Markus H.

Markus H. sitzt als mutmaßlicher Komplize beim Mord am Kasseler CDU-Politiker Lübcke in Haft. Schon als Jugendlicher fiel er als Rechtsextremer mit Gewalttaten auf, wie hr-Recherchen zeigen.

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zum Video Lübcke-Mord – Komplize fiel bei Gewalttaten auf

hessenschau vom 27.04.2020
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Markus H. sitzt seit Juni 2019 wegen Beihilfe zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, seinen Freund und politischen Wegbegleiter Stephan Ernst zu Gewalt angestachelt und die Mordwaffe vermittelt zu haben. Ernst ist dringend verdächtig, Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in Wolfhagen-Istha (Kassel) erschossen zu haben.

Markus H. saß neben Stephan Ernst, als Lübcke bei einer - für die spätere Tat wohl ausschlaggebenden - Veranstaltung 2015 in Lohfelden die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vehement verteidigte und dafür von Teilen der Anwesenden ausgebuht und als Verräter beschimpft wurde. H. soll ein Video davon im Netz verbreitet haben.

Neonazis beim Straßenterror

Recherchen des hr zeigen nun, dass die politische Karriere von Markus H. in der rechtsextremen Szene von Nordhessen nicht nur in jungen Jahren begann - er fiel auch bei politisch motivierten Gewalttaten auf. Das belegen Dokumente sowie Aussagen von Opfern und ehemaligen Kameraden, die dem hr vorliegen. Anfang der 1990er Jahre war er im Umfeld der 1995 verbotenen militanten Freiheitlich Deutschen Arbeiterpartei (FAP) aktiv. Die Kasseler Ortsgruppe diffamierte und bedrohte politische Gegner und agierte mit offenem Straßenterror in Kassel.

1994 durchsuchte die Polizei die Fuldataler Wohnung von Markus H., nachdem es dort zu einer tätlichen Auseinandersetzung gekommen war. Zusammen mit den FAP-Kameraden Mario S. und Tobias N. hatte er so laut rechtsextreme Musik und Platten mit Reden von Adolf Hitler abgespielt, dass Nachbarn sich beschwerten, darunter auch H.s 72 Jahre alter Großvater. Die Situation eskalierte: Es kam zu Handgreiflichkeiten mit den Neonazis, schließlich zu einer Prügelei, bei der mindestens ein Nachbar verletzt wurde.

Prügeleien, Attacken, Ausspionieren

Das FAP-Trio war schon vorher aufgefallen: H. soll dabeigewesen sein, als im Oktober 1992 ein 17-jähriger Schüler an einer Bushaltestelle in Fuldatal-Ihringshausen attackiert und mit einem Fußtritt verletzt wurde. Auch gegen Markus H. wurde in beiden Fällen ermittelt.

Die Gesinnungsfreunde von Markus H., Mario S. und Tobias N., waren zentrale Figuren in der FAP. Mario S. räumte in einem Gespräch mit dem hr sogar ein, die lokale Parteigliederung für kurze Zeit mit angeführt zu haben. Die FAP sammelte Informationen über politische Gegner. Über die von Mario S. 1994 verantwortete Internet-Mailbox "Steiner BBS" im rechtsextremen "Thule-Netzwerk" wurden Adressen der vermeintlichen Feinde gesammelt und dann bundesweit in der Neonaziszene präsentiert. Außerdem waren über das Netzwerk Anleitungen zur Herstellung von Sprengstoffen abrufbar.

200 Personen auf "Antifa-Übersicht"

Die Polizei stieß nach dem Verbot der FAP im Jahr 1996 auf das Ergebnis solcher Anti-Antifa-Recherchen: Auf einer "Antifa-Übersicht" genannten Liste fanden sich Daten von rund 200 Personen und Organisationen. Darunter waren auch Name und Anschrift eines Kasseler Lehrers, der im Jahr 2003 Opfer eines mutmaßlichen Mordanschlags wurde. Eine Kugel durchschlug sein Küchenfenster und verfehlte ihn nur knapp.

Die Ermittlungen verliefen ins Leere. Bis Ermittler im Mordfall Lübcke nach der Festnahme von Stephan Ernst auf einen USB-Stick stießen: Darauf fanden sie Informationen zu 60 Personen, die als vermeintliche Feinde ins Visier geraten waren. Auch der Lehrer stand auf der Liste, die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen in dem ungelösten Fall wieder aufgenommen.

Blood & Honour, "Hasskommando", NSU

Tobias N. wandte sich nach dem Parteiverbot der FAP der deutschen Division des neonazistischen internationalen Netzwerkes Blood & Honour zu. N. spielte als Bassist in der seit Sommer 1996 existierenden Blood & Honour-Band "Hasskommando". Außerdem gehörte Tobias N. in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zu den engsten Kontaktleuten des berüchtigten Neonazi-Führers Thorsten Heise in Nordhessen.

Der in Thüringen lebende Heise, ehemaliger FAP-Funktionär und heutiges Mitglied im Bundesvorstand der NPD, wird von den Behörden dem Umfeld des rechtsterroristischen NSU-Trios zugerechnet. Am 6. April 2006 ermordete der NSU in Kassel den Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat. Bei den Ermittlungen fiel auf, dass jemand auffällig oft die speziell eingerichtete Seite des BKA zum Mord aufrief: Markus H.

H. als Zeuge nach NSU-Mord vernommen

Er wurde als Zeuge vernommen und erklärte, ein Bekannter habe ihn auf die BKA-Seite aufmerksam gemacht, aus Interesse habe er immer wieder nachgeschaut. H. kannte Halit Yozgat persönlich, er war mit einem entfernten Verwandten von Yozgat in engem Kontakt.

Die Ermittler überprüften H. nicht weiter. Hätten sie nachgeforscht, wäre ihnen aufgefallen, dass H. noch vor dem Mord an Yozgat im gleichen Jahr in einer Kneipe "Sieg Heil" geschrien und den Hitlergruß gezeigt hatte und dafür auch zu einer Geldstrafe verurteilt wurde. In den Ermittlungsakten wird das mit keinem Wort erwähnt. Die Spur wurde als "nicht weiter relevant" eingestuft.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt,, 27.04.2020, 16.45 Uhr