Landgericht Gießen/ Plakatstellwand mit Foto von Johanna
Der Mord an Johanna Bohnacker wird vor dem Landgericht Gießen verhandelt. Angeklagt ist ein 42-Jähriger. Bild © picture-alliance/dpa

20 Jahre Ermittlungsdauer und schließlich der Erfolg: Vor dem Landgericht in Gießen muss sich von Freitag an der Mann verantworten, der 1999 die achtjährige Johanna Bohnacker ermordet haben soll. Sieben Fragen und Antworten zum Fall und zum Gerichtsverfahren.

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Fast 20 Jahre lang suchten die Ermittler nach dem Mörder der acht Jahre alten Johanna Bohnacker. Im Oktober fassten sie einen Verdächtigen. Im Februar erhob die Staatsanwaltschaft Anklage. Ab Freitag, sechs Monate nach seiner Festnahme, muss sich der mutmaßliche Mörder vor dem Landgericht Gießen verantworten. hessenschau.de beantwortet die wichtigsten Fragen zu dem Fall.

Der Fall Johanna Bohnacker: Was ist passiert?

Die achtjährige Johanna Bohnacker wurde am 2. September 1999 an ihrem Wohnort bei Ranstadt-Bobenhausen (Wetterau) auf einem Radweg nachmittags in einen VW Jetta gezerrt, mit Klebeband gefesselt, sexuell missbraucht und danach getötet. Sieben Monate später fand ein Spaziergänger ihre Leiche in einem rund 100 Kilometer entfernten Waldstück bei Alsfeld-Lingelbach (Vogelsberg).

Grafik Johanna
Bild © hr

Wer ist der Angeklagte?

Angeklagt ist ein 42 Jahre alter Mann aus Friedrichsdorf (Hochtaunus), der zur Tatzeit Anfang 20 war. Er ist ledig und hat keine Kinder. Er hat Abitur, aber keine weitere Ausbildung und keine Arbeit. Er wurde bereits früher wegen Verkehrs- und Drogendelikten verurteilt und saß im Jahr 2000 auch im Gefängnis.

Bei ihm zu Hause fand die Polizei rund 17 Millionen Dateien kinderpornografisches Material. Der Mann fuhr im Jahr des Mordes einen VW Jetta. Er kannte, anders als lange vermutet, weder Johanna, noch ihre Familie. Auch zum Tatort Ranstadt-Bobenhausen soll er nach Polizeiangaben keine Verbindung gehabt haben.

Wie lautet die Anklage?

Die Anklage lautet auf Mord, schwere sexuelle Nötigung und auf den Besitz kinderpornografischer Schriften. Die Ermittler gehen davon aus, dass das Kind am Tag des Missbrauchs starb, weil der Täter den sexuellen Missbrauch verdecken wollte. Damit wäre ein Mordmotiv gegeben.

Der Verdächtige bestreitet den Vorsatz: Er räumte nach Angaben der Ermittler zwar sexuelle Absichten ein, den Tod des Mädchens stellte er als Unfall dar.

Wie kam die Polizei dem mutmaßlichen Täter auf die Spur?

Ermittlungen in einem anderen Sexualdelikt brachten die Polizei auf die Spur des Mordverdächtigen. Er wurde dabei erwischt, wie er im August 2016 eine 14-Jährige in einem Maisfeld bei Nidda (Wetterau) fesselte. Der Fall wies Parallelen zum Fall Bohnacker auf. Der Verdächtige wurde in Friedrichsdorf (Hochtaunus) festgenommen.

Welche Spuren verfolgte die Polizei über die Jahre?

Eine groß angelegte Suche unmittelbar nach dem Verschwinden des Mädchens 1999 war zunächst erfolglos geblieben. Auf einem Stück Paketklebeband, mit dem Johannas Leiche gefesselt war, hatten die Ermittler einen Handabdruck entdeckt. Neue Technik ermöglichte es schließlich, nach Festnahme des Verdächtigen im Oktober 2017, ihm den winzigen Teil eines Daumenabdrucks auf dem Klebeband eindeutig zuzuordnen.

Alle früheren Versuche der Polizei, die Spur einem Verdächtigen zuzuordnen, liefen ins Leere. 1.500 Männer der Region wurden vergeblich untersucht, um den Abdruck abzugleichen. Auch Massentests mithilfe von gefundenen DNA-Spuren blieben erfolglos. Die Polizei überprüfte auch hunderte Fahrer von Autos des Modells VW Jetta.

2009: Polizeibeamte bauen ein Plakat auf, mit dem zu Hinweisen im Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker aufgerufen wird.
2009: Polizeibeamte bauen ein Plakat auf, mit dem zu Hinweisen im Mordfall der kleinen Johanna Bohnacker aufgerufen wird. Bild © picture-alliance/dpa

Zehn Jahre nach der Tat wurden große Plakate mit einem Bild des Mädchens aufgestellt, um an neue Hinweise zu kommen. Auch in der TV-Sendung "Aktenzeichen XY...ungelöst" war der Fall noch 2014 Thema.

Was ist mit Johannas Familie?

Richard Bohnacker, der Vater, starb 2016 mit Mitte 60, 17 Jahre nach dem Tod seiner Tochter. In den Tagen und Wochen nach dem Verschwinden Johannas gab ihre Mutter Gabriele Bohnacker vielen Journalisten Interviews. Später sprach sie nicht mehr öffentlich darüber. Den unbekannten Täter flehten die Eltern über Jahre um Antworten an, im Jahr 2002 wandten sie sich mit einem Brief an den Unbekannten: "Nur Sie können uns sagen, wann und warum Johanna sterben musste.

Johannas Familie wird nach Angaben der Staatsanwaltschaft in dem Prozess als Nebenklägerin auftreten.

Wann ist mit einem Urteil zu rechnen?

Bislang hat die Schwurgerichtskammer 13 Verhandlungstage vorgesehen. Läuft alles wie geplant, könnte im August das Urteil gesprochen werden.

Zahlreiche Zeugen und mehrere Gutachter wollen die Richter im Verlauf des Prozesses befragen. Es gebe rund 70 potenzielle Zeugen, sagte ein Gerichtssprecher vor knapp zwei Wochen. Allerdings sei noch unklar, wie viele am Ende tatsächlich vorgeladen werden.