Röntgenaufnahme einer Hand
Durch Röntgenaufnahmen lässt sich das Alter in etwa bestimmen. Bild © picture-alliance/dpa

Die Kritik an der Altersfeststellung von minderjährigen Flüchtlingen nimmt zu. Nach der Messerattacke auf eine 17-Jährige in Darmstadt zweifelt die Staatsanwaltschaft am Alter des mutmaßlichen Täters. Das zuständige Jugendamt Frankfurt verteidigt seine Methode.

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Ein Hinweisschild zur vorübergehenden Schließung des Drogeriemarktes klebt an einer Eingangstür.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Zweifel an Altersangabe von Tatverdächtigem in Kandel

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Zwei Messerattacken auf junge Frauen, die sich in ihrem Ablauf sehr ähneln, sorgen für Diskussionen um die Altersbestimmung von minderjährigen Flüchtlingen. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt zweifelt am Alter eines Tatverdächtigen und die FDP im hessischen Landtag fordert als Oppositionsfraktion einheitliche Richtlinien bei der Altersbestimmung.

Fälle in Darmstadt und Kandel ähneln sich

In Darmstadt war eine 17-Jährige lebensgefährlich verletzt worden. Mutmaßlicher Täter ist der Ex-Freund, ein angeblich 16 Jahre alter Flüchtling. Einen tödlichen Ausgang nahm eine ähnliche Tat kurz nach Weihnachten im rheinland-pfälzischen Kandel. Dort soll der Angreifer 15 Jahre alt sein.

Neben dem Tatablauf gibt es nun eine weitere Parallele. In beiden Fällen sind Flüchtlinge tatverdächtig, für die zunächst das Jugendamt Frankfurt zuständig war. Das Jugendamt hatte die Afghanen jeweils als minderjährig eingestuft.

Für den Tatverdächtigen aus Darmstadt hatte das Amt das Geburtsdatum auf den 1.1.2001 festgesetzt, mit welcher Methode wisse man nicht, erklärte ein Sprecher der Stadt Darmstadt. Der mutmaßliche Täter von Kandel war im Mai 2016 auf 14 Jahre geschätzt worden. In beiden Fällen soll das festgestellte Alter nun medizinisch überprüft werden.

Tatverdächtiger "sieht deutlich älter aus"

Im Darmstädter Fall hegt die Staatsanwaltschaft Zweifel am Alter des jungen Mannes. Es werde ein Gutachten erstellt, teilte die Behörde am Freitag mit. Der Mann sei vermutlich ohne Papiere eingereist und sehe "deutlich älter aus", als es das angegebene Alter vermuten lasse, sagte eine Sprecherin. Andererseits seien das lediglich äußere Merkmale, die alleine noch keinen Hinweis auf das tatsächliche Alter lieferten.

"Wir gehen davon aus, dass ein Ergebnis des Gutachtens erst in einigen Monate vorliegt."Es müssten zahlreiche einzelne Untersuchungen, etwa der Zähne, vorgenommen werden.

Die Frage des Alters ist für das mögliche Strafmaß wichtig: Bei Minderjährigen würde das mildere Jugendstrafrecht angewendet, bei Volljährigen nicht unbedingt - je nach dem individuellen Reifegrad.

Jugendamt steht zu seiner Methode

Das Frankfurter Jugendamt verteidigt seine Praxis der "qualifizierten Inaugenscheinnahme". Darunter sei ein intensives Gespräch von zwei Sozialpädagogen mit dem Flüchtling zu verstehen, das mit Hilfe eines Dolmetschers entlang eines Kriterienkataloges geführt werde, erklärte Rainer Johne, Leiter der Frankfurter Jugendgerichtshilfe.

Man halte sich an die Vorschriften, die die Inaugenscheinnahme als Standardverfahren vorsähen. Und die werde in Frankfurt sehr gewissenhaft durchgeführt, sagte ein Sprecher:

"Neben dem äußeren Erscheinungsbild und den eigenen Angaben zum Alter werden die in dem Gespräch gewonnenen Informationen, insbesondere zum Entwicklungsstand, zum Schulbesuch, Fluchtweg und biografische Daten, bewertet und auf Plausibilität geprüft." Das ganze Gespräch werde schriftlich dokumentiert.

FDP schlägt Verschiebung der Beweislast vor

Die FDP im hessischen Landtag übt an der Handhabung der Altersfeststellung grundsätzlich Kritik. Die Landesregierung verfolge keine einheitliche Linie bei der Altersfeststellung minderjähriger Flüchtlinge, kritisierte Wolfgang Greilich, innenpolitischer Sprecher der Fraktion am Freitag.

In einem Antrag fordert die FDP eine Beweislastverschiebung. Das bedeutet, dass jeder als Erwachsener behandelt werden solle, der "sein Alter nicht nachweisen kann und auch nicht durch eine Untersuchung einen Beitrag zur Altersfeststellung beitragen will."