Corona-Test-Röhrchen

Flughafen und Teststrategie: Über die besonderen Herausforderungen für Hessens größte Stadt in Corona-Zeiten sprechen Frankfurts Gesundheitsamtsleiter und der Gesundheitsdezernent im Interview.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gesundheitsdezernent Stefan Majer: "Für Tests sollte ein Anlass vorliegen."

Corona-Proben im Labor
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Erkennt die neue Corona-Warn-App eine Plexiglasscheibe? Und warum werden nicht alle Schulkinder oder Bewohner in Altenheimen pauschal getestet? Über falsch positive Corona-Tests, was es mit einer zweieinhalb Seiten langen "Black List" für den Frankfurter Flughafen auf sich hat und warum das Frankfurter Gesundheitsamt eine Sonderrolle in Hessen einnimmt, berichten Frankfurts Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) und René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, im Gespräch mit hessenschau.de

Axel Hellman, Stefan Majer und Rene Gottschalk

hessenschau.de: Überall gibt es aktuell Lockerungen. Wie sieht es bei Ihnen im Gesundheitsamt aus? Ist Entspannung in Sicht?

Gottschalk: Ein bisschen schon. Wir haben ja ein großes Amt mit ungefähr 250 Mitarbeitern. Vor Ostern hatten wir so um die 80 Mitarbeiter allein in der Fallfindung - also der Nachverfolgung von Kontakten zu Infizierten. In der Zeit hatten wir in den anderen Bereichen nur Notdienste. Jetzt ist die Infektionszahl gering und momentan arbeiten in der Fallbearbeitung nur noch 15 Leute.

Majer: Es können aber jederzeit Mitarbeiter aus anderen städtischen Ämtern abgezogen werden. Wenn wir morgen einen großen Fall haben, dann müssen die anderen im Zweifelsfall Leute abgeben.

hessenschau.de: Inwiefern hat das Gesundheitsamt Frankfurt eine Sonderrolle in Hessen?

Gottschalk: Wir haben viele Flüchtlingsunterkünfte, wir haben den Flughafen. Wenn man sich die Liste der Länder ansieht, die eine 14-tägige Quarantäne erfordern nach der Einreise, dann sind das mittlerweile zweieinhalb DIN A4 Seiten. Und die Liste mit den problematischen Ländern wird immer länger. Das ist klar, so lange das so schwelt wie in Brasilien, in den USA, Südamerika, Afrika, Katar....

Majer: Am Anfang war das ein Riesenthema, das enorme Kapazitäten gebunden hat. Gerade als noch viele Rücktransporte kamen und auch schwierige Fälle ankamen und die Fallzahlen hier groß waren. Da war diese Doppelbelastung durch den Flughafen enorm.

hessenschau.de: Ende Mai gab es einen größeren Corona-Ausbruch in der Baptistengemeinde in Frankfurt-Rödelheim mit über 200 Infizierten. Wie kam es dazu?

Majer: Das Besondere war hier, dass es sich um eine freie Gemeinde handelt. Dort wird oft eine Frömmigkeit gelebt, die von starkem Singen, von Umarmungen von extrem viel Nähe geprägt ist. Und wo ich auch schon mal Sprüche gehört habe wie: "Wenn der Herr bei uns ist, dann hat das Corona-Virus doch keine Chance". Und wo man sich dann über Regeln hinweg gesetzt hat, und es dann ein böses Erwachen gab.

Gottschalk: Der Vorfall ist gut abgearbeitet worden, auch weil die Gemeinde sehr gut mitgearbeitet hat. In der Gemeinde kennen sich alle, deshalb hatten wir sehr schnell die gesamte Kontaktpersonenliste.

hessenschau.de: Bei Gottesdiensten gilt keine Maskenpflicht, nur eine Empfehlung...

Majer: Das war eindrücklich, dass die Gemeinde nach diesem ungeheuren Schock, weil der Gemeindevorstand schwer erkrankt war, sehr gut kooperiert hat. Aber davor haben sie sich eben nicht an die Empfehlungen gehalten. Ich hätte es schon sinnvoll gefunden, etwa da wo die Abstände nicht eingehalten werden können, eine Maskenpflicht anzuordnen. Wir haben es in den Flüchtlingsunterkünften verpflichtend gemacht, an vielen anderen Stellen sind Masken auch Pflicht. Warum nicht auch bei Gottesdiensten? So war es eben nur eine Empfehlung und die Verstöße sind deshalb auch nicht justitiabel.

hessenschau.de: Jetzt wo die Schulen wieder öffnen, gab es schon einige Infektionsfälle und manche Schule musste gleich wieder schließen. Führen Sie regelmäßige Screenings durch?

Gottschalk: Überall einfach mal ein Screening zu machen, macht keinen Sinn. Bei den geringen Fallzahlen, die wir haben, ist auch die Testfehlerrate viel höher.

Majer: Das Bundesgesundheitsministerium empfiehlt: Es muss ein Anlass vorliegen und dann kann man schnell und großzügig testen. So machen wir das in Frankfurt. Es gibt aber immer mehr Leute, die fordern: Was schert mich der Anlass? Ich teste einfach mal die 100.000 Schülerinnen und Schüler in Frankfurt. Und dann teste ich nicht nur die hier, sondern auch die in Offenbach und am besten in der ganzen Bundesrepublik. Wir haben das ausprobiert bei den Alten- und Pflegeheimen. Da haben wir einmal so eine Momentaufnahme gemacht. Und das Ergebnis war: Wir haben nicht überall ein bisschen was gefunden, sondern wir haben an ein paar Stellen gezielt etwas gefunden. Und das hat uns gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg waren. Es gibt aber immer noch eine Reihe von Leuten, die ihr Heil im möglichst wenig zielgerichteten Testen suchen. Die beauftragen dann auch Tests, die nicht wirklich verlässlich sind.

hessenschau.de: Was sind das für Tests?

Gottschalk: Es gibt Tests, die angeblich auf SARS-CoV-2 testen. Das sind zwar zugelassene Tests, die aber nicht spezifisch genug sind. Was wir brauchen ist ein Test, der wirklich zweifelsfrei nachweist, dass sie mit dem SARS-CoV-2 Virus infiziert sind. Wir haben in Deutschland allein vier verschiedene Corona-Viren. Da gibt es natürlich Kreuzreaktionen. Deswegen muss man einen Test haben, der mindestens zwei Marker hat. Viele dieser Testergebnisse von kleineren Laboren waren schlicht falsch, weil sie nur einen Marker dieses Virus nachweisen.

Majer: Wir haben in Frankfurt das große Glück, eng mit der Uniklinik und den Laboren dort zusammenzuarbeiten. Und sind deshalb immer auf dem Top-Level der medizinischen Erkenntnis.

hessenschau.de: Wer macht denn dann diese falschen Tests?

Gottschalk: Der Hausarzt schickt seine Proben an sein Labor. Und wenn das sagt, wir können auf SARS-CoV-2 testen, dann wird er das nicht anzweifeln.

hessenschau.de: Muss man dann nicht sagen: Diese Labore sollten nicht mehr testen?

Gottschalk: Das übersteigt unsere Kompetenz als Gesundheitsamt absolut. Wir können ja nicht zu einem Hausarzt sagen: Dieses Labor darfst du nicht mehr nehmen.

hessenschau.de: Haben Sie beide eigentlich schon die neue Corona-Warn-App installiert?

Majer: Ja klar! Sie zeigt immer noch grün an.

Gottschalk: Ich auch. Allein, dass ich mal weiß, wie oft kommt denn so eine Meldung. Das ist natürlich auch für uns im Gesundheitsamt interessant.

hessenschau.de: Wird die Warn-App Ihre Arbeit erleichtern?

Gottschalk: Ich befürchte eine Mehrarbeit für die Gesundheitsämter. Weil viel mehr Anfragen bei uns ankommen werden. "Ich hatte jetzt hier eine gelbe oder rote Meldung. Was soll ich machen?" Und wir haben es dann schwer. Weil ja auch keine Uhrzeit von dem Kontakt angegeben wird, rauszufinden, was da war.

Majer: Da kann es sein, dass das Gesundheitsamt wieder Unterstützung durch die Stadt braucht, was das Personal angeht, um in kriminalistischer Kleinarbeit herauszubekommen, gab es da wirklich einen Kontakt, oder gab es den nicht?

hessenschau.de: Sollen die Leute bei einer Rot-Meldung zuerst im Gesundheitsamt anrufen?

Gottschalk: Eigentlich sollen sie bei ihrem Arzt anrufen. Denn sie können sich mit dem roten Signal testen lassen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Erkennt die App eine Plexiglasscheibe?

Plexiglastrennscheibe im Café
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hessenschau.de: Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile der Warn-App?

Gottschalk: Eine der guten Seite an dieser App ist, dass die Leute bei einem roten Signal eine Berechtigung haben, dass der Arzt sie untersuchen darf.

Majer: Und, wenn die App die Leute daran erinnert: Das Thema Corona ist nicht rum, ich muss Abstand halten, ich muss Hygieneregeln einhalten und ich muss die Maske tragen. Dann geht es in die richtige Richtung. Themen die wir intern diskutiert haben waren etwa: Kennt die App eigentlich eine Plexiglasscheibe? In einem städtischen Amt gibt es ja zwischen Berater und Kunden eine solche Abtrennung. Und wenn das Virus nicht ein Hochsprungmeister ist und sich da rüber katapultiert, sind beide geschützt. Aber die App nimmt diese Plexiglasscheibe nicht wahr. Und meldet Risikokontakt.

hessenschau.de: Jetzt  ist Sommer. Die Fallzahlen sind gering und es gibt wenige Menschen mit einer Corona-Symptomatik. Befürchten Sie im Herbst ein Wiederaufflackern?

Gottschalk: Das ist ja noch ein bisschen hin. Und ich bin zuversichtlich, dass sich bis dahin auch was die medizinische Behandlung angeht noch was tut. Was aber helfen kann: Man sollte sich gegen Grippe impfen lassen. Je mehr Menschen sich gegen Grippe impfen lassen, umso besser. Und wenn wir im Herbst die Abstandregeln einhalten und unseren Mund-Nasen-Schutz immer noch tragen, dann sind das 90 Prozent der Miete.

Majer: Ich bin zurückhaltend. Ich glaube, dass wir sehr aufpassen müssen, dass nicht die ganzen Regeln, die die Leute jetzt gelernt haben, wieder über den Haufen geworfen werden und wir im Herbst wieder bei null anfangen müssen. Ich glaube wir brauchen einheitliche Strategien und Regeln. Was man den Menschen nicht vermitteln kann ist, wenn in Offenbach was anderes gilt als in Frankfurt oder in einem anderen Bundesland.

hessenschau.de: Wann wird Eintracht Frankfurt wieder vor vollem Haus spielen?

Majer: Ich habe immer noch die Bilder und Erfahrungen in den Knochen damals aus Bergamo, wo auch Zusammenhänge mit Fußballspielen da waren. Das ist eine brisante Frage, bei der ich immer sehr zurückhaltend sein werde. Mehr Enge zwischen Menschen als bei einem Fußballspiel ist nur in der Sauna! Und die sind nach wie vor gesperrt.

Die Fragen stellten Hanna Immich und Tobias Lübben.

Sendung: hr-iNFO, 24.06.2020, 09.30 Uhr