Polizisten am Rand eines eingleisigen Bahndamms.
Der Bahndamm bei Wiesbaden-Erbenheim, an dem Susannas Leichnam gefunden wurde. Bild © picture-alliance/dpa

Ein Mädchen wird in Wiesbaden vergewaltigt und ermordet. Der mutmaßliche Täter setzt sich in den Irak ab, wird dort festgenommen und nach Deutschland gebracht. Er gesteht die Tötung, bestreitet aber eine Vergewaltigung. Was über den Fall bekannt ist.

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Die 14 Jahre alte Susanna aus Mainz ist tot. Mehr als zwei Wochen lang war sie vermisst, bevor Polizei und Staatsanwaltschaft am 7. Juni bekannt gaben, dass ihr Leichnam in der Nähe eines Bahndamms in Wiesbaden gefunden wurde. Sie soll vergewaltigt und ermordet worden sein.

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Die Ermittler verdächtigten zunächst zwei Asylbewerber, die Tat begangen zu haben: Einen 35-Jährigen aus der Türkei und einen 20-Jährigen, der sich eineinhalb Wochen nach der Tat in den Irak abgesetzt hat. Der Verdacht gegen den Türken, der zwischenzeitlich festgenommen wurde, erhärtet sich aber nicht.

Vor Susannas Verschwinden

Oktober 2015: Ali B. reist über den Landweg nach Deutschland ein. Er kommt in die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen und bezieht dort eine Unterkunft.

April 2016: Ali B. wird in eine Flüchtlingsunterkunft nach Wiesbaden verwiesen und lebt dort mit Eltern und Geschwistern. In dieser Unterkunft ist auch Susanna mehrmals zu Besuch, sie kennt Ali B.s Bruder.

September 2016: Ali B. reicht seinen Asylantrag ein. Er beantragt subsidiären Schutz, weil er im Irak mit Tod, Folter und Versehrtheit der Person bedroht sei. Während seiner Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BaMF) einen Monat später gibt Ali B. an, in seiner irakischen Heimat von der kurdischen Arbeiterpartei PKK bedroht zu werden.

Dezember 2016: Der Asylantrag von Ali B. wird abgelehnt. Im Januar 2017 geht beim Verwaltungsgericht Wiesbaden Klage gegen diesen Ablehnungsbescheid ein. Aufgrund des laufenden Verfahrens erhält Ali B. eine Aufenthaltsgenehmigung.

April 2017: Eine Frau wird in Wiesbaden aus einer Menschengruppe heraus angepöbelt. Zwei andere Personen stellen die Pöbler zur Rede. Es kommt zum Streit und zur Schlägerei. In dem Zusammenhang taucht der Name Ali B. auf, der Verdacht kann aber nicht erhärtet werden. Das Verfahren wird eingestellt.

Mai 2017: Ein heute 35 Jahre alter Türke reist nach Deutschland ein. Er kommt nach Thüringen und beantragt dort Asyl. Später wird er im Mordfall Susanna in Verdacht geraten.

Juni 2017: Der Türke wird bei der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen vorstellig. Er stellt dort einen Asylantrag und gibt an, als Kurde im syrischen Bürgerkrieg für die kurdische Miliz YPG - den syrischen PKK-Ableger - gekämpft zu haben. Ihm wird ein Quartier in einer Wiesbadener Flüchtlingsunterkunft zugewiesen. Über den Asylantrag wurde noch nicht entschieden.

Februar 2018: Ein Mann wird von drei anderen Männern in Wiesbaden geschlagen. Der Geschädigte verweigert aber jede Aussage. Die Polizei trifft Ali B. in der Nähe des Tatorts an, er bestreitet die Tat. Weil das Opfer nicht aussagt, ist es nicht möglich, ihm die Tat nachzuweisen.

März 2018:

  • Ali B. rempelt nachts in der Wiesbadener Innenstadt eine Polizistin an, fällt zu Boden, schlägt um sich und spuckt. Die Polizei wird hinzugerufen und nimmt ihn in Gewahrsam. Das Verfahren soll demnächst bei der Staatsanwaltschaft landen.
  • Ein elfjähriges Mädchen berichtet seiner Schwester: Es sei von einem Ali in der Flüchtlingsunterkunft vergewaltigt worden, in der die beiden leben. Dort leben insgesamt vier Alis. Die Polizei erfährt am 17. Mai davon. Die Tat ist Ali B. bislang noch nicht nachgewiesen worden, der Verdacht konnte nicht erhärtet werden.
Fahndungsfotos Ali B.
Der zur Fahndung ausgeschriebene Ali B. Bild © Polizei Wiesbaden/picture-alliance/dpa

April 2018:

  • Ali B. und ein Mittäter sollen einen Mann nachts in Wiesbaden mit einem Messer bedroht und in ein Gebüsch gezerrt haben. Die Täter rauben die Wertsachen, das Opfer kann flüchten.
  • Bei einer Kontrolle in Wiesbaden wird bei Ali B. ein Messer gefunden - ein Einhandmesser, das sich per Daumendruck schnell öffnen lässt. Die Stadt stellt einen Strafantrag wegen Verstoßes gegen das Waffenbesitzverbot, der Antrag geht am 4. Juni bei der Polizei ein.

Susanna verschwindet

22. Mai 2018: Die 14-jährige Susanna kommt abends in Mainz nicht nach Hause. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler wird sie noch an diesem Abend oder in der Nacht vergewaltigt und stirbt durch Gewalteinwirkungen am Hals - vermutlich wurde sie getötet, um die Tat zu verschleiern. Die Leiche wird in einem Erdloch versteckt, das mit Gräsern und Holz abgedeckt wird.

23. Mai 2018: Susannas Mutter meldet die Jugendliche bei der Polizei am Wohnort in Mainz als vermisst. Auch die Polizei in Wiesbaden wird eingeschaltet, da Susanna zuletzt dort in der Innenstadt unterwegs war. Die Mutter veröffentlicht auch in sozialen Netzwerken zahlreiche Hilferufe.

29. Mai 2018: Susannas Mutter erhält abends von einer Bekannten ihrer Tochter die Mitteilung: Das Mädchen sei tot und ihre Leiche liege an einem Bahngleis. Die Mutter wendet sich daraufhin an die Polizei in Mainz und Wiesbaden. Die Beamten können die Hinweisgeberin zunächst nicht befragen, weil sie auf Kurzurlaub und nicht erreichbar ist.

30. Mai 2018: Ali B., seine Eltern und seine fünf Geschwister verlassen offenbar an diesem Donnerstag Wiesbaden. Das Verfahren wechselt von der Polizei Mainz zur Polizei Wiesbaden. Die Polizei setzt bei der Suche unter anderem einen Hubschrauber ein, findet nach eigenen Angaben aber nichts.

1. Juni 2018: Susannas Mutter veröffentlicht auf Facebook einen verzweifelten Hilferuf und macht der Polizei schwere Vorwürfe: "Wie kann es sein, dass die Polizei sich fünf Tage Zeit lässt und nichts tut?" Erst auf Veranlassung ihrer Anwältin sei eine Handy-Ortung und eine öffentliche Fahndung veranlasst worden. Die Polizei wird später sagen, Susanna habe schon seit einigen Monaten die Schule geschwänzt. Und es habe auch Hinweise gegeben, dass sie sich im Ausland aufhält.

Journalisten machen Bilder von Fotos des Tatverdächtigen Ali B.
Journalisten machen bei der Pressekonferenz von Polizei und Staatsanwaltschaft Bilder von Fotos des Tatverdächtigen Ali B. Bild © picture-alliance/dpa

2. Juni 2018: Ali B. und seine Familie fliegen nach einer in bar gezahlten Umbuchung von Düsseldorf nach Istanbul und reisen gemeinsam weiter nach Erbil im Nordirak. Alle Tickets werden auf andere Namen gebucht als bei der Polizei bekannt. Bei der Ausreise präsentiert die achtköpfige Familie Passierscheine, zwei sogenannte Laissez-Passer-Papiere, für je vier Personen mit Lichtbild, ausgestellt vom irakischen Konsulat. Am Flughafen werden die Namen auf den Tickets nicht mit denen auf den Aufenthaltsgenehmigungen abgeglichen.

3. Juni 2018: Gegen 18.30 Uhr wird ein 13-Jähriger bei der Polizei vorstellig, der in derselben Flüchtlingsunterkunft wie Ali B. wohnt. Er nennt den möglichen Tatort und Ali B. als möglichen Täter.

4. Juni bis 6. Juni 2018: Ali B. wird zur Fahndung ausgeschrieben. Bis zu 400 Polizisten sind mit dem Vermisstenfall beschäftigt. Sie suchen unter anderem auch mit Hunden und einem Hubschrauber. Am Mittwochnachmittag wird eine weibliche Leiche in einem Erdloch neben einem Bahngleis gefunden. Am Mittwochabend wird der verdächtige Türke festgenommen. Er wird umgehend vernommen und sagt auch aus - was er sagt, gibt die Polizei nicht bekannt.

7. Juni 2018:

  • Die Polizei erklärt, dass Susanna tot ist.
  • Der zunächst beschuldigte 35-jährige Türke wird am Abend wieder freigelassen. Es besteht laut Staatsanwaltschaft nun kein dringender Tatverdacht mehr. Als mutmaßlicher Täter bleibt nun noch der zur Fahndung ausgeschriebene Iraker.

Ali B. wird festgenommen

8. Juni 2018: Nach Angaben von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ist Ali B. in der Nacht im Irak festgenommen worden.

9. Juni 2018: Ali B. wird mit einer Lufthansa-Maschine in Begleitung der Bundespolizei aus dem nordirakischen Erbil nach Frankfurt geflogen. Ein Spezialeinsatzkommando bringt ihn mit dem Hubschrauber ins Polizeipräsidium Westhessen nach Wiesbaden. In Mainz demonstrieren Bündnisse und Initiativen gegen Einwanderung aber auch gegen Rassismus.

10. Juni 2018: In einem sechsstündigen Verhört gesteht Ali B. vor einer Ermittlungsrichterin, dass er Susanna getötet habe. Eine Vergewaltigung bestreitet er. Tatmotiv sei die Angst gewesen, Susanna könne die Polizei rufen. Sie sei gestürzt und aufs Gesicht gefallen. Er wird in Untersuchungshaft genommen.

11. Juni 2018: Es wird bekannt, dass Ali B. nicht offiziell ausgeliefert, sondern abgeschoben wurde. Die Entscheidung zur Abschiebung sei von der kurdischen Autonomieregierung in Erbil getroffen worden, sagte Regierungsssprecher Seibert. Am Abend gedenken in Mainz etwa 150 Menschen der ermordeten Susanna.

12. Juni 2018:

  • Susanna wird auf dem jüdischen Friedhof in Mainz im kleinen Kreis beigesetzt.
  • Nach Informationen aus dem irakischen Generalkonsulat in Frankfurt soll Ali B. zum Zeitpunkt der Tat bereits 21 Jahre alt gewesen sein. Der Irrtum lässt sich wohl auf einen Zahlendreher bei Tag und Monat des Geburtstags zurückführen. Damit kann er nicht mehr nach Jugendstrafrecht verurteilt werden.

13. Juni 2018: Die irakische Regierung kritisiert die Übergabe von Ali B. an Deutschland als Rechtsverstoß. Den Verstoß hätten sowohl die kurdische Regionalregierung als auch Deutschland begangen. Auch ein Karlsruher Anwalt erstattet Strafanzeige gegen alle beteiligten Bundespolizisten wegen Freiheitsberaubung.

3. Juli 2018:

  • Der Verdacht, dass Ali B. auch das elfjährige Mädchen, das im März seiner Schwester von der Tat berichtet hatte, vergewaltigt haben soll, hat sich erhärtet. Die Staatsanwaltschaft beantragt einen weiteren Haftbefehl gegen Ali B. wegen zweifacher Vergewaltigung des Mädchens.
  • Unter demselben Verdacht sitzt nun zudem der Junge in Untersuchungshaft, der die Poizei auf Ali B.s Spur geführt hatte. Dem 14-Jährigen aus Afghanistan, dessen Alter zunächst mit 13 angegeben worden war, werden ebenfalls zwei Vergewaltigungen der Elfjährigen vorgeworfen.
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