kult till dawn marburg
Das Till Dawn schließt spätestens Ende April für immer seine Pforten. Bild © Fabian Weidenhausen

Nach über 23 Jahren schließt das Till Dawn in Marburg für immer. Mit dem Ende der ehemaligen Kult-Hallen geht ein Stück Stadtgeschichte. Unser Autor erinnert sich an legendäre Nächte, heftige Kater und ein bisschen Stunk. Ein Nachruf.

Liebes Till Dawn (oder Kult, wie man dich zu deiner großen Zeit noch nannte), irgendwie wird dir dieses Ende nicht gerecht. So rauschend deine Parties waren, so nüchtern kommt deine Abschiedsnachricht auf Facebook daher. Auf neun mickrigen Zeilen verkündest du also das Ende einer Ära im Marburger Nachtleben. Spätestens Ende April ist Schluss. "Leider wird es keinen Nachfolger geben", heißt es da. "Das Gebiet soll Bauland für Wohnungen werden." Hoffentlich werden die Mieter kein Auge zumachen, bin ich geneigt zu sagen. Der Stachel sitzt eben tief.

In den 90ern und 2000er Jahren warst du für alle da. Auch für mich, der als 15-jähriger Knirps von den Kumpels seines großen Bruders im Getümmel an den Türstehern vorbeigeschmuggelt wurde. Wer in Marburg feiern ging, der ging ins Kult. Gut, da gab’s noch das Paf. Aber dort, in der Heimat der Ü30er, wurde die Musik schon im Jahr 2004 für immer abgestellt.

Heiß und schwitzig: Seit Dezember 1995 wurde im Kult gefeiert. Später wurde die Disco in Till Dawn umbenannt.
Heiß und schwitzig: Seit Dezember 1995 wurde im Kult gefeiert. Später wurde die Disco in Till Dawn umbenannt. Bild © Mandy Ebisch

Welcher Marburger erinnert sich nicht an seine ersten Abi-Feiern? Wir 90's-Kids, die La Boum nur aus dem Französisch-Unterricht kannten, suchten damals unsere Sophie Marceau im Industriegebiet zwischen Ockershausen und Cappel. Wirklich legendär waren später die Mediziner- und Sportlerparties, bei denen man gut und gerne die halbe Nacht in der endlosen Schlange vor dem Eingang verbrachte. Langweilig wurde es auch da nicht. Zumindest war immer für billigen Fusel und Flaschenbier gesorgt.

Meist ging dem Kater des Grauens eine süße Nacht voraus

Natürlich gab es auch Probleme. Aber die gibt's ja in den besten Familien, vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. Auf die eine oder andere Schlägerei hättest du sicher gern verzichtet. Und viele von uns haben mehr als einmal die Kloschüssel geküsst, wenn Bier und roter Korn in Strömen flossen.

Aber hey, zu einer guten Feier gehört auch immer ein bisschen Schwund. Und meistens ging dem Kater des Grauens eine süße Nacht voraus. Wie viele Freundschaften wurden geschlossen bei einem Bier an der Theke? Wie viele Pärchen fanden irgendwo auf den klebrigen Gängen zwischen Tanzfläche, Mo Club und den quietschroten Sitzecken zusammen? Manche für ihr ganzes Leben, viele zumindest für eine Nacht.

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Fotos aus alten Kult-Tagen gibt es zwar, ihnen sind die Jahre aber auch anzumerken. Bild © Mandy Ebisch

Nun wirst du platt gemacht, alles für ein paar neue Wohnungen. Vielleicht war die Zeit einfach reif. Die, die mit dir aufgewachsen sind, schwärmen zwar noch von den magischen Nächten, die sie im Dunst von Dopamin, Schweiß und Zigaretten vertanzt haben. Doch wann haben sie dich das letzte Mal besucht?

Hard 'n' Heavy als letzter Kassenschlager

Am Ende hielten dir wenigstens noch die schwarzgekleideten Kreaturen der Nacht die Stange, die Metal-Partyreihe Hard 'n' Heavy wird als der letzte Kassenschlager in deine Geschichte eingehen. Retten konnte sie dich nicht. Zuletzt stand auch der Insolvenzverwalter vor der Tür. Er kam nicht zum Tanzen.

Nun naht das Ende. "Nutzt die Gelegenheit, bei uns zu feiern, so lange es noch möglich ist", schreibst du den zahlreichen Trauernden auf Facebook. Ein gebührender Abschied wäre das Mindeste, was wir dir zurückgeben sollten. Du warst eine Institution, ein Zuhause für Schlaflose, Tänzer, Trinker und Halbstarke. Du warst Kult!

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Die 90er-Party gehörte lange zu den Kassenschlagern des Till Dawn. Damit ist nun endgültig Schluss. Bild © Fabian Weidenhausen

Ihre Kommentare Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Kult / Till Dawn in Marburg?

27 Kommentare

  • Schlechte location., schlechte musik, Drogen, Schlägereien.. Kein schöner ort

  • "alles für ein paar Wohnungen": Ich denke, dass dies durchaus angemessen ist...ein großer Club wie dieser lohnt sich heute einfach kaum noch irgendwo und Marburg war schon immer eine Kneipenstadt...hätte es sich gelohnt (hier ist ja auch vom Insolvenzverwalter die Rede...) hätte man in den leerstehenden Fun Park umziehen können. Aber man sieht es doch auch an den Kommentaren...die meisten lauten, Kult war geil, aber im Till Dawn war ich schon ein paar Jahre nicht mehr...
    Genau wie die Filmkunsttheater am Steinweg: Alle jammern über den bösen Vermieter, der Kinobetreiber meldet aber 25 Besucherrückgang...manche Zeiten gehen einfach irgendwann zu Ende und Wohnraum fehlt in Marburg.
    Außerdem soll das gesamte Gebiet zum Wohngebiet werden...auch Temmler jagt man doch grade aus der Stadt...100 Stellen sind schon weg, ohne dass es jemand mitbekommen hat...

  • (Teil 2 von 2)


    Es war mir eine Ehre den Laden von Wolfgang Richter, dem Betreiber der Kult Hallen, übernehmen zu dürfen. Mit so vielen wunderbaren Menschen das Till Dawn aufbauen und sich entwickeln zu sehen! Nun ist die Zeit des Till Dawns zwar zu Ende, aber die Menschen und die Erinnerungen wird es weiter geben. Die HardNHeavy Marburg wird auch einen neuen Ort finden.

    Danke an ALLE, mit denen ich diese Erfahrungen teilen durfte!

    Johannes Lammers alias Hannes für Frieden oder DJ Toretti
    Gründer und Geschäftsführer (bis März 2015) der till-dawn-Veranstaltungs GmbH, das Dawn

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