Mr. Gay Germany Benjamin Näßler bei der Kürung in Köln.

Der Frankfurter Benjamin Näßler ist am Wochenende zu "Mr. Gay Germany" gewählt worden. Wie er die Diskriminierung Homosexueller im Fußballsport bekämpfen möchte und wie seine eigenen Erfahrungen im Dorffußball-Verein waren, erzählt er im Interview.

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Der 30-jährige Benjamin Näßler lebt seit sechseinhalb Jahren in Frankfurt. Er ist seit zwei Jahren mit seinem Partner verheiratet, für den er in die Mainmetropole gezogen ist. Näßler spielt Fußball bei einem der größten schwul-lesbischen Sportvereine in Europa, dem Frankfurter Volleyball Verein (FVV). Mit seiner Wahl zum "Mr. Gay Germany" kommen auf den Versicherungskaufmann ganz neue Aufgaben hinzu.

hessenschau.de: Sie wurden am Samstag in Köln zum "Mr. Gay Germany 2020" gewählt – wie fühlen Sie sich?

Benjamin Näßler: Glücklich! Es war sehr aufregend - man steht nicht jeden Tag vor so vielen Leuten und nimmt an einer Wahl teil. Der beste von insgesamt über 200 Bewerbern zu sein, macht mich wahnsinnig stolz.

hessenschau.de: Sie arbeiten bei einer Versicherung – haben Ihnen Ihre Kollegen heute Morgen gratuliert?

Benjamin Näßler: Ja, teilweise schon am Samstagabend, nachdem sie das Ergebnis auf Instagram gesehen haben.

hessenschau.de: Worin unterscheidet sich die Wahl zu der von Mr. Germany?

Benjamin Näßler: Bei Mr. Gay geht es um deutlich mehr als gutes Aussehen. Im Fokus steht eine soziale Kampagne und wie man sie präsentiert. Wir mussten zum Beispiel verschiedene Challenges bewältigen, dazu gehörte auch ein Instagram-Wettbewerb, und Radio- und Fernsehinterviews geben.

hessenschau.de: In Ihrer Kampagne setzen Sie sich für die Akzeptanz von Homosexualität im Fußball ein. Weshalb liegt Ihnen dieses Thema besonders am Herzen?

Benjamin Näßler: Ich komme aus Schwaben, wo ich in einem Dorfverein Fußball gespielt habe. Da habe ich häufiger Sätze gehört wie "schwuler Pass" oder "schwuler Ball" oder dass ein Schiedsrichter "Scheißschwuchtel" genannt wird. Oder dass nach dem Training mit Bier angestoßen wird und es dann heißt "Absetzen, sonst gibt es schwule Kinder!". Ich frage mich, wieso man Menschen aufgrund der sexuellen Orientierung diskriminiert. Und wieso das Wort "schwul" als Schimpfwort benutzt wird. Fußball ist leider noch nicht so aufgeklärt, wie ich es gerne hätte. Es kann doch in der heutigen Zeit nicht sein, dass sich Menschen aus Angst vor Diskriminierung nicht trauen, sich in ihrem Fußballverein zu outen oder dort zu spielen.

hessenschau.de: Sie haben klare Vorstellungen davon, wie Sie dagegen vorgehen möchten.

Benjamin Näßler: Meine Kampagne hat drei Ziele: Ansprechpartner für Betroffene von Diskriminierung und Diskriminierung Homosexueller zu installieren, an die man sich wenden kann, wenn man sich im Fußballverein outen will oder wenn es homophobe oder diskriminierende Äußerungen gibt. Außerdem Trainer und Verantwortliche dafür zu sensibilisieren, dass sie auf homophobe Äußerungen reagieren, ein Fußballspiel in so einem Fall auch mal unterbrechen und aufklären. Und drittens will ich die Fußballfans mit ins Boot holen und aufklären. Mehr als jeder zweite Mensch in Deutschland ist ein Fußballfan! Ich wünsche mir Aktionsspieltage mit Diversity-Motto und Regenbogen-Fahnen.

hessenschau.de: Gibt es schon Kontake zu Vereinen?

Benjamin Näßler: Ja, mit Darmstadt 98 habe ich schon den ersten Profi-Verein für einen Aktionsspieltag gefunden und insgesamt habe ich schon von neun Verbänden in Deutschland eine Zusage.

hessenschau.de: Welche Aufgaben sind mit Ihrem Titel "Mr. Gay Germany" außerdem noch verbunden?

Benjamin Näßler: Im Juni geht es zum "Mr. Gay World", im Juli zu "Mr. Gay Europe". Auch auf den bundesweiten Christopher-Street-Day-Veranstaltungen sollte ich vor Ort sein. Und natürlich Anfragen annehmen und Unrecht aufklären.

hessenschau.de: Wie haben Sie selbst Ihr Coming-Out erlebt - und wie hat der Dorffußballverein reagiert?

Benjamin Näßler: Das war ein langwieriger Prozess. Zuerst hatte ich eine Freundin, habe aber gespürt, dass irgendetwas nicht so ist, wie es sein sollte. Meine Mutter hat für die katholische Kirche gearbeitet, sich im Umfeld der Religion zu outen, ist auch so eine Sache. Ich habe ein knappes Jahr gebraucht, um mich zu finden und zu akzeptieren, dass ich schwul bin. Da war ich dann 18 Jahre alt. Meine Mutter hat es super aufgenommen, mich in den Arm genommen und gesagt: "Egal was passiert, Du bist unser Sohn und wir lieben Dich." Bei dem Dorffußballverein habe ich mich nie geoutet.

Das Interview führte Anikke Fischer.

Sendung: maintower, 16.12.2019, 18.00 Uhr