Die Verurteilte Elena W. und ihr Anwalt im Gerichtssaal

Am Ende eines zähen Indizienprozesses schickt das Landgericht Marburg eine Krankenschwester wegen versuchten Mordes ins Gefängnis. Die Richter sind überzeugt, dass die Frau aus Geltungssucht mit dem Leben mehrerer Frühchen "Roulette" spielte.

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hessenschau vom 28.11.2019
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Nach zehn Monaten Verhandlung hat das Marburger Landgericht die Krankenschwester Elena W. am Donnerstag zu lebenslanger Haft verurteilt, weil sie drei Frühchen nicht verordnete Medikamente verabreicht und so in Lebensgefahr gebracht habe.

Das Gericht sprach die 30-Jährige unter anderem des versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung und der Misshandlung von Schutzbefohlenen schuldig. Es ging mit dem Strafmaß über die Forderung der Staatsanwaltschaft hinaus, die in ihrem Plädoyer 12 Jahre Haft gefordert hatte.

Richter: Mit Kinderleben Roulette gespielt

Mit ihrer heimtückischen Tat habe sie sich "an den Kleinsten, Schwächsten der Schwachen" vergriffen, begründete der Vorsitzende Richter das harte Strafmaß. Sie habe aus narzistischem Geltungsdrang gehandelt und mit dem Leben der Kinder Roulette gespielt. Motiv: Die Frau wollte sich als versierte Kinderkrankenschwester und "tragisch gescheiterte Lebensretterin" präsentieren.

Die 30-Jährige hatte den Neugeborenen nach Überzeugung der Richter auf der Frühchenstation der Marburger Uni-Klinik zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 nicht ärztlich verordnete und medizinisch auch nicht notwendige Beruhigungs- und Narkosemittel gegeben. Die Frau hatte zu den Vorwürfen geschwiegen.

Marburgs umfangreichster Prozess

Aus dem Gerichtssaal kam die Krankenschwester, die bis zum Urteil auf freiem Fuß war, wegen Fluchtgefahr sofort in Haft. Der Prozess war der umfangreichste, den die Universitätsstadt Marburg bisher erlebt hat, wie der Sprecher des Landgerichts Marcus Wilhelm bestätigt. Der Fall sei "besonders komplex" - und habe deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. 

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Urteil im Prozess um vergiftete Frühchen in Marburg

Wegweiser zum Kreißsaal der Uniklinik Marburg
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Komplex deshalb, weil es sich um einen Indizienprozess gehandelt hat. Niemand wurde auf frischer Tat ertappt, es ging um Gutachten, Experten-Einschätzungen, Indizien – und viel davon ließ Raum zur Interpretation. Wie waren die Arbeitsabläufe in der Frühchenstation? Wie haben sich die Narkosemittel auf die kleinen, ohnehin schon geschwächten Kinderkörper ausgewirkt? Und vor allem eben: Was könnten die Motive gewesen sein, so etwas zu tun?

"Sternenkinder" gegoogelt"

Am Ende war für das Gericht klar: Einzig die 30-Jährige, deren Vater Kinderarzt ist, kommt als Täterin in Frage. Nur sie war bei allen Taten anwesend, sie hatte Zugriff auf das Narkosemittel. Und ein Komplott, bei dem ihr die Tat untergeschoben worden sein könnte, sei auszuschließen.

Vor allem sprach gegen Elena W., dass sie direkt nach der Vergiftung die Folgen des verwendeten Wirkstoffs Ketamin gegoogelt hatte, der auf der Station eigentlich "verpönt“ gewesen sei. Auch den Begriff "Sternenkinder" hatte sie im Internet gesucht. So werden Babys genannt, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben.

Drei Fälle in der Uniklinik

Im Februar 2016 war es in der Marburger Uniklinik zu einem auffälligen Zwischenfall gekommen. Ein Frühchen musste wiederbelebt werden und überlebt nur knapp. Später kam heraus, dass das Kind mit Medikamenten vergiftet wurde. Im Zuge der Ermittlung gegen die verdächtige Krankenschwester Elena W. stieß die Polizei auf zwei weitere Fälle, die ins Jahr 2015 zurückreichen.

Ein Baby war im Dezember 2015 gestorben, die Leiche wurde exhumiert und untersucht. Im Körper des toten Kindes wurden ebenfalls Medikamente nachgewiesen, laut eins Gutachtens sei das Baby aber nicht daran gestorben.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 28.11.2019, 16.45 Uhr