Drei Fotos zeigen Menschen, die anatomische Objekte für die Ausstellung Körperwelten präparieren.

Die Ausstellung "Körperwelten" kommt nach Kassel. Die Wandlung von der Leiche zum Plastinat wird in einer alten Fabrik in Brandenburg vollzogen – eine Mischung aus Medizinlabor und Skurrilitäten-Kabinett.

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In Brandenburg werden die Ausstellungsstücke für "Körperwelten" gefertigt
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Im tiefsten Brandenburg, in einer alten Hutfabrik aus dunkelrotem Backstein, werden aus Leichen Ausstellungsstücke für Körperwelten. Die Körper werden kurz nach dem Tod geliefert und bleiben, bis aus ihnen ein robustes und sogar wetterfestes Plastinat geworden ist. Statt Gewebsflüssigkeit, Blut und Fett soll gehärteter Kunststoff die Körper für die Unsterblichkeit rüsten. Als der Anatom Gunther von Hagens in den 90er Jahren anfing, die plastinierten Körper auszustellen, wurde das von vielen noch als Provokation aufgefasst.

Die Aufregung sei längst verpufft, sagt sein Sohn Rurik, der mittlerweile die Geschäfte von seinem Vater übernommen hat. "Wir machen hier nicht aus einem Menschen ein Möbelstück oder aus einem Gehirn einen Blumenkohl", sagt Rurik von Hagens über die Diskussion um die Menschenwürde. Die Spender meldeten sich freiwillig. Und überhaupt beachte "Körperwelten" die 16 deutschen Bestattungsgesetze, für jedes Bundesland eines.

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hs
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An diesem Freitag kommt die "Körperwelten"-Ausstellung nach Kassel, Tausende haben sich schon Karten gesichert, mehrere Schulklassen sind für Führungen angemeldet.

Das "Bodymobil" liefert zwei neue Leichen

Die Körperfabrik im brandenburgischen Guben besteht aus einem unübersichtlichen Geflecht aus Höfen und Hallen. Vor dem Hauptgebäude steht ein weißer Transporter: Das "Bodymobil" hat gerade Nachschub geliefert, die zwei Leichen liegen schon unter einer weißen Plastikplane in einer kalten Halle. Hier beginnt ihr Weg nach dem Leben: Begutachtung, Registrierung, ein Bad in Formalin, damit die Verwesung gestoppt wird, und dann erst mal zur Lagerung.

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Körperwelten in Kassel

Vom 21. Februar bis 17. Mai ist die Ausstellung "Herzenssache" von Körperwelten in den Kasseler documenta-Hallen zu sehen. Es geht um das Herz und die Frage, was haben ungesundes Essen, wenig Bewegung und Rauchen für Auswirkungen auf unseren Körper?

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"Wir haben ganze Leichen, Leichen zum Teil, wir haben auf jeden Fall genug Leichen im Keller", sagt Rurik von Hagens, zwischen 200 und 300 seien es aktuell. Zwei bis drei neue Leichen kommen in der Woche nach Guben, alleine in Deutschland leben noch über 15.000 Körperspender, eigentlich zu viele.

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Rurik von Hagens, Geschäftsführer der "Körperwelten", im Interview
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"Es wird keine Werbung mehr für Körperspenden gemacht", sagt er, ablehnen würde man aber niemanden. Anders als sein Vater hat der 39-Jährige BWL studiert und hätte – so wirkt es manchmal – im Nachhinein gerne seinen Vater davon abgehalten, 2006 eine Ruine an der polnischen Grenze für einen symbolischen Euro zu erwerben, um im großen Umfang Plastinate herzustellen. Aber Gunther von Hagens denkt groß.

Gunther von Hagens Zuhause: Fitnesszimmer und Sex-Plastinate

So entstanden zwei Welten in der Fabrik: eine mit Neonlicht ausgeleuchtete medizinische Manufaktur von menschlichen Plastinaten und eine - noch skurrilere - Welt, in der Gunther von Hagens seine Kunst vorantreibt und sich auch ein wenig selbst ausstellt.

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Das macht er auch noch mit 75 Jahren, erklärt Gunther von Hagens den Besuchern. Weil er seit einigen Jahren unter der Nervenkrankheit Parkinson leidet, arbeitet er allerdings nur noch vier oder sechs Stunden am Tag – statt wie früher 16. Die Krankheit hindert ihn am flüssigen Sprechen und Laufen. Beim Sprechen hilft ihm ein kleiner Kopfhörer, durch den er ein Metronom-ähnliches Klopfen hört. Dieser Takt hilft ihm beim Sprechen. Manchmal muss sein Sohn die schwer verständlichen Worte seines Vaters in Sätze bringen.

Zerschnitten werden nicht nur Menschen

Weil Gunther von Hagens nicht mehr sehr mobil ist, hat er sich auf einem der Flure der Fabrik Privaträume eingerichtet, die er gerne zeigt: Wohnzimmer, Fitnessraum, Schlafzimmer - wo über einem plüschigen Bett ein in Scheiben geschnittenes Plastinat zweier Menschen beim Sex post mortem hängt - ein Labor und das rosa ausgeleuchtete Hobby-Zimmer mit seiner Kakteen-Zucht. Sein Hündchen Bella klebt immer an seinen Fersen (das ist ausnahmsweise sprichwörtlich gemeint), gekleidet in einem rot-weißen Mini-Strickjäckchen.

Am liebsten würde Gunther von Hagens in Kassel auch an der documenta teilnehmen, sagt er. Neben Menschen zersägt von Hagens nämlich auch alles andere: In einem der Räume hängen Drucke von Scheiben plastinierter Erdbeeren, Füße in High Heels oder zerschnittene Bügeleisen. In einer der Fabrikhallen steht ein in zwei Teile zersägter Panzer. Auf dem Hof davor schwimmt ein Hammerhai in einem mit Formalin gefüllten Betonbecken – das ist aber keine Kunst, sondern schon wieder Wissenschaft. Die Grenzen verschwimmen.

Fett, Muskeln und ein Geruch von Fleisch

Sein Sohn Rurik zeigt den medizinischen Teil der Körperfabrik. Rund 80 Mitarbeiter aus der Gegend arbeiten an den toten Körpern. Im Raum hängt ein dezenter Geruch von modrigem Fleisch. Sabine Wegener arbeitete früher in einem Seniorenheim mit Demenzkranken, jetzt sitzt sie gebeugt über einem menschlichen Becken, bei dem Knochen, Muskeln, Sehnen und Blutgefäße durch einen geraden Schnitt sichtbar geworden sind.

Mit langen Pinzetten, Skalpell und Scheren zieht sie gelbliche Fäden zwischen den braunen Muskeln hervor: Fett und Bindegewebe. Später sollen Studierende an dem Plastinat die Beckenbodenmuskulatur erforschen. Ein anderer Mitarbeiter arbeitet an einem Kopf, die Königsdiszplin des Präparierens erfordert viel Erfahrung.

Eine ruhige Hand und Geduld seien das Wichtigste, was Mitarbeiter mitbringen müssten, sagt Rurik von Hagens. Niemand muss Arzt sein, um hier zu arbeiten, es gibt Schlosser, Krankenpflegerinnen, Modellbauer und sogar einen Hutmacher. Rund 1.500 Arbeitsstunden können in einem Plastinat stecken.

Großbestellung aus Kalifornien

Rund 90 Prozent der Plastinate aus Guben werden von Universitäten bestellt. Die Hochschulen ordern ganze Körper, einzelne Organe, ein Becken oder einen Arm. Die Herstellung braucht Zeit, die einzelnen Schritte zur Konservierung, Präparierung, Positionierung und Härtung mit Kunststoffen können Monate und tausende Stunden Arbeit kosten.

Wenn aus den Leichen Plastinat geworden ist, kommen sie ins Lager: Arme und Beine hängen an Fleischerhaken, wer noch eine Milz oder eine Herz braucht, könnte mit etwas Glück fündig werden – ansonsten müssen Universitäten eben länger auf ihre Wunschobjekte warten.

Einer der Mitarbeiter ist für die Verpackung zuständig: Er umwickelt die Plastinate mit Luftpolsterfolie und steckt sie für den Transport nach Kalifornien in riesige Holzkisten. Um Werbung zu machen, reist Rurik von Hagens mit Leichenteilen im Koffer zu Kongressen und Universitäten auf der ganzen Welt. "Da gibt es schon mal komische Blicke am Flughafen", sagt er. Mit der Flughafen-Security hatte er bei der Gepäckkontrolle aber mit etwas anderem Ärger: Für seinen Vater hatte er mal ein zersägtes Gewehr im Gepäck.

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Körperwelten in Zahlen

  • Insgesamt haben sich weltweit rund 19.200 Menschen in der Körperspender-Datei von Körperwelten registrieren lassen, der Großteil aus Deutschland. Über 2.300 der deutschen Spender sind bereits verstorben und nach dem Tod für die Wissenschaft oder Ausstellungen plastiniert worden.
  • In Hessen haben sich rund 1.000 Menschen als Körperspender registriert.
  • Rund 80 Prozent der Körperspender haben sich damit einverstanden erklärt, nach ihrem Tod an öffentlichen Orten ausgestellt zu werden.
  • Allein in Deutschland muss Körperwelten 16 verschiedene Bestattungsregeln beachten – jedes Bundesland hat eines.
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Sendung; hr-fernsehen, hessenschau, 26.02.2020, 19.30 Uhr