Polizisten im Jahr 2018 am Fundort der Knochen.

Vor 20 Jahren wurde im Lahn-Dill-Kreis der 36 Jahre alte Mahmut Caner getötet. Jetzt hat die Polizei den mutmaßlichen Täter ermittelt. Das Problem: Der Verdächtige ist verschwunden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mord an Mahmut Caner nach 20 Jahren aufgeklärt

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Über 100 Menschen zum Teil mehrfach vernommen, bis zu 50 Personen überwacht, 90.000 Telefongespräche übersetzt und ausgewertet: Es war ein enormer Aufwand, den Polizei und Staatsanwaltschaft in Wetzlar zuletzt betrieben haben, und er hat sich gelohnt.

Wie Polizeisprecher Guido Rehr dem hr bestätigte, gibt es nun einen Haftbefehl gegen einen 55-Jährigen. Er wird verdächtigt, vor über 20 Jahren den damals 36 Jahre alten Mahmut Caner ermordet zu haben. Zuvor hatte die Oberhessische Presse darüber berichtet.

Erst 18 Jahre später wurden Knochen gefunden

Was sich genau vor über 20 Jahren abspielte, ist aber noch nicht klar. Fest steht, dass der Verdächtige den zweifachen Familienvater Caner aus dem Mittenaarer Ortsteil Bicken (Lahn-Dill) wegen diverser Geschichten erpresst hatte; es ging wohl um insgesamt 15.000 D-Mark. Er setzte Caner ein Ultimatum, das am 3. Mai 1999 ablief. An diesem Tag wurde Caner, ein Kurde aus der Türkei, der seit Jahren in Deutschland lebte, zuletzt gesehen.

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass der mutmaßliche Mörder Caner an jenem Abend abfing und tötete - wie genau ist unklar. Die Leiche soll er in einem Wald im Gebiet Zollbuche bei Gladenbach (Marburg-Biedenkopf) versteckt haben. Erst 2017 fanden Forstarbeiter per Zufall zwei Knochen. Bis dahin gab es lediglich einen Hausschuh von Caner, der auf einem Schulgelände in Bicken aufgetaucht ist.

Telefonate aus zwei Sprachen übersetzt

Mit dem Knochenfund ging es für die Ermittler nochmal richtig los. Denn die Ermittlungen zu Caners Verschwinden waren zuvor eingestellt worden. Der Grund: Caner hatte wohl zu seinem eigenen Schutz heimlich ein Gespräch mit dem Verdächtigen per Kassette aufgenommen. Die Polizei wusste also von der Erpressung, konnte daher aber nicht ausschließen, dass Caner sich in seine türkische Heimat abgesetzt hatte.

Nachdem fest stand, dass die gefundenen Knochen zu Caner gehörten, setzte die Polizei eine Soko ein. Bis zu 13 Beamte ermittelten ein Jahr lang, bis Ende Mai 2019. Dazu gehörte auch die Überwachung von rund 90.000 Telefongesprächen. Die mussten zudem noch übersetzt werden, aus dem Türkischen - oder aus Zazakî, einer vor allem in der Ost-Türkei gesprochenen iranischen Sprache.

Daneben durchkämmten die Beamten auch das Gebiet Zollbuche. Sie fanden einen weiteren Knochen von Caner. Daraufhin ließen sie im September 2018 rund um die Knochenfundorte Totholz und nach 1999 gepflanzte Bäume entfernen und untersuchten den Boden, zusammen mit einem Bodenexperten von der Universität Leipzig.

Der Verdächtige lebt vermutlich in der Türkei

Am Ende stand für die Beamten fest, dass der heute 55 Jahre alte Kurde aus der Türkei, ein Bekannter der Familie, Caner umgebracht hat. Sein Alibi platzte, die Staatsanwaltschaft erließ Haftbefehl.

Jetzt gibt es nur ein Problem: Der Mann hat sich in die Türkei abgesetzt, kurz nachdem die Polizei ihn zu Caners Verschwinden befragt hatte. Wo genau er jetzt lebt, ist unklar. "Es gibt Zeugen, die ihn vor kurzem gesehen haben", sagt Rehr. Ein internationaler Haftbefehl ist beantragt, bei der Türkei ein Rechtshilfeersuchen gestellt. Jetzt heißt es warten.

Caners Frau und die beiden Kinder leben immer noch in Deutschland.

Sendung: hr4, die hessenschau für Mittelhessen, 13.12.2019, 12.30 Uhr