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Audioseite 50.000 Euro Schmerzensgeld: Arzt soll nach falscher Diagnose zahlen

Der Saal beim Lübcke Prozess vor dem OLG Frankfurt

Eine 70-Jährige ging mit Schmerzen und einem geschwollenen Oberschenkel zum Arzt. Der Orthopäde diagnostizierte einen Bluterguss - und übersah eine Krebserkrankung. Die Frau starb wenig später.

Das Oberlandesgericht Frankfurt (OLG) hat einen Orthopäden in zweiter Instanz zu 50.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt, weil er die Krebserkrankung einer 70 Jahre alten Patientin zu spät erkannt hat. Das teilte das OLG am Dienstag mit. Das Urteil stamme vom 20. Dezember. Die Frau war im Herbst 2010 wegen undefinierbarer Schmerzen in ihrem bereits geschwollenen Oberschenkel in eine orthopädische Praxis überwiesen worden. Dort wurden aber nur ein Hämatom diagnostiziert und Schmerzmittel verschrieben.

Erst einen Monat später bekam die 70-Jährige eine MRT-Untersuchung, bei der dann auch ein Tumor entdeckt und im Dezember entfernt wurde. Doch der Krebs hatte schon gestreut, und die Patientin verstarb im August 2012.

Überlebenschance um 10 bis 20 Prozent gesenkt

Der Ehemann der verstorbenen Patientin hatte den behandelnden Arzt daraufhin auf Schmerzensgeld verklagt, das Landgericht sprach ihm 30.000 Euro zu. Aber weder der Ehemann als Kläger noch der Arzt als Beklagter waren mit diesem Urteil zufrieden, weshalb beide Parteien in Berufung gingen.

Beim Urteil in zweiter Instanz vor dem Oberlandesgericht erhöhte das Gericht das Schmerzensgeld auf 50.000 Euro, weil der Arzt medizinisch gebotene Befunde unterlassen habe. Der Tumor hätte nach Angaben eines Sachverständigen bereits Ende Oktober erkannt werden können. Bei einer um einen Monat früheren Diagnose wäre die statistische Prognose der Patientin um 10 bis 20 Prozent besser gewesen.

Ehemann zieht vor BGH

Der Leidensweg der Verstorbenen wurde bei der Berechnung des Schmerzensgeldes ebenso mit einbezogen wie ihr Alter und ihre familiäre Situation, wie das OLG mitteilte. Ihr Fazit: Die 70-Jährige hätte ohne den Fehler voraussichtlich noch "eine ganze Reihe von Jahren" leben können, gleichzeitig aber auch "erhebliche Einschränkungen im Sport- und Freizeitbereich" hinnehmen müssen.

Für das OLG wäre mit diesem Urteil der Prozess abgeschlossen gewesen, eine Revision lehnten die Richter ab. Der Ehemann der Verstorbenen geht aber noch eine Instanz höher: Er hat eine Nichtzulassungsbeschwerde beim Bundesgerichtshof eingelegt, das heißt der BGH muss jetzt entscheiden, ob derselbe Fall noch einmal verhandelt wird.

Sendung: hr-iNFO, 2.3.2021, 16 Uhr