Absperrband mit der Aufschrift "Polizeiabsperrung" ist vor dem Haus des verstorbenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) zu sehen.

Im Fall des erschossenen Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke gibt es neue Details: Nach hr-Informationen passte er in der Tatnacht als Babysitter auf seinen einjährigen Enkel auf. Anwohner berichten zudem von einem Besucher auf der Terrasse. Fragen und Antworten lesen Sie hier.

Videobeitrag

Video

zum Video Weiter Ermittlungen zum Tod von Walter Lübcke

hsk
Ende des Videobeitrags

Was weiß man Neues zur Tatnacht?

Bevor er erschossen wurde, war der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke nicht alleine zu Hause. Nach hr-Informationen hütete er am Samstagabend als Babysitter seinen einjährigen Enkelsohn - gemeinsam mit seiner Frau und seiner Schwiegertochter. Der Vater des Kinds - Lübckes jüngerer Sohn - besuchte die Weizenkirmes, die auf der Wiese unmittelbar neben dem Anwesen des CDU-Politikers in Wolfhagen-Istha (Kassel) gefeiert wurde. Der Sohn bemerkte gegen 0.30 Uhr in der Nacht zum Sonntag, dass nebenan noch Licht brannte, und fand den Niedergeschossenen auf der Terrasse liegend.

Am Abend hatte Lübcke nach Aussagen von Anwohnern noch Besuch, beim Gespräch auf der Terrasse sei viel gelacht worden. Der Gast habe sich gegen 23 Uhr verabschiedet. Was in den darauffolgenden eineinhalb Stunden passierte, versuchen die Ermittler zu rekonstruieren. Die Frauen im Haus gingen schlafen, Lübcke soll im Garten und auf der Terrasse geblieben sein und geraucht haben.

Wie gehen die Ermittler vor?

Die Anfang der Woche eingerichtete Sonderkommission "Liemecke", benannt nach dem durch Wolfhagen fließenden Bach, wurde inzwischen von 20 auf 50 Ermittler aufgestockt. Rund 20 von ihnen durchsuchten den gesamten Mittwoch über das Wohnhaus und das Anwesen der Lübckes in Istha akribisch: Zum Einsatz kamen unter anderem Spezialkameras, deren Bilder der Polizei eine dreidimensionale Rekonstruktion des Gebäudes und des Geländes am Computer erlauben. Außerdem bedampften sie Oberflächen und Gegenstände mit speziellen Chemikalien, um etwaige bislang unentdeckte Fingerabdrücke zu finden.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Polizei dreht jeden Stein auf Lübckes Anwesen um

Absperrband mit der Aufschrift "Polizeiabsperrung" ist vor dem Haus des verstorbenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) zu sehen.
Ende des Audiobeitrags

Das Landeskriminalamt führt die Ermittlungen in Zusammenarbeit mit Beamten vom Polizeipräsidium Nordhessen durch. Laut LKA-Sprecher Dirk Hintermeier handelt es sich beim Lübcke-Haus "um den wichtigsten Tatort in Hessen seit Jahren".

Der Fall war Thema in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" am Mittwochabend. Was kam dabei heraus?

Die Polizei rief in der Sendung mögliche Zeugen auf, sich zu melden - vor allem Besucher der Kirmes in unmittelbarer Nachbarschaft zum Tatort. Laut ZDF gab es schon während der Sendung Reaktionen, die ausgewertet würden. "Eine ganz heiße Spur war aber noch nicht dabei", sagte der Soko-Sprecher der Polizei, Torsten Werner, am Donnerstagmorgen.

Außerdem seien während und nach der Sendung "einige Fotos und Videos" von Besuchern der Kirmes per Mail zugesandt worden. Die Dateien müssten noch ausgewertet werden.

Steht die Kirmes nebenan in einem Zusammenhang mit der Tat?

Das ist - wie nahezu alles in dem Fall - unklar beziehungsweise nicht bekannt. Die Ermittler hoffen, dass unter den zahlreichen Besuchern der Wolfhager Weizenkirmes jemand ist, der den Schuss gehört hat. Oder der zwischen 22 und 1 Uhr in der Nacht zum Sonntag Beobachtungen, Fotos oder Videos auf der Kirmes oder vom Gelände neben der Kirmes gemacht hat, die ihnen bei der Täter-Suche weiterhelfen könnten.

LKA-Sprecher Hintermeier sagt, verwertbar könnten auch Aufnahmen sein, die den Besuchern selbst gar nicht besonders erscheinen. Die Polizei bittet darum, Hinweise und Bilder per E-Mail an wolfhagen@polizei-hinweise.de zu schicken, oder um einen Anruf unter Telefon 0561/910-4444.

Medien berichten, dass ein Ersthelfer vor Ort den Tatort verändert und Blutspuren verwischt haben soll. Ist das bestätigt?

Nach Informationen der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) handelt es sich dabei um einen Freund von Lübckes jüngerem Sohn, den dieser von der Kirmes rief, nachdem er seinen Vater schwerverletzt aufgefunden hatte. Bestätigt ist das von Seiten der Ermittler nicht.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Kassel weist darauf hin, dass der Ersthelfer vor Ort nicht zur Besatzung des angeforderten Rettungswagens gehörte. Jeder Sanitäter werde geschult, dass er so wenig wie möglich an einem Tat- oder Einsatzort verändere. Jedoch: "Es liegt in der Natur der Menschenrettung, dass eine Auffindesituation verändert werden muss", schreibt das DRK: "Hier gilt der Grundsatz: Menschenrettung vor Beweissicherung!"

Die HNA berichtet weiter, dass die Schussverletzung in Lübckes Kopf zunächst nicht entdeckt und erst im Wolfhager Krankenhaus erkannt worden sei. Bis dahin sei man von einer natürlichen Todesursache ausgegangen.

Gibt es eine Spur zu einem extremen Reichsbürger als möglichem Täter, wie es im Regierungspräsidium selbst spekuliert wird?

Die Ermittler sagen dazu auf hr-Nachfrage, dass es - trotz der Morddrohungen gegen Lübcke wegen seines Kurses in der Flüchtlingspolitik im Herbst 2015 und der vielen gehässigen Kommentare zu seinem Tod in Sozialen Medien - keine Hinweise darauf gebe, dass der tödliche Schuss auf Regierungspräsident Lübcke politisch motiviert gewesen sei.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 05.06.2019, 19.30 Uhr