Rehbock in der Dämmerung vor einem Auto

Allein in Mittelhessen ist inzwischen bei jedem fünften Unfall ein Reh oder ein Wildschwein verwickelt. Das ist auch für Autofahrer gefährlich. Dabei könnten sie das Problem ganz einfach lösen.

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Die Zahlen sind besorgniserregend. Im vergangenen Jahr gab es laut Polizei in Mittelhessen rund 5.400 Unfälle mit Rehen oder Wildschweinen. Jeder fünfte Verkehrsunfall war demnach ein Zusammenstoß mit einem Wildtier, alle 90 Minuten hat es deshalb gescheppert. Dazu kommt eine unbekannte Zahl nicht erfasster Unfälle. Zusammenstöße mit Dachsen, Wildkatzen oder Füchsen werden gar nicht in die Statistik aufgenommen. Die Zahlen steigen laut Unfallstatistik der Polizei stetig.

Bei Tempo 100 rechtzeitig anzuhalten, ist oft unmöglich

"Wir stellen fest, dass viele Leute immer noch zu schnell unterwegs sind", sagt ADAC-Sprecher Wolfgang Herda. Die Gefahr durch Wildtierunfälle werde unterschätzt. Herda rechnet vor: "Wenn in 60 Metern ein Reh aus einer Lichtung auf die Straße läuft, und ich habe 100 Stundenkilometer drauf, dann habe ich einen Anhalteweg von 79 Metern." Rechtzeitig anzuhalten, sei damit nicht möglich.

Die Kräfte, die bei einem Unfall mit einem Tier entstünden, seien enorm, erklärt der ADAC-Experte: "Wenn man mit 80 km/h auf einen Hirsch auffährt, entspricht das über fünf Tonnen Aufprallgewicht." Kein Wunder also, dass sich Autos stark verformen, wenn sie mit Wild kollidieren. Nicht selten entsteht am eigenen Wagen ein Totalschaden.

Grafik über Bremswege von Autos bei verschiedenen Geschwindigkeiten bei Hirsch-Sichtung

Und schlimmer noch: Wer versuche, einem Wildschwein oder einem Reh bei Tempo 80 oder 100 auszuweichen, lande oft im Graben, gerate in den Gegenverkehr oder pralle gegen einen Baum. "Das ist ein schwieriges Fahrmanöver und gelingt den wenigsten, denn das ist keine alltägliche Fahrsituation", sagt Herda. Fahrer sollten in solchen Situationen lieber das Lenkrad festhalten und einen kontrollierten Aufprall in Kauf nehmen statt ein unkontrolliertes Ausweichmanöver zu verursachen.

Jäger können oft nicht mehr Tiere schießen

Das Thema Wildunfälle wird auch in den kommenden Jahren akut bleiben. Davon geht der Landesjagdverband Hessen aus. "Die Anzahl steigt ständig", sagt Vizepräsident Dieter Mackenrodt. Mittlerweile würden bundesweit 1,2 Millionen Rehe erlegt, davon knapp 200.000, die bei Wildunfällen sterben.

Die Jäger wollten diese Tiere lieber schießen statt sie nachts von der Straße nach einem Unfall aufzusammeln. Denn dann müssten sie entsorgt werden, verwertbar seien sie nicht mehr. "Wir jagen entlang der Straßen und versuchen, das Wild so von den Straßen fernzuhalten", sagt Mackenrodt.

Könnte man nicht einfach mehr Tiere schießen? "Das ist nicht so leicht", gibt Jagdverbandsprecher Markus Stifter zu bedenken. Die bestehenden Abschussquoten würden derzeit erfüllt und seien bereits nach und nach erhöht worden. Dazu könne man nie genau vorhersehen, wo und wann sich Rudel oder einzelne Tiere aufhielten. In der Dämmerung seien sie obendrein schwer zu erkennen.

Beste Unfallprävention: runter vom Gas

Zäune - wie entlang von Autobahnen - könne man nicht überall hochziehen, um das Wild am Überqueren der Straßen zu hindern, betont Stifter: "Die Tiere müssen sich noch bewegen können. Wir trennen durch die Zäune auch Populationen. Es kann zu einer genetischen Verarmung kommen."

Eine aktuelle Studie belege am Beispiel Rotwild, dass diese Entwicklung schon mancherorts zu beobachten sei, führt der Jagdverbandssprecher aus: "Im Krofdorfer Forst bei Gießen sind die Populationen so klein, dass es schon zu einer genetischen Verarmung gekommen ist." Deshalb sei es wichtig, diese wieder miteinander zu vernetzen - beispielsweise mithilfe von Grünbrücken über Autobahnen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Polizei und Jäger mahnen Autofahrer zu Tempo 80 in Waldgebieten

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Doch wie kann man dem Problem der steigenden Unfallzahlen Herr werden? Die Antwort, da sind sich die Experten einig, lautet: runter vom Gas. Jagdverbandsvize Mackenrodt weist darauf hin: "Wildschweine folgen ihrem Instinkt. Wir Autofahrer fahren quasi durch ihre Wohnzimmer. Daher sollten wir unser Tempo anpassen und vorsichtiger fahren."

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Aktionstag "Wildunfälle vermeiden" in Gießen

Herbstzeit ist Wildunfallzeit: In der Dämmerung überqueren Wildschweine und Rehe besonders häufig Landstraßen, blitzschnell kommen sie aus der Deckung an Feldern oder Waldbereichen und bleiben auf der Fahrbahn stehen. Ausweichen ist dann kaum noch möglich. Wie man sich bei einem drohenden Unfall verhält und worauf man in der dunklen Jahreszeit als Autofahrer achten sollte, darüber informiern Polizei, Kreis Gießen, Landesjagdverband und ADAC beim Aktionstag "Wildunfälle vermeiden" am Sonntag auf dem Schiffenberg in Gießen.

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Anm. der Red.: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es: "'Die Anzahl der Rehe steigt ständig', sagt Vizepräsident Dieter Mackenrodt. Mittlerweile gebe es bundesweit 1,2 Millionen Rehe." Tatsächlich bezogen sich die Aussage und die Zahl auf die erlegten Tiere - im Jahr 2018 wurden bundesweit knapp 1,2 Millionen Stück Rehwild (männlich und weiblich) erlegt. Wir haben die Angabe korrigiert und bitten, den sachlichen Fehler zu entschuldigen.

Sendung: hr4, 11.10.2019, 15.30 Uhr