Stephan E. mit Handschellen und Gesichtsmaske scharf bewacht von bewaffneten Polizisten auf dem Weg zu einem Hubschrauber

Der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hatte offenbar schon früher Anschlagspläne. Nach einem "Spiegel"-Bericht soll Stephan Ernst die Synagoge in Kassel ausgespäht haben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Stephan Ernst schmiedete schon früher Anschlagspläne

Stephan Ernst wird von Polizisten dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe überstellt.
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Stephan Ernst soll bei seiner Ausspäh-Aktion vor mehr als zehn Jahren laut einem Bericht des "Spiegel" festgehalten haben, wann besonders viele Gäste in der Synagoge in Kassel waren. Er habe zudem vermerkt, dass an einem bestimmten Tag Jugendliche aus der Synagoge kamen.

Die Notizen fanden sich dem Bericht zufolge auf einem USB-Stick, der in Ernsts Keller versteckt war. Die Ermittler werten diesen Stick seit Wochen aus.

Namen, Autokennzeichen, Adressen

Auf dem Stick hatte Ernst demnach außerdem Dossiers über vermeintliche Feinde angelegt, darunter örtliche Politiker von SPD, Grünen und PDS sowie Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kassels.

Der mutmaßliche Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hatte ihre Namen, Kfz-Kennzeichen, Telefonnummern sowie Adressen gespeichert und Zeitungsartikel über sie archiviert. Etwa 60 Namen und Institutionen fanden sich in den Aufzeichnungen. Die meisten Einträge sollen aus den Jahren 2001 bis 2007 stammen.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wollte sich am Samstag nicht zu dem Bericht äußern.

Polizei verstärkt Kontrollen

Die hessische Polizei hat dem Bericht zufolge alle Betroffenen inzwischen vorsorglich informiert und die Kontrollen an der Kasseler Synagoge erhöht. "Auch wenn die Liste schon alt ist, können wir nicht wissen, ob sie bei anderen Extremisten noch kursiert", sagte Ilana Katz, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Kassel.

Ein Sprecher des hessischen Innenministeriums sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Samstag, die Sicherheitsvorkehrungen an den Synagogen des Landes seien bereits vor dem Anschlag auf das jüdische Gotteshaus in Halle voriges Jahr hoch gewesen und danach noch einmal verstärkt worden.

Im Oktober hatte ein Rechtsextremer die Synagoge in Halle (Sachsen-Anhalt) angegriffen. Der Täter eröffnete das Feuer auf den Eingangsbereich der gut besuchten Synagoge und versuchte dort einzudringen. Er scheiterte. Kurze Zeit später erschoss der bewaffnete Mann eine Passantin und einen Imbissbuden-Gast.

In Ernsts Daten entdeckten die Fahnder auch Anleitungen zum Bau von Bomben sowie Texte, die sich mit dem Untergrundkampf beschäftigen, nach dem Vorbild der sogenannten Werwolf-Einheiten der SS. "Alles, was der Vernichtung der Feinde dient, ist gut", notierte Ernst. Als Terrorziele kämen Beamte, Stadtratsmitglieder und Bürgermeister infrage.

Bald Anklage gegen Ernst

In Kürze wird der Generalbundesanwalt Anklage gegen Ernst erheben. Der Tatverdächtige wird sich voraussichtlich wegen des Lübcke-Mordes und eines versuchten Mordes an einem irakischen Flüchtling im Jahr 2016 verantworten müssen.

Der Angeklagte soll den hessischen CDU-Politiker Lübcke Anfang Juni 2019 auf dessen Terrasse erschossen haben, weil dieser für die Aufnahme von Flüchtlingen eintrat.

Sendung: hr-info, 18.04.2020, 15.00 Uhr