Florin in seinem Zimmer

Nicht nur die Hygiene-, auch die Arbeitsbedingungen beim nordhessischen Wursthersteller Wilke waren offenbar katastrophal. Ein rumänischer Arbeiter berichtet von überlangen Arbeitszeiten und umverpackter Gammel-Wurst.

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zum Video Mitarbeiter berichtet über Zustände bei Wilke

hs
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Florin ist einer von vielen Rumänen und Ungarn, die beim mittlerweile geschlossenen Wurstfabrikanten Wilke in Twistetal (Waldeck-Frankenberg) gearbeitet haben. Der 24-Jährige war in seiner Heimat angeworben worden und wollte in Deutschland gutes Geld verdienen.

Mehr als 318 Stunden im Monat

Dafür musste er allerdings ranklotzen. "Von Anfang an habe ich fast immer zwölf Stunden gearbeitet, sechs bis sieben Tage am Stück", berichtet Florin am Dienstag dem hr. So wie ihm sei es vielen der rumänischen und ungarischen Arbeiter bei Wilke ergangen.

Eine Lohnabrechnung, die dem hr vorliegt, weist eine monatliche Arbeitszeit eines Arbeiters von mehr als 318 Stunden aus. Erlaubt seien maximal 48 Stunden pro Woche, gerechnet auf sechs Tage, sagte Matthias Schulz, Fachanwalt für Arbeitsrecht. Das ergibt pro Tag acht zulässige Stunden - bei 26 Arbeitstagen käme man auf 208 Stunden. Selbst wenn man mit fünf vollen Wochen im Monat rechnet, kommt man bloß auf 240 Arbeitsstunden.

Weitere Informationen

Info-Hotline

Das Verbraucherministerium hat eine Hotline eingerichtet: Unter 06151-126082 werden Fragen zur Wilke-Rückrufaktion beantwortet. Erreichbar ist die Nummer montags bis donnerstags zwischen 8 und 16.30 Uhr sowie freitags zwischen 8 und 15 Uhr.

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Widersetzen habe er sich dem gewaltigen Pensum nicht können, sagt Florin: "Es gab Druck, ich konnte gar nicht anders." Er und viele andere hätten auch ohne Vertrag bei Wilke gearbeitet.

Unterbringung in Massenquartieren

Untergebracht waren die Arbeiter nach hr-Informationen in Massenquartieren in Vöhl-Thalliter (Waldeck-Frankenberg). Dort teilten sich bis zu sechs Personen ein Zimmer. Der Eigentümer des Geländes hatte es an ein Unternehmen vermietet.

Er wusste nach eigenen Angaben anfangs nichts von den Massenunterbringungen. "Als ich das erfahren habe, habe ich mich wirklich gefragt, ob ich in einer Bananenrepublik lebe", sagt er. 50 Leute auf 200 Quadratmetern, das sei einfach unmöglich. "Ich habe Mitleid gehabt mit diesen Leuten."

Verschimmelte Wurst neu verpackt

Florin berichtet auch von katastrophalen hygienischen Verhältnissen bei der Wurstproduktion. So sei vergammeltes Fleisch mit frischem vermischt worden. Diese Mischungen seien dann stark gewürzt worden, um den Geschmack des alten Fleisches zu überdecken.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Miese Bedingungen für Wilke-Mitarbeiter

Hessenschau Kompakt - 16:45 - 11.10.2019
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Verschimmelte Wurst sei sauber gemacht und neu verpackt worden. Beim Mindesthaltbarkeitsdatum habe man getrickst. Das hätten allerdings die ungarischen und deutschen Arbeiter erledigt, die Rumänen hätten das miterlebt, aber nicht mitgemacht.

Gewerkschaft geht bei Wilke von Ausnahme aus

Andreas Kampmann von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zeigt sich entsetzt über diese neuen Details: "Man mag sich gar nicht vorstellen, dass das überhaupt möglich ist."

Gleichwohl geht Kampmann im Fall Wilke von einem Einzelfall aus. Ihm seien solche Bedingungen in fleisch- und wurstverabeitenden Betrieben hierzulande "auch nicht ansatzweise so geläufig". Dies gelte auch für den Umgang mit Mitarbeitern.

Ausstehende Lohnzahlungen

Derzeit warten noch einige der Arbeiter auf ausstehende Lohnzahlungen. Ohne diese können sie nicht in ihre Heimat zurückkehren, wie sie dem hr sagen. Der Betrieb ist seit Anfang Oktober geschlossen. Wie die Behörden dem Wurstskandal bei Wilke auf die Spur kamen, steht hier.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 15.10.2019, 19.30 Uhr