Der Angeklagte (links mit Ballack-Trikot) und sein Verteidiger Berward Kullmann.

Knapp ein Jahr nach der Lkw-Attacke in Limburg hat der Prozess gegen den 33-jährigen Fahrer begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord in 18 Fällen vor. Der Angeklagte kündigte eine Erklärung an.

Die Lage ist äußerst unübersichtlich am frühen Nachmittag des 7. Oktobers 2019 in Limburg: Ein Lkw hatte mehrere Autos gerammt und ineinandergeschoben. Es gibt Verletzte, die Polizei meldet die Festnahme einer Person.

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Nach dem Großeinsatz liegen lauter Scherben auf der Kreuzung, überall flattert Absperrband. Zeugen berichten von arabischen Worten, die gerufen wurden. Kurzzeitig geht die Angst herum: War es ein Terroranschlag - ähnlich wie in Berlin oder Nizza?

Ermittler schließen Terrorakt aus

Inzwischen steht fest: Die Ermittlungsbehörden schließen ein politisches Motiv aus. Ein 33-jährigen Syrer muss sich seit Mittwoch vor dem Limburger Landgericht unter anderem wegen versuchten Mordes verantworten.

Laut Anklageschrift soll der Mann zunächst auf Höhe der Limburger Volkshochschule an einer Ampel ins Führerhaus eines Lkw gestiegen sein und den Fahrer gewaltsam herausgezogen haben. Obwohl der Fahrer wohl geistesgegenwärtig noch den Schlüssel aus dem Zündschloss zog, blieb der Lastwagen zunächst weiter fahrbereit.

Ungebremst in wartende Autos

Der Angeklagte soll daraufhin auf 44 km/h beschleunigt haben und 250 Meter später direkt vor dem Limburger Landgericht ungebremst in mehrere Fahrzeuge hineingefahren sein, die an einer Ampelkreuzung warteten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Prozessauftakt nach LKW-Attacke in Limburg

Unfallstelle in Limburg, LKW und mehrere beschädigte Autos
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Insgesamt wurden zehn Autos zusammengeschoben und 18 Fahrzeuginsassen verletzt. Auch der Angeklagte selbst wurde bei dem Unfall verletzt, was ihn jedoch offenbar nicht aufhielt, noch weiter auf Menschen loszugehen: Er soll laut Anklage eine Frau, die ihm zunächst helfen wollte, gewürgt haben. Die Frau habe dabei Todesangst gehabt, heißt es in der Anklageschrift.

Motiv gib Rätsel auf

Noch an Ort und Stelle wurde der Mann festgenommen, seitdem sitzt er in Untersuchungshaft. "Er wird nun in 18 Fällen wegen versuchten Mordes angeklagt, weil er den Tod aller Fahrzeuginsassen billigend in Kauf genommen haben soll", wie Gerichtssprecher Henrik Gemmer erklärte. Außerdem gehe es vor Gericht um Körperverletzung, Nötigung, Sachbeschädigung und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr.

Das Motiv gibt weiterhin Rätsel auf. Der Angeklagte stand während des Unfalls offenbar unter Drogen. Die Ermittler stellten "erheblichen Einfluss von Marihuana" fest. Zeitweise standen auch psychische Probleme im Raum. Vor Gericht wird es deshalb auch um die Frage der verminderten Schuldfähigkeit gehen.

Angeklagter kündigt Erklärung an

Am ersten Prozesstag hat der Angeklagte allerdings nun angekündigt, eine Erklärung abgeben zu wollen. Wie sein Anwalt am Mittwoch vor dem Landgericht sagte, wird er diese aber erst am nächsten Verhandlungstag abgeben, weil der psychiatrische Sachverständige dabei sein solle. Der Gutachter war terminbedingt nicht beim Prozessauftakt dabei.

Insgesamt hat das Gericht acht Prozesstage angesetzt. Doch ob die ausreichen, ist fraglich. Es werden viele Zeugen gehört werden, außerdem ein Verkehrsgutachter und ein psychologischer Gutachter. Allein an den ersten beiden Verhandlungstagen sollen über zwanzig Personen aussagen.

Wegen des Umfangs findet der Prozess nicht im Limburger Landgerichtsgebäude statt, sondern im neuen coronatauglichen Gerichtszelt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 09.09.2020, 19.30 Uhr.