Die Ratte sitzt in Bensheim in einem Gullydeckel fest.

Gut 1.600 Kilometer lang ist das Kanalnetz unter Frankfurt. Für Ratten wegen der Fülle von in Toiletten entsorgten Lebensmitteln ein Paradies, für die städtischen Schädlingsbekämpfer ein niemals endendes Problem.

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hessenschau vom 05.02.2020
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Stefan Friedrich arbeitet als Rattenbekämpfer bei der Frankfurter Stadtentwässerung. Und damit hat er gut zu tun. "Eine Volkszählung wurde noch nicht gemacht, aber man sagt, dass es zwei bis drei Ratten pro Einwohner gibt", sagt Friedrich, kurz bevor er an diesem Dienstag in die Kanalisation hinabsteigt.

Hochgerechnet bedeutet die Aussage des Rattenbekämpfers, dass in der Frankfurter Unterwelt zwischen 1,5 und 2,2 Millionen Ratten leben. Damit es nicht noch mehr werden, suchen Friedrich und seine Kollegen die Ratten-Hotspots, um die Nager dort zu bekämpfen. Von dem zwölfköpfigen Rattenbekämpfer-Team sind vier Kollegen ständig in tödlicher Mission unterwegs.

Stefan Friedrich, Rattenbekämpfer der Frankfurter Stadtentwässerung

Obacht vor tödlichen Faulgasen

Bevor sie in einen der 13.000 Kanalschächte in der Stadt hinuntersteigen, lassen sie ein Messgerät in den Schacht hinab. "Es können sich Faulgase in der Kanalisation bilden. Diese führen zu Sauerstoffmangel und, wenn es ganz schlimm läuft, zum Tode", erzählt Stefan Friedrich. In den meisten Kanälen fließen Regen- und Abwasser in den gleichen Rinnen - dort schwimmen dann auch Kot, Urin und Essenreste.

Rattenbekämpfer der Frankfurter Stadtentwässerung öffnen einen Gullydeckel

Die Aussicht darauf zieht einen Begleiter der Schädlingsbekämpfer nicht gerade von selbst hinunter - doch unten ist der Gestank überraschend erträglich. Wegen der Gefahr der Faulgase tragen Friedrich und seine Kollegen auf ihren Streifzügen durch die Kanalisation immer ein Notfall-Atemgerät in einem silbernen Kästchen am Gürtel bei sich. Das bringt im Notfall 20 Minuten, die reichen müssen, um an die Oberfläche zu kommen.

Bis die Rattenjäger in der Kanalisation sind, haben die scheuen Tiere längst das Weite gesucht. Stefan Friedrich kann sich daher nur auf die Kotspuren konzentrieren, welche die Nager hinterlassen. "Manchmal sieht man noch den nackten Schwanz, wenn die Ratte flieht, während man den Kanaldeckel anhebt", erzählt Friedrich. Auch an diesem Dienstag lässt sich kein Tier blicken. Aber jede Menge Hinterlassenschaften. Ganz klar: Das hier ist das Reich der Ratten.

Das rund 1.600 Kilometer lange Kanalnetz ist weit verzweigt, zum Teil wurde es in den 1860er Jahren erbaut. Manche Kanäle sind so groß, dass die Rattenbekämpfer locker stehen können. Woanders können sie nur krabbeln, wieder andere Rohre sind selbst dafür zu klein. Wenn Friedrich Anzeichen für viele Ratten an einem Ort - also viel Kot - findet, merkt er sich die Stelle, um die Tiere später zu vergiften.

Stefan Friedrich, Rattenbekämpfer der Frankfurter Stadtentwässerung, inspiziert einen Abwasserkanal

Viel Zeit kann er sich damit nicht lassen, denn Ratten vermehren sich schnell. Sie bekommen mehrmals im Jahr Nachwuchs und sind nach wenigen Monaten geschlechtsreif. So kann ein Rattenpaar bis zu 1.000 Nachkommen haben - pro Jahr.

Gift lässt Tiere innerlich verbluten

Die Rattenbekämpfer rücken normalerweise in Zweierteams an: Einer guckt unten nach Hotspots, der andere erledigt die Hauptaufgabe von der Straße aus. An einer langen Drahtspule bringt er einen Giftköder an, der wie ein Stück Kernseife aussieht. "Da ist ein Blutgerinnungshemmer drin. Damit die Ratte quasi innerlich verblutet. Soll ziemlich schmerzfrei sein", erklärt Stefan Friedrich, während er den Draht so am Kanaldeckel befestigt, dass der Köder fünf Meter weiter unten knapp über dem Abwasser im Kanal schwebt.

Giftköder der Rattenbekämpfer der Frankfurter Stadtentwässerung

Zwei bis drei Tage dauert es nach Aussage des Rattenbekämpfers, bis die Tiere an dem Gift sterben. Würde es schneller gehen, wüssten die schlauen Tierchen bald, woran sie sterben - ihre Artgenossen würden die Köder dann meiden.

Das größte Problem der Rattenjäger: die Menschen

Beim Blick in das Abwasser entdeckt Stefan Friedrich immer wieder Maiskörner oder Salatblätter, sie sind in der trüben Brühe gut zu erkennen. Er klagt: "Viele Essensreste werden einfach ins Klo gespült. Da schwimmt das Essen an den Ratten vorbei, die müssen nicht mal mehr an die Oberfläche. Die haben ihre Ruhe hier unten. Das ist ein Drive-In für die Ratten, das ist natürlich nicht so toll."

Wenn die Ratten nicht ganz so leicht an Nahrung kommen würden, müssten die Männer von der Stadtentwässerung auch weniger vergiften. Denn so sehr sie ihren Job mögen, wie Stefan Friedrich sagt - Tiere zu töten macht auch ihnen keinen Spaß.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 05.02.2020, 19.30 Uhr