"Meine Mitarbeiter esse ich ja auch nicht" -  Biologe Stefan Sebök vor seiner Algenzucht in Groß-Gerau

Auf einem Hof in Groß-Gerau arbeitet der Biologe Stefan Sebök an der Ernährung der Zukunft: essbaren Algen. In den Gärresten einer Biogasanlage wachsen die eiweißhaltigen Pflanzen besonders gut.

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Algenzucht in Groß-Gerau
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Die Bottiche schimmern grünlich, sie gehen Stefan Sebök beinahe bis zum Bauchnabel. Hier steht das Herz seiner Forschungsarbeit: 2.000 Liter Wasser, Beleuchtung, künstlicher Wellengang, alles da für seine Schützlinge. Sie heißen Meersalat, Knorpeltang und Lappentang und sind glatt und glitschig. Nichts, was man sich hierzulande mit Begeisterung in den Mund stecken würde. Dabei züchtet Sebök hier die Zukunft der Ernährung.

"Ein bisschen gehirnt und dann kam die Idee"

Stefan Sebök forscht mit Algen. Der 39-Jährige hat an der Uni Hamburg in Biologie promoviert. Dass er inzwischen unter der Woche die meiste Zeit auf einem Hof in Groß-Gerau verbringt, verdankt er einem Bauern, der alle Gärreste aus seiner Biogasanlage verwerten wollte und den Wissenschaftler einlud, auf seinem Hof zu forschen. Eine Chance für den Wissenschaftler.

Flüssige Gärreste aus Biogasanlagen bestehen aus Wasser und Nährstoffen und lassen sich mit CO2 versetzen. Das Gemisch ist genau das, was Algen mögen. "Wir haben uns zusammengesetzt, ein bisschen gehirnt und dann kam die Idee", sagt Sebök. Und die ist: essbare Algen fernab vom Meer in Groß-Gerau auf einem Hof zu züchten.

In Asien weit verbreitet

Algen sind eiweißreich, enthalten aber kaum Fett oder Kalorien. Gleichzeitig liefern sie viele wichtige Nährstoffe, weshalb sie auch als "Superfood" bezeichnet werden. In Asien sind Algen ein weit verbreitetes Nahrungsmittel. Millionen Tonnen werden jedes Jahr als Gemüse verspeist.

Doch Algen kann man nicht nur essen. Algen können auch als Dünger und Futtermittel in der Landwirtschaft eingesetzt werden - oder als Treibstoff. Schon 2010 hob in Berlin das erste Flugzeug mit Algenkraftstoff im Tank ab.

Der Vorteil gegenüber Raps: Die Algenzucht verbraucht keine landschaftlichen Flächen. Algen können überall wachsen: In Industriebrachen, im eigenen Garten, in Plastiksäcken an Hausfassaden - oder in Rundtanks in einer Halle in Groß-Gerau.

Algen mögen es warm

Das Wasser in den Tanks blubbert in der Mitte, Pumpen wälzen es mitsamt der Algen um. "Taumelkultivierung" nennt Sebök das. Die Algen wirbeln dabei in den künstlichen Wellen immer wieder von unten nach oben, hin zu den Strahlern über den Tanks, um dann wieder zurück auf den Boden der Bottiche zu sinken.

"So erhalten die Algen genug Zeit für ihre Photosynthese", erklärt Sebök. Auch das Wasser ist temperiert. Algen mögen es nicht zu kalt. Sebök geht davon aus, dass sich die Biomasse der Algen bei der richtigen Konzentration der Gärreste jeden Monat verdoppeln wird.

Die eigenen Algen kommen nicht auf den Tisch

"In Mitteleuropa brauchen wir Algen aus ernährungswissenschaftlicher Sicht nicht unbedingt", sagt die Kasseler Ernährungsberaterin Anja Later. Gegen Algen als Salatersatz hat sie trotzdem nichts einzuwenden. "Genuss ist das wichtigste, nicht nur die Inhaltsstoffe." Der spielt für Sebök auch eine große Rolle. Er habe bei einem befreundeten Algenzüchter auf Sylt einmal Algengulasch gegessen, erzählt er. Das habe vorzüglich geschmeckt.

Bis Algen regelmäßig auf deutschen Tellern liegen, dürfte trotzdem noch etwas Zeit vergehen. Seine eigenen Algen landen übrigens nicht auf Seböks Teller. "Es ist mir zu schade, die zu essen. Meine Mitarbeiter esse ich ja auch nicht."