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Auswirkungen des Krieges auf europäische Raumfahrt

Die Sanktionen gegen Russland haben auch Auswirkungen auf die wissenschaftliche Arbeit in Hessen. In Darmstadt sind gleich zwei Großprojekte der Weltraum- und Grundlagenforschung durch die Folgen des Krieges bedroht.

Die Suche nach Spuren vergangenen oder aktuellen Lebens auf dem Mars ist eines der ganz großen Projekte der europäischen Raumfahrtagentur Esa. Im September sollte endlich das Roboterfahrzeug "Rosalind Franklin" zum roten Planeten fliegen und dort metertief in den Boden bohren. Im Darmstädter Kontrollzentrum ESOC bereitet man sich seit Jahren auf den Flug vor, der den zweiten Teil der Exomars-Mission darstellt.

Schon mehrfach verschoben

Doch aus dem bereits mehrfach aus technischen und logistischen Gründen verschobenen Start wird wohl wieder nichts. Diesmal sind der Angriff Russlands auf die Ukraine und die Sanktionen, die er ausgelöst hat, der Grund. Die russische Raumfahrtagentur Roskosmos war bislang ein wichtiger Partner beim Projekt Exomars.

Der Start sollte mit einer russischen Protonrakete vom kasachischen Weltraumbahnhof in Baikonur aus erfolgen. Russland steuerte außerdem die Landeplattform bei. Zu Wochenbeginn erklärte die Esa nun, man werde alle Sanktionen der Mitgliedsländer gegen Russland befolgen und ihre Auswirkungen auf Kooperationen mit Roskosmos prüfen.

Start in diesem Jahr "sehr unwahrscheinlich"

Noch ist der Start zwar nicht offiziell abgesagt, die Esa bezeichnete ihn angesichts der Situation aber als "sehr unwahrscheinlich". Man wolle nun alle Optionen prüfen und eine mit den Mitgliedsstaaten abgestimmte formale Entscheidung auf den Weg bringen.

Damit wäre das Projekt abermals ein gutes Stück zurückgeworfen. Ein neues Startfenster für die etwa neunmonatige Reise zum Nachbarplaneten öffnet sich frühestens wieder Ende 2024.

Was wird aus der ISS?

Unklar ist, wie es überhaupt mit der Zusammenarbeit mit Russland in der Raumfahrt weitergehen soll. In der Vergangenheit hatten sich politische Entwicklungen auf die Kooperation im All bislang kaum ausgewirkt. Diesmal ist es anders. Russland hat als Reaktion auf Sanktionen der EU bereits seine Mitarbeiter vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana abgezogen.

Auch auf der Internationalen Raumstation ISS dürfte man sich Sorgen über die Entwicklungen auf der Erde machen. Auf der Station weilen derzeit sieben Besatzungsmitglieder. Neben dem deutschen Esa-Astronauten Matthias Maurer sind dies vier amerikanische und zwei russische Raumfahrer.

Live-Schalte ins All abgesagt

Man wolle die Zusammenarbeit besonders im Hinblick auf die ISS fortsetzen, hatten jüngst sowohl die amerikanische Raumfahrtagentur Nasa als auch Roskosmos betont. Eine Nasa-Sprecherin sagte aber auch, man prüfe "betriebliche Flexibilitäten". Heißt übersetzt soviel wie: Man sucht nach Möglichkeiten, sich beim Betrieb und der Versorgung der Station von den Russen möglichst unabhängig zu machen.

Eine für Donnerstag angesetzte Fragerunde für Journalisten mit Astronaut Maurer bei einer Live-Schalte ins All hatte die Esa kurzfristig wieder abgesagt. Unangenehme Situationen durch Fragen im Zusammenhang mit der politischen Lage wollte man wohl vermeiden.

Russland auch an Teilchenbeschleuniger beteiligt

Auch andere Bereiche der Forschung sind von den durch den Angriff Russlands ausgelösten Sanktionen betroffen. Das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt verurteilte den Angriff auf die Ukraine als Bruch des Völkerrechts und kündigte an, die Zusammenarbeit mit russischen Partnern einzustellen und laufende bilaterale Projekte einzufrieren.

Baustelle für den Teilchenbeschleuniger FAIR in Darmstadt

Auswirkungen dürfte das vor allem auf die Entwicklung des Teilchenbeschleunigers FAIR in der Wissenschaftsstadt haben. Mit der Anlage lässt sich kosmische Materie erzeugen, die es sonst nur im Weltall gibt, wie etwa im Inneren von Neutronensternen. Der nach jüngsten Angaben 3,1 Milliarden Euro teure Beschleuniger sollte eigentlich 2025 in den Betrieb gehen.

Abstimmung mit anderen Partnern

An dem Projekt sind knapp ein Dutzend Länder beteiligt, darunter eben auch Russland. Was FAIR betrifft, wolle man sich mit den anderen Partnern bezüglich der weiteren Umsetzung der völkerrechtlichen Verträge abstimmen, teilte die GSI mit. Je nach weiterer Entwicklung der Situation würden die Maßnahmen angepasst.

Die Geschäftsführung richtete auch einen Appell an ihre Belegschaft, Kolleginnen und Kollegen aufgrund ihrer Nationalität nicht zu diskriminieren oder für die Politik der russischen oder belarusischen Regierung verantwortlich zu machen. In der internationalen Großforschung arbeiteten seit jeher Menschen aus aller Welt mit wissenschaftlichen Zielsetzungen zusammen - unabhängig von politischen, religiösen und weltanschaulichen Aspekten.

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