Bildkombo: Skyline Frankfurt/ Kokain auf einem Spiegel ausgelegt

Statistisch schnupft jeder Frankfurter zwei Lines reines Kokain im Jahr. Der Konsum der Droge aus Südamerika steigt. Das beobachten Sozialarbeiter in der Szene, und das lässt sich im Wasser des Mains nachweisen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Messungen im Main geben Auskunft über Kokain-Konsum

Päckchenweise Kokain beim Zoll
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Kokain hinterlässt Spuren. Über ihren Urin scheiden die Konsumenten eine Substanz aus, die – via Kanalisation und Klärwerk – im Main landet. Und dort landet immer mehr davon. Auch Crack-Raucher tragen zu diesem Phänomen bei, denn Crack besteht zu einem gewissen Anteil auch aus Kokain.

Die Konzentration des Kokain-Abbauproduktes BEC sei deutlich gestiegen, sagt Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg. Im April haben seine Mitarbeiter dem Main in Frankfurt im Auftrag des hr Proben entnommen, unter anderem in Griesheim auf Höhe der Kläranlage. Die Auswertung der Proben zeigt nun: In Griesheim hat sich die Konzentration seit 2006 verdoppelt. Bei Messungen in Frankfurt-Höchst zeigte sich eine Steigerung um 50 Prozent gegenüber 2006.

Kokainschwemme aus Südamerika

Sörgels Messungen bestätigen, was Kenner der Drogenszene wie Wolfgang Barth schon länger vermuten. Barth leitet den Frankfurter Drogennotdienst. Nach seiner Beobachtung ist die Drogenszene seit einigen Jahren durchgängig mit Kokain und Crack versorgt: "Wir sehen Kokain- und Crack-Konsum alltäglich, mittlerweise weitaus häufiger als den Konsum von Heroin." Das sei ein Wandel, der sich seit Jahren beobachten lasse. Druckräume für Drogenabhängige gibt es in Frankfurt mittlerweile seit 25 Jahren.

Das Bundeskriminalamt geht sogar von einer regelrechten Kokainschwemme aus und macht das an der großen Menge sichergestellten Stoffs fest. Das meiste davon kommt aus Südamerika. Die Fahnder könnten immer nur einen Bruchteil der eingeführten Drogen aufspüren, also müsse derzeit so viel Koks auf dem Schwarzmarkt landen wie selten zuvor – so die Schlussfolgerung der Experten. Und die Messungen des Pharmakologen Sörgel zeigen: Die Koksschwemme kommt auch im Main an.

Im Durchschnitt ein bis zwei Lines Koks pro Kopf pro Jahr

Die Wasseranalytik gilt als einer der wenigen verlässlichen Indikatoren für den tatsächlichen Konsum. Seit einigen Jahren verwendet auch die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen in Lissabon diese Methode. Bei Messungen in europäischen Städten im Jahr 2017 lag Frankfurt beim geschätzten Kokain-Konsum pro Einwohner auf Platz 14 von 60 Städten, noch vor Metropolen wie Paris, Berlin und Mailand.

Die EU-Experten errechneten für Frankfurt einen durchschnittlichen Tagesverbrauch von 0,4 Milligramm pro Kopf. Mit anderen Worten: Jeder Frankfurter schnupft demnach im Durchschnitt ein bis zwei Lines reines Koks pro Jahr. Der Pharmakologe Sörgel ist vorsichtig mit solchen Hochrechnungen. Auch das Drogenreferat der Stadt gibt keine genauen Zahlen an. Wer wie viel Kokain in Frankfurt konsumiere, sei ein Dunkelfeld.

Espresso - Energy Drink - Kokain

Der Trend ist aber eindeutig: Es wird deutlich mehr konsumiert als noch bei der zurückliegenden Wasserprobe vor 13 Jahren, und das nicht nur im Frankfurter Bahnhofsviertel. Szene-Kenner Wolfgang Barth glaubt, dass Kokain in vielen gesellschaftlichen Gruppen immer selbstverständlicher als vermeintlich leistungssteigerndes Mittel verwendet wird – sozusagen als die "logische Steigerung von Espresso und Energy Drink".

Aber ganz gleich, wer es konsumiert und warum, ob der Crack-Raucher im Bahnhofsviertel oder ein Banker im Büro: Ihre Ausscheidungen lassen sich am Ende im Main nachweisen.

Sendung: hr-iNFO, 06.12.2019, 6 Uhr