Blitzer waren gestern: In Hanau sollen Temposünder ihr Vergehen künftig nicht am Geldbeutel, sondern am eigenen Leib zu spüren bekommen. Ob das bundesweit erste künstliche Schlagloch tatsächlich kommt, entscheidet womöglich nicht die Stadt allein.

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Die Langstraße verläuft einmal quer durch die Hanauer Innenstadt. Von West nach Ost kreuzt die Einbahnstraße die Fußgängerzone der 100.000-Einwohner-Kommune. Fußgänger, Radfahrer, Mopeds und Autos teilen sich die enge Fahrspur, auf der eine Höchstgeschwindigkeit von 20 Stundenkilometern gilt. Doch längst nicht jeder hält sich an das Tempolimit.

"Etwa jedes zehnte Auto fährt hier zu schnell", sagt Stadtrat Thomas Morlock dem hr. Auch sogenannte Autoposer hätten die Strecke dank des großen Publikumsverkehrs gerade abends und an Wochenenden für sich und ihre heißen Schlitten entdeckt. Zahlreiche mobile Radarmessungen in diesem Bereich brachten stets nur einen kurzfristigen Effekt. Und die Einrichtung einer stationären Anlage sei schlicht zu teuer, so der FDP-Politiker.   

Erzieherische Maßnahme ohne Bußgeld

Jetzt will die Stadt neue Wege gehen und die Temposünder im wahrsten Sinne des Wortes aufrütteln. Eine Stahlplatte auf der Straße soll Zu-Schnell-Fahrern einen tüchtigen Stoß versetzen. "Es ist eine Schwelle, die sich um vier Zentimeter absenkt, wenn sich ein Fahrzeug mit überhöhter Geschwindigkeit nähert", erläutert Stadtrat Morlock die aus Schweden stammende Erfindung namens "Actibump".

Per Radar sollen die Raser erkannt und mit dem künstlichen Schlagloch bestraft werden. Schäden am Fahrzeug oder ein Bußgeld müssen die Fahrer nicht befürchten. "Es ist in erster Linie eine erzieherische Maßnahme - aber nur für die, die wirklich zu schnell fahren", berichtet Morlock. Fahrradfahrer könnten die Schwelle indes seitlich passieren, für Rettungskräfte gebe es einen speziellen Transponder, um den "Actibump" temporär abzuschalten. In Schweden und Tschechien habe sich das System bereits bewährt, schwärmt Morlock.

ADAC sorgt sich um Lärm und Bremsmanöver

Beim ADAC Hessen-Thüringen ist man nicht ganz so euphorisch über die Hanauer Innovationsbereitschaft. Zwar lägen keine Erfahrungen zu dem konkreten Produkt vor, teilte der Automobilclub auf Nachfrage mit. "Generell sind wir aber nicht für vertikale Einbauten, denn sie machen Krach für Anwohner", sagte ein Unternehmenssprecher.

Tatsächlich ist auf dem Werbetrailer des schwedischen Entwicklers Edeva ein deutliches Poltern beim ordnungsgemäßen Überfahren der Stahlplatte zu hören. Ist die Luke wegen einer Tempoüberschreitung geöffnet, kommt ein zusätzlicher lauter Schlag dazu.

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Das Risiko plötzlicher Bremsmanöver, die nachfolgende Autos und Radfahrer gleichermaßen gefährden könnten, müsste ebenfalls bedacht werden, warnt der ADAC und empfiehlt stattdessen kostengünstigere Bremsschwellen oder Fahrbahn-Verengungen, um die Raser zu regulieren.

Ministerium lässt Zulassung prüfen

Doch in Hanau ist man wild entschlossen, als bundesweit erste Kommune den "Actibump" einzuführen. Bis zum Spätsommer soll die Stahlplatte samt Radarmessung für rund 50.000 Euro angebracht sein – etwa ein Drittel der Kosten eines stationären Blitzers. Die Langstraße muss dafür zeitweise voll gesperrt werden.

Ob es tatsächlich dazu kommt, bleibt aber noch abzuwarten. Entgegen der städtischen Haltung sieht das hessische Verkehrsministerium nämlich sehr wohl  Klärungsbedarf, ob das neuartige System ohne Zulassung der Bundesanstalt für Straßenwesen in Eigenregie in Betrieb genommen werden darf. "Wir haben deshalb beim Regierungspräsidium Darmstadt eine Stellungnahme angefordert", teilte das Ministerium auf Anfrage von hessenschau.de mit. Wenn diese vorliege, werde man in Absprache mit dem Innenministerium über das weitere Vorgehen entscheiden.

Dieses Schlagloch gilt es für Hanau noch zu meistern.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 03.06.2019, 16.45 Uhr

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28 Kommentare

  • Ich finde das Actibump System gut. Die Leute sollen ruhig mal merken, dass zu schnelles Fahren gerade in Wohngebieten gefährlich ist. Und da das Blech ja heilig ist und geschont werden muss, ist eine freundliche Erinnerung in Form eines Stoßes eine sehr gute Sache. Ich könnte mir vorstellen, dass das System je nach Höhe der Geschwindigkeitsüberschreitung unterschiedlich reagiert. Jemand der wirklich viel zu schnell ist, darf dann ruhig mal das Gefühl haben, dass das Auto auseinander fällt. Ein Schaden am Auto durch so ein System wäre auch vertretbar, schließlich wird keiner zum Rasen gezwungen.

  • Pro Km Geschwindigkeitsüberschreitung 1 Selbstbeteiligung bei den Krankheitskosten,
    bei eigenen UND bei denen evtl. verletzter
    Personen.(Regress)
    Solange Rasen als Beweis für "Wettbewerbs"fähigkeit gilt, wird sich nichts ändern, sondern nur die Änderung der Sanktionen weg vom Ordnungswidrigkeitsrecht hin zum Strafrecht! Vorsatz kann hier IMMER vorausgesetzt werden.

  • Man merkt es gleich,
    der Keks ist weich....
    Profilierungsucht gepaart mit dem "early adaptor"-Wahn kann man den Verantwortlichen nur schwer absprechen.
    Armortisieren sich Blitzer irgendwann, bleiben hier die Wartungskosten.
    Mich freut es: kurzes Gerumpel statt heller, teurer Blitz... - so ein Unsinn.
    Hoffen wir auf den RP, damit die Anwohner nicht vollgerumpelt werden

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