Fluthelfer Wilhelm Hartmann sitzt im Führerhaus eines Räumfahrzeuges und schaut in die Kamera.

Ein Gartenbau-Unternehmer hat nach der Hochwasser-Katastrophe in Rheinland-Pfalz ein großes Hilfsprogramm auf die Beine gestellt - mit Fluthelfern, Maschinen und dem Bau eines Containerdorfs. Das hat ihn eine Viertelmillion gekostet. Nun droht er auf den Kosten sitzen zu bleiben.

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Audioseite Fluthelfer bleibt auf Kosten sitzen und kämpft um Erstattung

Fluthelfer Wilhelm Hartmann aus Fulda vor einem Fahrzeug
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Sein freiwilliges Engagement und die finanzielle Unterstützung für die Menschen im Ahrtal (Rheinland-Pfalz) nach der Hochwasser-Katastrophe drohen für einen Fluthelfer aus Hessen zum Fiasko zu werden. Mit Tatkraft hatte sich der Fuldaer Gartenbau-Unternehmer Wilhelm Hartmann noch in der Nacht der verheerenden Überschwemmungen in Westdeutschland in diese Mission gestürzt.

Hartmann hat schon häufiger bei Flutkatastrophen geholfen, etwa an der Elbe. Auch diesmal trommelte er schnell ein Unterstützer-Netzwerk zusammen. Er wurde mit seinen Leuten von der Feuerwehr ins rheinland-pfälzische Walporzheim (Ahrweiler) geschickt. Dort baute er im Laufe der Zeit ein riesiges Zelt als Zwischenlager für Baustoffe und Material sowie ein Container-Dorf auf. Es wurde ihm zu Ehren "Wilhelmshafen" genannt. Rund 200 Helfern und obdachlos gewordenen Bürgern dient das Camp als Übergangsunterkunft.

Fluthelfer: "Ich habe ein Helfer-Syndrom"

Hartmann hilft seit Mitte Juli mit Menschen und Maschinen aus seinem Betrieb. Er war zeitweilig im Dauereinsatz. Mittlerweile nur noch 70 Prozent seiner Zeit, wie er sagt. "Ich habe ein Helfer-Syndrom, kann nicht wegschauen", sagt er. Hartmann liebt nach eigenen Angaben Herausforderungen, vor allem komplizierte.

Auf die Hilfsbereitschaft folgte allerdings schnell die Ernüchterung. Der 48-Jährige muss sich mit Bürokraten herumschlagen, damit er etwas für seine Hilfe zurück bekommt. Hartmann sagt: "Mein Aufwand beläuft sich mittlerweile auf 250.000 Euro. Die Hilfe habe ich schnell und unbürokratisch geleistet. Das war in dieser katastrophalen Lage einfach geboten."

Allein 150.000 Euro für die Container

Der Firmeninhaber hat Angst, auf den Kosten sitzen zu bleiben. "Ich muss den Behörden hinterherlaufen. Das ist enttäuschend und kommt einer Ohrfeige gleich. Ich habe das Geld aus eigener Tasche vorgestreckt und hoffe, dass es zeitnah zurückerstattet wird." Er wolle keinen Profit herausschlagen, nur eine Kostendeckung.

Doch bei der Frage, wer für Zahlungen an freiwillige Helfer zuständig ist, schauen sich die Akteure der öffentlichen Hand offenbar erstmal gegenseitig an. "Es fühlt sich niemand verantwortlich. Die Behörden sind total überfordert und auch erschrocken wegen der Kosten." Allein die Beschaffung und die Einrichtung der Container habe mehr als 150.000 Euro gekostet.

Zudem fielen laufende Betriebskosten an. Nach langem Hin und Her heißt es nun: Die Kreisverwaltung Ahrweiler ist zuständig, wenn's ums Geld geht. Wie es weitergeht? "Sie denkt darüber nach", erfuhr Hartmann.

Laster und Bagger bei Aufräumarbeiten im Einsatz nach dem Hochwasser im Ahrtal.

Ob Helfer Hartmann etwas zurückbekommt oder auf seinen Kosten sitzen bleibt, ist noch ungewiss. Eine Stellungnahme der Kreisverwaltung steht noch aus. Fest steht: Hartmann ist mit seinen Sorgen um Ausgleich für die Hilfen nicht alleine. Er wisse von weiteren Unternehmern, denen es genauso gehe. Doch auch deren Möglichkeiten zur Unterstützung seien begrenzt.

Vermögen und Betriebsmittel eingesetzt

Hartmann setzte als Unternehmer, der Verantwortung für 140 Mitarbeiter trägt, sein eigenes Vermögen und Betriebsmittel für die Katastrophenhilfe ein. Für die Bergungsarbeiten transportierte er Bagger und Radlader ins Ahrtal. Lastwagen begaben sich mit Helfertrupps auf die Reise. In Spitzenzeiten waren mehr als ein Dutzend Helfer auf Hartmanns Kosten im Einsatz, mittlerweile sind es nur noch drei. Aber auch die wollen bezahlt werden.

Die Helfer aus Fulda kämpften gegen Schuttberge an. Hartmann machte dabei auch Erfahrungen, die er nicht so schnell vergessen wird. Er traf mehrfach auf Leichen. "Manchmal war es auch nur ein Unterarm. Der Rest wurde fortgespült - schrecklich. Wir haben uns oft in den Armen gelegen und Rotz und Wasser geheult."

"Naiv? Die Hilfen waren notwendig!"

Zur potenziellen Kritik, er habe womöglich ungefragt und ohne Auftrag Leistungen erbracht, für die man nicht zwangsläufig Geld verlangen dürfe, sagt Hartmann: "Ich muss es akzeptieren, wenn das Menschen womöglich 'naiv' nennen. Aber für mich ist es eine Selbstverständlichkeit bei solchen Katastrophen schnell zu helfen." Und der Ortsvorsteher von Walporzheim, Gregor Sebastian (CDU), habe ihm die Notwendigkeit seiner Hilfen mündlich bestätigt.

Sebastian sagte nun im Interview mit dem WDR: "Die Helfer der ersten Stunde haben große Kosten, die jetzt bezahlt werden müssen. Aber da hängen sich viele hinten dran, die irgendwelche Rechnungen erstellen." Diese müssten erstmal geprüft werden. Er betonte: "Die Reihenfolge muss eingehalten werden. Wenn Du was hinstellt oder erbaust, musst Du ein Angebot erstellen." Wenn die Mittel bereitgestellt würden, müsse das zuständige Gremium entscheiden, ob die Kosten übernommen würden.

Ortsvorsteher von Walporzheim: Kommune nicht zuständig

Ortsvorsteher Sebastian sagte, dass die Kommune nicht zuständig sei: "Ich sehe die Notwendigkeit, dass dafür ein Wiederaufbau-Fonds zur Verfügung gestellt werden muss." Kritik am Umgang der Behörden mit den Helfern könne er nicht nachvollziehen: "Die Helfer werden gut behandelt."

Hartmann will kein finanzielles Himmelfahrtskommando eingehen. Wenn er kein Geld sieht, wäre es ein "Worst-Case-Szenario", wie er es nennt. Er sähe sich dann gezwungen, seine Hilfe zurückzufahren. "Das wäre bedauerlich. Vor allem für die Menschen. Denn wir retten nach wie vor Leben." Die Suizid-Rate im Katastrophengebiet sei hoch.

Sendung: hr4, 07.10.2021, 12.30 Uhr