Der Kopf eines Wolfes

Wolfs-Weibchen sind bereits in Hessen sesshaft. Jetzt ist auch ein Rüde aufgetaucht. Experten rechnen fest mit der Gründung eines Rudels. Schäfer dagegen wollen die Raubtiere lieber tot sehen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Wolfsrüde könnte fürs erste Rudel sorgen

Wolf - Gehegeaufnahme im Tierpark Weilburg
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In Hessen lassen sich zunehmend Wölfe nieder. Sesshafte Weibchen gibt es laut den Behörden im Bundesland bereits. Sie leben in zwei Revieren. Eine Wölfin streift durch den Vogelsberg. Die andere lebt zwischen Nord- und Osthessen und wird Stölzinger Wölfin genannt.

Da nun ebenfalls in Osthessen bei Ludwigsau (Hersfeld-Rotenburg) auch erstmals ein Rüde aufgetaucht ist und genetisch nachgewiesen wurde, könnte Hessen bald sein erstes Rudel bekommen. Eine Aussicht, die unterschiedliche Reaktionen auslöst.

Carsten Nowak, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Wildtiergenetik am Frankfurter Senckenberg Institut, sagte dem hr: "Es kann tatsächlich sein, dass die sich begegnen und dass es ein Rudel gibt. Das ist nur eine Frage der Zeit, bis es in Hessen ein erstes Wolfsrudel geben wird."

Wölfe wandern zur Paarung ab

Wölfe wandern aus ihren Herkunftsrudeln meist im zweiten Lebensjahr ab, erschließen sich ein eigenes Territorium. Dort warten sie auf einen zuwandernden Partner. Denn im Herkunftsrudel pflanzen sich nur die Elterntiere fort, wie das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) erklärt.

Ob sich der nun neu registrierte Wolfsrüde in Hessen auf der Durchreise befindet oder ob er sich in diesem Gebiet niederlässt, ist noch offen, berichtete das HLNUG. Mehr Wölfe bedeuten mehr Konflikte. Denn neben Wildtieren gehören Weidetiere zur potenziellen Beute des streng geschützten Raubtiers.

Schäfer in Angst

Was Wildtier-Biologen mit wissenschaftlicher Neugier verfolgen, ist für Schafhalter ein Albtraum. Berufsschäfer Anton Göbel aus Spangenberg (Schwalm-Eder) hat schlaflose Nächte wegen der Raubtier-Gefahr: "Die Angst ist bald nicht mehr auszuhalten, dass etwas mit meinen Schafen ist." Er hat bereits Tiere an den Wolf verloren.

In Hungen (Gießen) hat sich Ralf Meisezahl, Hessens letzter festangestellter Stadtschäfer, gewappnet für die drohende Gefahr aus dem nahen Vogelsbergkreis. Er besorgte sich zum Schutz zwei mazedonische Herdenschutzhunde der Rasse Šarplaninac. Sie sind besonders robust und mit bis 60 Zentimetern Größe und 45 Kilogramm Gewicht imposante Wächter. Videos auf Youtube zeigen, wie es mutigen die Hunde im Kampf mit Wölfen aufnehmen.

Schäfer Anton Göbel stelle einen Elektroschutzzaun ein

Das Land Hessen versucht, sich um die Wolfsschäden zu kümmern. Damit werden die Tierhalter finanziell entschädigt und beim Herdenschutz - dem Bau von Elektrozäunen - unterstützt. Aus Sicht von Schäfer Göbel ist das wenig zielführend: "Das Geld nützt nichts. Wir können keine wolfssicheren Zäune bauen."

Die portablen Zäune seien zu niedrig und können von Wölfen überwunden werden, erklärte Göbel. Höhere und stabilere Zäune seien für mobile Schäfer aber nicht praktikabel. Burkhard Ernst, Sprecher des hessischen Verbands für Schafzucht- und -haltung, sagte: "Wenn ein Wolf gelernt hat, über Zäune zu springen, ist das ein Problem."

Liste der Wolfsrisse wird länger

Die Liste der Wolfsnachweise in Hessen ist lang. Schon in diesem Jahr gab es mehr als ein halbes Dutzend Verdachtsfälle. Auch die Liste der Wolfsrisse wird länger. Einige Weidetierhalter haben sich über Chats vernetzt, schicken sich Bilder von betroffenen Tieren und Warnungen. Es gibt auch immer wieder Forderungen, die Wölfe zu jagen und zu töten. Tenor: Das aus Osteuropa und Ostdeutschland eingewanderte Tier gehöre hier nicht her.

Das gerissene Kalb auf einer Weide bei Ulrichstein

Doch die Hürden für einen Abschuss sind hoch. Der Wolf ist bundes- und europarechtlich streng geschützt. Laut hessischem Umweltministerium müssen vor einem Abschuss die Behörden dokumentieren, dass das Tier übliche Schutzzäune mehrfach überwunden hat und die zumutbaren Optionen zum Weidetierschutz ausgeschöpft wurden. "Diese Voraussetzungen sind in Hessen bislang nicht erfüllt", teilte das Ministerium mit.

Naturschützer rechnet mit mehr Wölfen in Hessen

Thomas Norgall, hessischer Naturschutzreferent des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), beobachtet die Debatte mit Sorge: "Bundesweit sieht man eine gewisse Verhärtung der Fronten."

Eine große Gruppe sage: Der Wolf müsse weg. Allerdings sei der Abschuss rechtlich kaum möglich. Seine Prognose: "Wir haben die Tendenz, dass wir eher mehr Wölfe in Hessen bekommen."

Sendung: hr4, 01.02.2021, 15.30 Uhr