Seit Neujahr sind in Darmstadt und Gernsheim wiederholt kleinere Erdbeben gemessen worden, zuletzt am Montagmorgen. Warum die Anwohner damit leben müssen und auch ohne Sorge damit leben können, erklärt der Leiter des hessischen Erdbebendienstes im Interview.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Leichtere Erdbeben in Gernsheim

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Als die Erde am Montagmorgen um 6.55 Uhr in Gernsheim (Groß-Gerau) bebte, hat dies so gut wie niemand mitbekommen. 15 Kilometer tief, mit einer niedrigen Magnitude von 1,9 soll sich das Beben ereignet haben. Das teilte das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) am Montag mit.

Solch ein Erdbeben ist in der Region längst kein Einzelfall: Bereits fünf Mal zuvor wurden in Südhessen Erdbeben registriert, allein vier Mal in Gernsheim, immer am frühen Morgen oder in der Nacht, mit einer maximalen Stärke von 2,1. In der Silvesternacht bebte auch in Darmstadt die Erde, in sieben Kilometern Tiefe, mit einer Stärke von 1,7.

Spürbar werden Erdbeben in diesem Gebiet und in Tiefenlagen von mehr als zehn Kilometern erst ab einer Magnitude von 2,5, erklärt Benjamin Homuth, Leiter des Hessischen Erdbebendienstes des HLNUG. Im Interview erklärt der Geologe, wieso sich Anwohner keine Sorgen machen müssen.

hessenschau.de: Sind die jüngsten Erdbeben in Südhessen normal?

Benjamin Homuth

Benjamin Homuth: Die Ereignisse der letzten Tage können tendenziell jederzeit auftreten. Das ist nichts Besonderes. Statistisch gesehen treten Erdbeben im Magnitude-Bereich um zwei in Südhessen so zwischen zehn und fünfzehn Mal im Jahr auf. Die können - wie jetzt - innerhalb weniger Tage auftreten, es können aber auch Wochen oder Monate dazwischen liegen. Es ist also nicht außergewöhnlich, dass drei bis vier Erdbeben hintereinander auftreten.

hessenschau.de: In Südhessen hat es nun aber schon sechs Erdbeben in weniger als einer Woche gegeben. Können wir hier von einer Erdbeben-Serie sprechen?

Homuth: Nein, ich denke nicht. Eine Erdbeben-Serie sollte einerseits über einen längeren Zeitraum anhalten, also über mehrere Wochen hinweg, und auch deutlich mehr Ereignisse aufweisen. Zur Einordnung: Wir hatten 2014/2015 im Odenwald bei Ober-Ramstadt eine Erdbeben-Serie mit 350 Ereignissen.

hessenschau.de: Warum sind Erdbeben in Südhessen so gewöhnlich? Warum bebt es ausgerechnet dort?

Homuth: Das südhessische Gebiet am Oberrheingraben gehört zu einer der ausgewiesenen Erdbebenzonen Deutschlands. Die Erdbebengefährdung ist dort im Vergleich zu anderen Regionen erhöht. Der Oberrheingraben ist ein prominentes Grabensystem in Deutschland, das von der Schweiz aus bis zu uns in den Frankfurter Raum und dann in die niederrheinische Bucht verläuft. Es ist komplett erdbebenaktiv. Das heißt, da treten immer mal wieder Erdbeben auf, meistens jedoch so, dass sie nicht gespürt, sondern nur mit sehr sensiblen Messgeräten erfasst werden.

Weitere Informationen

Details zu den Erdbeben

Das HLNUG listet im Internet alle Erdbeben-Vorkomnisse in Hessen auf - mit Ort, Uhrzeit, Tiefe und Magnitude. Hier finden Sie die Details zu den sechs Erdbeben in Südhessen.

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Im Vergleich zu den umliegenden Gebieten wie dem Odenwald und dem Taunus setzt sich das Gebiet ganz leicht. Gesteinsblöcke bewegen sich dort im Untergrund und wenn die mal aneinander hängen bleiben, übereinander oder nebeneinander vorbeigeschoben werden und sich verhaken, dann braucht es mehr Kraft, damit sie sich weiterbewegen. Durch die Lösungsprozesse kommt es schließlich zum Erdbeben.

hessenschau.de: Wo gab es in der Vergangenheit mehrfach Erdbeben?

Homuth: Generell waren die Jahre 2014/2015 sehr Erdbeben-stark. Es gab zu der Zeit viele Ereignisse im Odenwald bei Ober-Ramstadt, wie die bereits erwähnte Erdbeben-Serie mit 350 Beben. Im letzten Jahr hatten wir auch ziemlich viele Ereignisse im Taunus bei Bad Schwalbach, allerdings waren die Magnituden auch so schwach, dass das niemand mitbekommen hat. Es gab dort mehr als 100 Erdbeben. In den Vorjahren ist der Oberrheingraben allerdings nicht besonders aufgefallen im statistischen Schnitt.

Das stärkste Erdbeben, das es bislang unseres Wissens nach in Südhessen gab, lag im Gebiet Worms-Lorsch. Mit einer Magnitude von 4,9 war es auch deutlich stärker als die Erdbeben die zuletzt aufgetreten sind.

hessenschau.de: Müssen wir mit weiteren Beben in den nächsten Tagen in Südhessen rechnen?

Homuth: Mit solchen Ereignissen muss man im Oberrheingraben immer rechnen. Allerdings gibt es noch nicht so etwas wie eine Erdbeben-Vorhersage. Das hat noch niemand erfunden (lacht).

Das Gespräch führte Sophia Averesch.

Sendung: hr4, 06.01.2020, 17.45 Uhr