verschickt haben - nun kommen in Gießen sieben Männer vor Gericht. Und obwohl das noch nicht einmal alle Angeklagten sind, ist das Verfahren für das Gießener Gerichtsgebäude schon zu groß.

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Sie sollen "Betäubungsmittel in nicht geringer Menge" verkauft haben - in Zahlen bedeutet das: 130 Kilo Amphetamin, 42 Kilo Cannabis, 17 Kilo kristallines MDMA, sechs Kilo Kokain, ein Kilo Heroin sowie neue psychoaktive Stoffe. Eingebracht hat ihnen das den Ermittlungen zufolge mehr als eine Million Euro in Bitcoin - und nun womöglich auch einige Jahre Gefängnis.

Ab Mittwoch stehen in Gießen sieben Männer vor Gericht. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihnen vor, zusammen mit vier weiteren Männern die Onlineplattform "Chemical Revolution" betrieben zu haben, den größten Drogen-Onlineshop Deutschlands. Im Raum steht eine Haftstrafe von fünf bis 15 Jahren.

"Chemical Revolution" gab es zwischen Ende 2017 und Anfang 2019 sowohl im Darknet als auch im Clearnet, also dem ohne weiteres für alle zugänglichen Teil des Internets. Das sei "nicht unüblich", sagt Julia Bussweiler. Sie ist Pressesprecherin der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität bei der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt. "Auch unter den Kunden gibt es Leute, denen das Darknet nicht geheuer ist, die größere Basis spricht man im Clearnet an." Nur sei es dort eben auch für die Ermittler einfacher, den Kriminellen auf die Spur zu kommen.

Festnahme, weil er den Reisepass verlängern wollte

Die meisten der Verdächtigen aus Deutschland, den Niederlanden, Polen und der Türkei nahmen die Ermittler zwischen Februar und April 2019 fest. Beim mutmaßlichen Kopf der Bande, einem Mann aus dem Kreis München, mussten sie sich etwas gedulden. Er lebte auf Mallorca, kam dann aber im Mai 2019 nach Deutschland, um seinen Reisepass verlängern zu lassen - dabei wurde er festgenommen.

Bereits im Frühjahr 2018 hatten die Ermittler ein erstes mutmaßliches Mitglied der Bande festgenommen. Der Mann aus Brandenburg wird verdächtigt, Drogen gelagert und für den Versand vorbereitet zu haben. Und weil sich eines der Lager in Ortenberg (Wetterau) befunden haben soll, hat die Generalstaatsanwaltschaft das Verfahren in Gießen angesiedelt.

Das Gericht ist für so große Verfahren nicht ausgelegt

Weil Verfahren immer entweder am Wohnort oder am Tatort geführt werden müssen, hätte der Prozess sonst Hessen verlassen. Schließlich lebte auch keiner der Verdächtigen in Hessen. Damit hätte auch eine andere Behörde die Männer angeklagt. "Wir wollten aber den Sachverstand nutzen", sagt Bussweiler. Schließlich hatte die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt den Fall ermittelt, gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt und in Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden in anderen Bundesländern und vier europäischen Ländern.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Drogenprozess startet in Gießener Kongresshalle

Provisorisch eingerichteter Gerichtssaal in eine Halle. Diverse Medienvertreter, Anwälte und einer der Ankgeklagte (verpixelt) sind zu sehen.
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Dabei ist das Gießener Landgericht für ein so großes Verfahren eigentlich gar nicht ausgelegt. "Gegen acht können wir in unserem größten Sitzungssaal verhandeln, aber nur ohne Abstand", berichtet Gerichtssprecherin Beate Bremer. Deshalb wurde in einem ersten Schritt ein Teil des Verfahrens abgetrennt, sodass nun zunächst einmal nur sieben der elf Angeklagten vor Gericht stehen. Gegen die anderen wird verhandelt, wenn der erste Prozess abgeschlossen ist.

Der Prozess findet in der Stadthalle statt

In einem zweiten Schritt wurde das Verfahren in die Gießener Kongresshalle verlegt, um den Hygiene-Bestimmungen aufgrund der Corona-Pandemie Rechnung zu tragen. Die 500 Meter vom eigentlichen Landgericht entfernte Stadthalle steht zum einen ohnehin derzeit leer und sie bietet auf jeden Fall genügend Platz für alle Beteiligten.

Besondere Vorkehrungen wurden auch getroffen. So verbringen diejenigen Angeklagten, die derzeit in Untersuchungshaft sind, die Prozesspausen in umgebauten Bussen mit Arrestzellen, die in der Nähe der Halle geparkt sind. Insgesamt werden die Angeklagten 320 Taten beschuldigt. In dem ersten Teil, der nun beginnt und für den 14 Verhandlungstage angesetzt sind, geht es dabei nur um nur um neun Einzeltaten: den Entschluss zum Online-Drogenhandel, die Vorbereitungen und das Beschaffen der Ware.

Bei den anderen 311 Taten, die dann später verhandelt werden, geht es ums Verkaufen der Drogen. Konkret sollen die Männer die Betäubungsmittel aus den Niederlanden nach Deutschland gebracht, an unterschiedlichen Orten gelagert, portioniert und in kleinen Mengen an die Kunden verschickt haben.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 05.08.2020, 12.50 Uhr