Foto der Gerichtsverhandlung. Im Gerichtssaal stehen Gerichtsbeamte und Medienvertreter.

Im Missbrauchskomplex Münster ist auch ein Mann aus Staufenberg zu einer hohen Haftstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Nach dem erschreckenden Fall läuft in der mittelhessischen Kleinstadt weiterhin die Aufarbeitung.

Videobeitrag

Video

zum Video Lange Haftstrafe im Missbrauchsprozess

hs 1930 06072021 Thumbnail
Ende des Videobeitrags

Nach rund acht Monaten Prozess, über 50 Verhandlungstagen und vielen verstörenden Details ist in Münster das Urteil in einem äußerst umfangreichen, bundesweiten Missbrauchskomplex gefallen. Das Landgericht verhängte Haftstrafen zwischen zehn und 14 Jahren gegen vier Männer und eine Frau. Gegen die Männer ordnete es zudem anschließende Sicherungsverwahrung an. Das Gericht begründete dies mit der drohenden Wiederholungsgefahr. Die Angeklagten kommen aus ganz Deutschland, unter ihnen ist auch ein 31-Jähriger aus Mittelhessen.

14 Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung gab es wegen des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern in 29 Fällen für den 28 Jahre alten Haupttäter aus Münster, in dessen Gartenlaube der Missbrauch stattgefunden hat. Er und die anderen Männer verabredeten sich über das Internet zu einem Treffen in der Gartenlaube im April 2020. Über drei Tage hinweg missbrauchten und vergewaltigten sie dort zwei Jungen.

Polizist steht vor abgesperrter Laube

Der damals elfjährige Sohn der Lebensgefährtin des Haupttäters gilt als Hauptopfer. Er wurde schon ab 2018 vom ihm missbraucht. Die Mutter des Haupttäters bekam fünf Jahre Haft wegen Beihilfe zu schwerem sexuellen Kindesmissbrauch.

Taten im Darknet weiterverbreitet

Die zweithöchste Haftstrafe verhängte das Gericht gegen einen 31-Jährigen aus Staufenberg (Gießen). Er muss wegen des schweren sexuellen Missbrauchs in sechs Fällen für zwölf Jahre in Haft - mit anschließender Sicherungsverwahrung. Er brachte seinen damals fünfjährigen Sohn mit zum Treffen in der Gartenlaube. Dort wurde der Junge mit KO-Tropfen betäubt und von seinem Vater und den anderen Männern tagelang missbraucht.

Die Taten wurden gefilmt, fotografiert und im Darknet weiterverbreitet. Das Urteil stützt sich unter anderem auf etwa 30 Stunden Videomaterial. Seitdem der Missbrauchskomplex im Juni vergangenen Jahres aufgeflogen war, werden im Zusammenhang damit immer wieder neue Tatverdächtige ermittelt, die bei Missbrauchshandlungen zu sehen sind. Neben dem Hauptprozess laufen derzeit weitere Verfahren in mehreren Städten.

Familie galt als unauffällig

In der mittelhessischen Kleinstadt Staufenberg sorgt der Fall weiterhin für Entsetzen. Hier lebte der Handwerksmeister mit seiner Familie. Der inzwischen sechsjährige Sohn besuchte zum Tatzeitpunkt eine städtische Kita. Anzeichen für das Grauen in der Familie erkannte bis zum Bekanntwerden des Missbrauchskomplexes in seinem Umfeld niemand - zumindest meldete sie niemand ans Jugendamt. Dort war die Familie bis vor einem Jahr unbekannt.

Staufenberg

Bürgermeister Peter Gefeller (SPD) macht das betroffen. Man stelle auch sich selbst in Frage. "Es hat hier aber keine Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung gegeben." Das habe auch die Polizei Münster bei ihren Befragungen in Staufenberg so festgestellt.

Aufarbeitung in den Kitas

Dennoch habe die Stadt im vergangenen Jahr auf den Fall reagiert und den Erzieherinnen in der betroffenen Kita psychologische Betreuung und Supervision angeboten, also eine fachliche Gruppenbegleitung. Laut Gefeller habe es in den Staufenberger Kitas schon vorher regelmäßige Schulungen zur Früherkennung von Kindeswohlgefährdungen gegeben. Das habe man nun gemeinsam mit dem Jugendamt noch einmal intensiviert.

Der schreckliche Fall sei in der Stadt nach wie vor präsent und Aufarbeitung sei wichtig, sagt der Bürgermeister. Dennoch hoffe er, dass es der Stadt durch das Urteil gelingt, einen Punkt hinter die Vorfälle zu setzen. Die Kinder seien seines Wissens nach in einer Pflegefamilie untergebracht.

Staatsanwaltschaft Gießen: Ermittlungen eingestellt

Im Laufe der Ermittlung stand wegen Fotos auch der Verdacht im Raum, dass der Fall auch in Hessen ein rechtliches Nachspiel haben könnte. So hieß es bei der Anklageerhebung in Münster, dass es schon früher im häuslichen Umfeld der Staufenberger Familie Missbrauch gegeben haben könnte, möglicherweise auch an der inzwischen achtjährigen Tochter des Täters.

Ein Sprecher der Gießener Staatsanwaltschaft teilte nun auf hr-Anfrage mit: Die Ermittlung vor Ort sei Ende April eingestellt worden. Die Staatsanwaltschaft habe sich "sehr intensiv mit dem Fall auseinandergesetzt". Die Vorfälle in Münster seien durchaus in die Bewertung mit eingeflossen, aber letztlich müsse jede Tat einzeln beurteilt werden. "In Staufenberg konnte keine Tat nachgewiesen werden."

Mit den am Dienstag in Münster gefällten Urteilen folgte das Gericht weitestgehend der Forderung der Staatsanwaltschaft. Sie sind noch nicht rechtskräftig.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen