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Audioseite Lkw-Fahrer kann sich Unfall nicht erklären

Das "Ghost Bike" an der Todeskreuzung in Weiterstadt

Zwei Jahre nach einem tödlichen Radunfall in Weiterstadt steht ein Lkw-Fahrer vor dem Amtsgericht Darmstadt. Er hatte den 28-Jährigen beim Abbiegen erfasst. Neben dem Unfallhergang ist noch etwas anderes ungeklärt.

Vor dem Amtsgericht Darmstadt hat am Montag der Prozess gegen einen Lkw-Fahrer begonnen. Der heute 45-Jährige hatte am 1. August 2019 in Weiterstadt (Darmstadt-Dieburg) beim Abbiegen mit seinem Laster einen Radfahrer erfasst. Dieser wurde dabei so schwer verletzt, dass er noch an der Unfallstelle starb. Er wäre wenige Tage später 29 Jahre alt geworden.

Mehrere Zeugen nicht gekommen

Das Szenario klingt auf tragische Weise vertraut: Ein Lkw biegt an einer Kreuzung rechts ab und übersieht dabei einen Radfahrer, der sich neben ihm befindet. So hat es sich in den vergangenen Jahren immer wieder auch auf Hessens Straßen abgespielt, oftmals mit tödlichem Ausgang für den schwächeren Verkehrsteilnehmer.

Der Prozessauftakt verlief zunächst schleppend. Gleich mehrere Zeugen waren nicht erschienen. Der Richter sagte, das habe er so auch noch nicht erlebt. Es wurde dann versucht, wenigstens einen Teil der Zeugen zeitnah zur Verhandlung zu bringen.

Lkw-Fahrer hat niemanden gesehen

Der wegen fahrlässiger Tötung angeklagte Lkw-Fahrer gab an, an jenem Augusttag nach einem entspannten Arbeitstag auf dem Weg in den Feierabend gewesen zu sein. An einer Ampel habe er bewusst dicht am Bordstein gehalten, um neben sich keinen Platz zu lassen. Er habe in seinen Spiegeln dort auch niemanden sehen können.

Beim Wiederanfahren habe er dann zunächst einen Linksschlenker gemacht, um besser rechts abbiegen zu können. Dabei habe er plötzlich metallische Geräusche wahrgenommen: das Fahrrad unter dem Gewicht seines Lasters. Auch Autofahrer, die hinter dem Lkw warteten, gaben an, den Radfahrer nicht wahrgenommen zu haben.

Mahnmal mehrfach beschädigt

Der Fall erregte auch deshalb Aufsehen, weil ein als Mahnmal im Gedenken an den Getöteten am Unfallort aufgestelltes Fahrrad wiederholt beschädigt wurde. Diese sogenannten Geisterräder oder "Ghost Bikes" sind weiß angestrichen und sollen zum einen an die Verkehrsopfer erinnern, zum anderen auf die Gefährlichkeit bestimmter Straßen hinweisen. In deutschen Städten sind sie immer häufiger anzutreffen. Die Seite ghostbike-ffm.de des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) etwa zeigt auf einer Karte, wo in Frankfurt solche Geisterräder zu finden sind.

Als die Frau des Getöteten, die seit dem Unfall psychologisch betreut wird, am Montag von den Beschädigungen berichtet, kommen ihr die Tränen. Als möglicher Täter war ebenfalls der Lkw-Fahrer in den Fokus der Ermittlungen geraten. Die Witwe hatte sich auf die Lauer gelegt und nach eigenen Angaben eines Tages beobachtet, wie sich jemand an dem Fahrrad zu schaffen machte. Auf Fotos, die ihr später von der Polizei vorgelegt wurden, identifizierte sie den Angeklagten.

Sachbeschädigung nicht weiter verfolgt

Dessen Verteidiger bestritt vehement, dass sein Mandant mit der Sache etwas zu tun haben könnte. Die Staatsanwaltschaft hatte die diesbezüglichen Ermittungen eingestellt, aus Kapazitätsgründen, wie es hieß. Der Staatsanwalt drückte der Witwe darüber sein Bedauern aus: "Sie kannten den Menschen, wir kennen nur die Akte", sagte er.

Weil eine wichtige Zeugin fehlte, konnte am Montag nicht zu Ende verhandelt werden. Der Prozess soll nun am 1. November fortgesetzt werden.

Weitere Informationen

Seit Juli 2020 gilt für neu zugelassene Lkws mit Anhänger (18,75 m bis 25,25 m) eine Abbiegeassistenten-Pflicht. Diese Geräte warnen den Fahrer, wenn sich eine Person neben dem Lkw befindet und könnten nach Expertenmeinung viele Unfälle wie den von Weiterstadt verhindern. Bereits zugelassene Lang-Lkws müssen bis Juli 2022 nachgerüstet werden. Ab 2022 sollen Abbiegeassistenten EU-weit verpflichtend für alle neuen Fahrzeugtypen eingeführt werden.

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