Blick in die Menschenmenge in der Turnhalle der Uni Gießen.

Noch immer hat die Uni Gießen mit den Folgen des mutmaßlichen Cyber-Angriffs zu kämpfen. Jetzt gibt es erste Schritte zurück zur Normalität: 28.000 Studenten erhalten neue Passwörter. Und Bücher können sie auch bald wieder ausleihen - schön vermerkt auf Zetteln.

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hessenschau vom 18.12.2019
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Ein sonniger Dienstagvormittag Mitte Dezember: Tausende Studenten strömen zum Uni-Stadion am Gießener Kugelberg. So viel Betrieb ist hier selten. Selbst bei Sportereignissen. Alle wollen in die Turnhalle auf dem Gelände. Drinnen herrscht Gewusel. Ein Personenleitsystem wie am Flughafen zeigt den richtigen Weg. An einem langen, U-förmigen Tisch stehen Uni-Mitarbeiter. Dort gibt es die begehrten weißen Briefumschläge: darin das neue persönliche E-Mail-Passwort.

Gut zehn Tage nach der mutmaßlichen Cyber-Attacke, die am Sonntag vor einer Woche das komplette Hochschul-Netz lahmlegte, ist die Uni Gießen dabei ihr Mail-Programm wieder zum Laufen zu bringen. Dafür braucht jeder, der an der Hochschule einen E-Mail-Account hat, ein neues Passwort, abzuholen hier in der Turnhalle.

"Wir lernen alle neue Zahlen"

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Schlangen bei Ausgabe der Mail-Passwörter in Gießen

Meterlange Schlange vor der Passwort-Ausgabestelle an der Uni Gießen.
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Um den Andrang in den Griff zu bekommen, hat die Universität die Ausgabe nach Geburtsmonat geordnet. Am Dienstagmittag waren im März Geborene aufgerufen, ihre Umschläge abzuholen. Montagabend kam es vor der Turnhalle zu langen Schlangen und Wartezeiten. Kein Wunder: Insgesamt müssen 38.000 E-Mail-Konten neu eingerichtet werden, darunter 28.000 für Studenten und 5.600 für Mitarbeiter. "Die Dimension ist groß. Wir lernen alle neue Zahlen", sagt Charlotte Brückner-Ihl von der Uni-Pressestelle.

Das LKA ermittelt

Die Uni hat Strafanzeige wegen des mutmaßlichen Cyber-Angriffs erstattet. Der Fall liegt beim Landeskriminalamt. Die Beamten ermitteln und arbeiten mit der Uni zusammen, sagt ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft. Weitere Infos gebe es vorerst nicht.

Blick auf den Eingang der Turnhalle der Uni Gießen.

Die Uni informiert derweil auf allen Kanälen, sei es auf der Homepage, per Instagram, Facebook oder bei Twitter. Der Präsident wandte sich per Youtube an die Öffentlichkeit. Und die Uni hat einen offenen Brief veröffentlicht, den Absolventen bei Bewerbungen dazulegen können. Der Inhalt: die Bitte um großzügige Frist zur Nachreichung der Unterlagen, da Abschlüsse derzeit nicht nachgewiesen werden können.

Die Uni-Bibliothek erlässt die Mahngebühren

Das Mail-Programm ist nur ein Teil der technischen Infrastruktur, der von dem schwerwiegenden IT-Sicherheitsvorfall lahmgelegt wurde. "Wir können auch nicht mehr auf die Online-Plattform zugreifen, auf der sonst die Vorlesungs-Materialien liegen", sagt Saskia Beyer, die im ersten Semester Kindheitspädagogik studiert. Etwas besser geht es Hendrik Gruel, der im Februar sein juristisches Staatsexamen macht. Er ist froh, mit seiner Vorbereitung schon weit fortgeschritten zu sein: "Ich brauche keine Bücher mehr, habe alles auf Karteikarten. Sonst wäre das die Hölle."

Auch das Ausleih-System der Uni ist offline. An der Uni-Bibliothek weist ein handschriftlicher Zettel - die Drucker gingen bis zuletzt ebenfalls nicht - darauf hin, dass alle Mahngebühren seit dem Vorfall entfallen. "Es soll niemandem noch größerer Schaden entstehen", sagt Anne Golebiowski, die für die Bibliothek die Öffentlichkeitsarbeit macht. Außerdem könnten die Bücher aktuell ohnehin nicht zurückgebucht und in die Regale gestellt werden.

"Ein bisschen wie in den 90ern"

Ab Mittwoch könnte sich das ändern. Dann soll es wieder möglich sein, Bücher auszuleihen – von Hand und per Zettel zwar, aber immerhin. "Ein bisschen wie in den 90ern", sagt Golebiowski. Der aktuelle Zustand sei nunmal "eine absolute Ausnahmesituation".

An der Hochschule Fulda, deren System über das der Uni Gießen läuft, soll man ab Mittwochnachmittag ebenfalls wieder Bücher ausleihen können, berichtet eine Sprecherin – davon betroffen sind auch die Landes- und die Stadtbibliothek. Hier haben die Techniker einen Ausweg gefunden. Die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) teilt dagegen mit, dass man immer noch und bis auf weiteres nur die Bücher vor Ort lesen, aber nicht ausleihen könne.

Die Uni ist zusammengerückt

An der Universität Gießen funktionieren inzwischen auch einige Rechner wieder. Mit USB-Sticks hat die Uni sämtliche Windows-Geräte gescannt, auffällige Rechner wurden aussortiert, andere werden bis zum Ende der Woche zum zweiten Mal überprüft. Wie viele Geräte das sind, sagt Sprecherin Brückner-Ihl nicht, "aus ermittlungstaktischen Gründen". Das Studentenwerk will unterdessen allen 2.600 Menschen, die in Wohnheimen leben, 10 Euro zahlen, als Ersatz für das nicht mehr funktionierende W-LAN.

Bei einer Info-Veranstaltung und einer Pressekonferenz an diesem Mittwoch will die Hochschulleitung berichten, wie es weiter geht. Es scheint jedenfalls, als ob ganz langsam die Normalität zurückkehre. Und noch etwas hat sich mit dem Angriff geändert, berichtet Brückner-Ihl: "Die Uni ist auf jeden Fall zusammengerückt und wir merken, dass ganz viele Menschen mit anpacken wollen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 18.12.2019, 19.30 Uhr