Foto von drei Mountain-Bikern, die auf ihren E-Mountain-Bikes durch einen Wald cruisen.

Die Coronakrise hat einen beispiellosen Run auf die heimische Natur ausgelöst. Tiere und Pflanzen bekommen vor allem den Boom bei E-Bikes zu spüren. Die Fahrer sind auch in den Kasseler Bergen kaum zu bremsen.

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zum Video Hohe Nachfrage bei E-Bikes

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Tom Kretschmer macht in seinem Kasseler E-Bike-Laden gerade das Geschäft seines Lebens. "Die Leute haben erst Klopapier, dann Webcams gehortet, dann die Bau- und Gartenmäkte leer gekauft. Jetzt sind es die E-Bikes", sagt er. Der Händler hat ein großes Lager, das jetzt fast geräumt ist - bei Kollegen sehe es nicht anders aus.

Den üblichen Jahresumsatz hat er jetzt schon drin. Eine indirekte Folge der Corona-Pandemie mit Lockdown und Reisewarnungen fürs Ausland.

Gerade Ausflüge auf Mountainbikes mit Elektroantrieb sind für die Freizeit zuhause beliebt - in der Kasseler Region erst recht. Die Berge sind steil, das Fahren anstrengend. Motorisiert kommen nun deutlich mehr Fahrer in den Wald als früher - und das hat schädliche Folgen.

Mit dem Motor steile Pfade erklimmen

"Es gibt einen Run in die Natur, den wir so noch nicht erlebt haben“, sagt Axel Krügener vom Regierungspräsidium Kassel. Er ist für Natuschutzgebiete zuständig. Seit März sei zu spüren, dass Orte wie das Naturschutzgebiet Dönche in Kassel so gefragt sind wie nie.

Das verstärke bekannte Probleme, wie die Mengen an weggeworfenem Müll in der Landschaft. Und Mountainbike-Fahrer dringen in Gebiete vor, in die sie bisher selten gelangt sind und in denen sie nichts zu suchen haben.

Schnelle Radler - neue E-Bike-Strecken?

"Die schaffen auch mal 50 Kilometer Strecke und erschließen sich völlig neue Territorien", sagt Krügener. Wo anderen die Muskeln versagen, kann ein E-Biker auch noch einen steilen Trampelpfad erklimmen. Ein aufgeschrecktes Reh, Brutstätten von Vögeln, Schutzgebiete? "Das bekommen die gar nicht mit, wenn sie sich auf Tempo und Fahrtechnik konzentrieren müssen."

In der Region um Kassel müsse der Naturschutz daher neue Wege finden, sagt Krügener - und das ist wörtlich gemeint. "Wir müssen ein Netz von E-Mountainbike-Strecken ausweisen."

Forstamt: "ernsthaftes Problem"

Ein langfristiges Projekt. Matthias Schnücker vom Forstamt Wolfhagen bräuchte allerdings kurzfristig Abhilfe. Die coronabedingte Zunahme der E-Biker sei gerade rund um den Kasseler Herkules ein "ernsthaftes Problem". Es gebe auch mehr Konflikte mit Bikern und Fußgängern, die Zahl der Beschwerden steige.

Forstamtsmitarbeiter steht vor Baumstämmen, die illegale Mountainbikestrecke sperren

Die E-Bikes richten aber nicht nur enorme Schäden an, weil sie steile Pfade hochfahren oder querfeldein brettern. Sie sind auch schwerer, die Reifen breiter als bei gewöhnlichen Mountainbikes. Das hinterlässt im Wald und auf Wiesen bleibende Spuren.

Wenn ein Radfahrer auf einem kleinen Pfad stürze, den er nicht hätte befahren dürfen, sei das Forstamt im Zweifel sogar juristisch in Schwierigkeiten, klagt Schnücker. Hat die Behörde genug getan, die Fahrt zu verhindern? Viele Neulinge beim E-Mountainbiken unterschätzten auch noch Geschwindigkeit und Technik.

Das Forstamt hat Schilder aufgestellt, um illegale Routen zu sperren. Genutzt hat es laut Schnücker nicht viel, die Schilder waren schnell wieder verschwunden. Auch mit Ästen und Baumstämmen sperrt das Amt Wege, auf den Stämmen ist in roter Farbe ein durchgestrichener Fahrradfahrer aufgesprüht. Oft werden die Hindernisse beseitigt oder umfahren.

Schnücker selbst spricht Mountainbikern an einem beliebten Punkt im Wald auch schon mal an: Vielen sei einfach nicht bewusst, dass sie nicht überall im Wald fahren dürfen. Ausgewiesene Strecken für E-Mountainbike-Fahrer könnten zumindest Abhilfe bringen. Entsprechende Gespräche laufen schon.

Zahl der Unfälle steigt

Mehr Menschen auf E-Bikes bedeutet auch mehr Unfälle. Laut Polizeisprecher Matthias Mänz lasse sich für Nordhessen schon jetzt ein deutlicher Anstieg im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum erkennen - und das sind nur jene Unfälle, von denen die Polizei erfährt.

Schon 2019 stieg die Zahl der E-Bikeunfälle im Vergleich zum Vorjahr um 43 Prozent an, zu hohe Geschwindigkeit war eine der Hauptursachen. Gerade viele älter und ungeübte Radler kauften sich so ein Fahrrad, berichtet die Polizei.

Möglicherweise wird der Elektrofahrrad-Boom zumindest ein wenig gebremst - unfreiwillig. Denn nicht nur das Lager von Kretschmers Laden in Kassel wird wegen Nachschub-Problemen leerer. Wenn er jetzt ein neues Rad bestellt, würde das kaum vor Februar 2021 geliefert.

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Illegale Trails auch in Südhessen ein Problem

Auch die Forstämter im Hochtaunuskreis, in Wiesbaden und Darmstadt haben mit dem Problem illegal befahrener Mountainbike-Strecken zu kämpfen. Die Landesbehörde Hessen Forst setzt auf den Dialog mit den Bikern und will sie verstärkt auf legale Trails hinweisen. Davon gibt es im hessischen Staatswald geschätzte 50 bis 70 Kilometer auf ausgewiesenen Mountainbike-Routen, hinzu kommen Strecken in den Wäldern der Kommunen.

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 17.07.2020, 19.30 Uhr