Ulrich Kutschera nach der Urteilsverkündung.

Der Strafprozess um homophobe Äußerungen des Kasseler Biologieprofessors Ulrich Kutschera geht in eine neue Runde. Wie ein Sprecher des Amtsgericht Kassel sagte, habe Kutschera inzwischen Berufung gegen das Urteil eingelegt.

Mit dem Antrag auf Berufung, der am Dienstag bekannt wurde, geht der Fall voraussichtlich vor das Landgericht Kassel. Der verurteilte Biologe war am Montag vom Amtsgericht Kassel wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe von insgesamt 6.000 Euro verurteilt worden. Der Fall hatte große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt.

Kutschera hatte 2017 dem Internetportal "kath.net" ein Interview zum Thema "Ehe für alle" gegeben. Dort vertrat er die Position, dass in homosexuellen Partnerschaften Kindesmissbrauch wahrscheinlicher wäre, homosexuelle Paare seien "sterile, asexuelle Erotik-Duos ohne Reproduktions-Potenzial“.

Am Montag war Berufung noch unklar

Nach dem Urteil war Kutschera am Montag noch strahlend vor die Fernsehkameras getreten - immerhin war er vom schwerwiegenden Vorwurf der Volksverhetzung freigesprochen worden.

Ob er gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen werde, hatte er am Montag noch nicht sagen wollen. Zu Beginn des Prozesses hatte er angekündigt, im Namen der Wissenschaft bis zum Bundesgerichtshof ziehen zu wollen.

Richter erklärt die Grenzen der Meinungsfreiheit

Im Prozess hatte der Richter Henning Leyhe Kutschera geduldig erklärt, wo Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit ende und die Beleidigung anfange - ein Streit, der auch in der Öffentlichkeit über den Fall entbrannt war. Bevor der Richter am Montag das Urteil sprach, schickte er vorweg: "Es geht nicht um den guten oder schlechten Geschmack."

Kutschera habe Werturteile gefällt, sagte der Richter, mit Begriffen wie Homosexuelle hätten eine "Falschpolung" und bei Adoptionen sei ein "erhöhter Kindesmissbrauch" wahrscheinlich. Da helfe es auch nicht, angebliche Fakten zu präsentieren, denn auch die Auswahl der Fakten sei bereits eine Wertung, so der Richter.

Er empfahl Kutschera eine "Mäßigung im Diskurs": "Man kann Sachen ablehnen, aber nicht herabwürdigen", erklärte er dem Angeklagten. Auch seien homosexuelle Paare keine "Erotikduos", widerlegte er eine der Definitionen von Kutschera, der Mensch sei ein soziales Wesen, in jeder Beziehung gehe es auch ums Zusammenleben und gemeinsame Ziele - nicht nur um Sex.

Freispruch von Volksverhetzung

Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer auch eine Verurteilung wegen Volksverhetzung gefordert, Kutschera habe die Menschenwürde Homosexueller in "höchstem Maße herabgewürdigt", sagte sie. Diesen Tatbestand sah der Richter allerdings nicht erfüllt.

Ins Urteil floss mildernd ein, dass das Verfahren bereits seit 2017 läuft und Kutschera keine Vorstrafen hat. Von einer angeblichen Unfallflucht, die mitverhandelt wurde, sprach das Gericht ihn frei.

Kutschera: "Wollte Homosexuelle nicht verletzen"

Kutscheras Verteidiger hatte auf Freispruch plädiert, er stellte die Frage in den Raum: "Wieviel Zuspitzung müssen wir ertragen?". Was Kutschera sagte, sah er von der Meinungsfreiheit als gedeckt.

Kutschera hatte sich in seinen Ausführungen mehrfach vor Gericht bemüht, wissenschaftliche Belege für seine Thesen zu präsentieren und Zeugen zu benennen, die seine Beweise unterstützten. In seinem Schlusswort sagte er, er habe Homosexuelle nicht verletzen oder kriminalisieren wollen.

Gleichzeitig zeigte er den Zuschauern und dem Gericht ausgedruckte Fotos von einem Mädchen mit Verletzungen vom Ritzen und erklärte, 90 Prozent der Mädchen, die ohne Vater aufwachsen, würden sich selbst verletzten.

Er sorge sich um das "Kindeswohl" derjenigen, die ohne Vater oder ohne Mutter bei einem homosexuellen Paar aufwachsen. Außerdem könne er kein Homofeind sein: Er sei in der Alexander-von-Humboldt-Stiftung aktiv, der - so meint Kutschera nach der Lektüre der Biographie - ebenso schwul sei wie der Komponist Tschaikowski, den er schon in einem seiner Büchern gelobt habe. Außerdem würde er mit schwulen Wissenschaftlern zusammenarbeiten.

Zeuge: "In meiner Menschenwürde verletzt"

Kutschera war nach dem Interview von 17 Personen angezeigt worden, einer von ihnen trat am Montag auch als Zeuge auf. Der 52-jährige Arzt und Psychotherapeut aus Berlin berichtete, er habe sich durch das Interview als Homosexueller in seiner Menschenwürde verletzt gefühlt.

Durch Kutscheras Äußerungen sei er beleidigt worden als potentielles "Homo-Kinderschänder-Szenario". Er werde auf eine Ebene mit Verbrechern und Sexualstraftätert gestellt, er sei ein Risiko und ein Sozialschmarotzer.

Für ihn sei damit die "rote Linie" überschritten worden, er sehe die Äußerungen als "Hassrede". Sein Bekanntenkreis habe geschockt reagiert, Bekannte hätten selbst Kinder in homosexuellen Beziehungen. In seinem Bekanntenkreis würden solche Äußerungen Ängste auslösen.

Weitere disziplinarische Folgen möglich

Das rechtskräftige Urteil könnte auch Folgen für Kutscheras Professur an der Universität Kassel haben: Werde das Urteil rechtskräftig, habe die Universität Kassel als Dienstbehörde zu prüfen, ob sich daraus disziplinarische Folgen ergeben, erklärte Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) am Montag.

Auch die Universität Kassel wartet auf das rechtskräftige Urteil. "Positiv in die Zukunft gewendet" könne die Universität jedoch mitteilen, dass das Berufungsverfahren für die Nachfolge des 65-jährigen Kutschera auf einem guten Weg sei. Der Ruf sei bereits erteilt worden, erklärte die Universität noch am Montagabend.

Sendung: hr-iNFO, 04.08.2020, 17.00 Uhr