Der Jägertunnel in Marburg
Der Jägertunnel in Marburg - per Knopfdruck videoüberwacht. Bild © hessenschau.de

Der Jägertunnel am Marburger Hauptbahnhof war bei Fußgängern, Radfahrern und vor allem bei Frauen gefürchtet. Seitdem Passanten dort eine Videoanlage einschalten können, fühlen sie sich in dem niedrigen Durchgang sicherer.

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zum Video Positive Bilanz der Videoüberwachung in Marburger Unterführung

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"Die große Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger fühlen sich im Jägertunnel deutlich sicherer, seit wir die Videoanlage 'LiSA' in Betrieb genommen haben", berichtete Marburgs Bürgermeister und Ordnungsdezernent Wieland Stötzel (CDU) am Montag. In den vergangenen neun Monaten sei die Anlage in der Fußgängerunterführung am Hauptbahnhof rund 110 Mal genutzt worden - vor allem von Frauen, Geh- und Sehbehinderten, vor allem in den dunklen Monaten.

Eine Untersuchung der Universität Marburg ergab, dass sich 70 Prozent der Befragten seit der Installation sicherer fühlten, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit, wie das Ordnungsamt mitteilte. "90 Prozent der Befragten sagen, das System ist effektiv." Jeweils vor und nach der Installation von "LiSA" waren Menschen befragt worden, jeweils eine Woche lang.

Mit diesem Knopf wird die Videoaufnahme aktiviert.
Mit diesem Knopf wird die Videoaufnahme aktiviert. Bild © hessenschau.de

Wer sich bedroht fühlt, aktiviert die Videoüberwachung

"LiSA" steht für "Livebild- und Sprechverbindung auf Abruf". Wer sich im Tunnel bedroht fühlt, drückt auf einen der dort angebrachten blauen Knöpfe. Ist "LiSA" aktiviert, leuchtet am Tunneleingang eine Anzeige auf.

Die Videoüberwachung springt an und die Bilder werden direkt an die zentrale Leitstelle der Feuerwehr übertragen. Im Ernstfall kann die Feuerwehr schnell eingreifen und einen Notruf an die Polizei absetzen. Rettungsdienst und Polizei können in wenigen Minuten vor Ort sein.

Tunnel als Angstraum

Die Einrichtung des Videoüberwachungssystems hatte Gründe: Ende September 2016 wurde eine Studentin in dem Tunnel sexuell angegriffen und ausgeraubt. 2017 traf eine andere Frau auf einen Exhibitionisten. Die Stadt Marburg musste reagieren, denn der Jägertunnel galt schon lange als Angstraum. Seit der Installation der Videoanlage wurden keine Übergriffe mehr registriert.

Die Fußgängerunterführung wirkt wie ein dunkles Loch. 80 Meter lang, kalt und feucht. Oben fahren Züge. An der niedrigen Decke hängen Neonlampen, die Wände sind voller Graffiti. Doch für viele Anwohner der Stadtteile Ortenberg und Waldtal ist der Tunnel die kürzeste Verbindung in die Innenstadt, vor allem für Radfahrer und Fußgänger.

Installierte Kamera in dem Tunnel.
Installierte Kamera in dem Tunnel. Bild © hessenschau.de

Auch als Schutz für Verwaltungsmitarbeiter?

Nach den ersten positiven Ergebnissen prüft die Stadt Marburg, ob sie das System auch an anderen Stellen einsetzen kann, etwa in der eigenen Verwaltung. "Wir haben Außenstellen, in der Kolleginnen und Kollegen tagsüber allein sind. Da kommt es auch oft zu unangenehmen Situationen", sagte Johannes Maaser am Montag. Er ist im Ordnungsamt Marburg zuständig für den Bereich Gewaltprävention.

Die Kollegen würden sehr oft angegangen, wenn Geld nicht ausgezahlt werde oder etwas nicht so schnell gehe, wie es die Leute gerne hätten. "Wenn man da die Möglichkeit hätte, jemanden zuzuschalten, der sich das anschaut, dann entschärft das oft schon die Situation", sagte Maaser.

Datenschutz gewährleistet

In Bezug auf den Datenschutz gibt es offenbar keine Probleme. Der Datenschutzbeauftragte des Landes stimmte schon vor der Einführung zu. Das Recht auf informationelle Selbstbestimmung bleibt nach Angaben der Stadt Marburg gewahrt. Wer auf den Knopf drückt, gibt seine Einwilligung, für die Dauer von maximal zwei Minuten gefilmt zu werden. Die Aufnahmen werden nach 48 Stunden automatisch gelöscht, wenn kein Notfall und keine Straftaten vorliegen.

Wird kein Knopf gedrückt, sende oder speichere "LiSA" auch keine Daten aus dem Tunnel, heißt es von der Stadt Marburg. Nur der Schutz der Anlage gegen Vandalismus und die Eigenkontrolle seien im Standby-Modus aktiv. Insgesamt hat die Stadt 50.000 Euro ausgegeben für Kameras, Mikrofone, Lautsprecher und Notrufknöpfe. So viel hätte auch eine normale Videoüberwachungsanlage gekostet.