Frau von hinten zu sehen im Gerichtssaal, wird gerade fotografiert.

Ein Verbrechen aus dem Jahr 1988 beschäftigt weiter die Justiz: Nachdem eine mutmaßliche Sektenchefin wegen Mordes an einem Vierjährigen verurteilt worden ist, kommt dessen Mutter vor Gericht.

Knapp ein halbes Jahr nach dem Mordurteil gegen eine mutmaßliche Sekten-Chefin hat die Staatsanwaltschaft Hanau gegen die Mutter des getöteten Vierjährigen Anklage wegen gemeinschaftlichen Mordes erhoben. Die Frau war unmittelbar nach dem Urteil im September 2020 verhaftet worden.

Der 60-Jährigen werde vorgeworfen, ihren vierjährigen Sohn am 17. August 1988 aus niedrigen Beweggründen getötet zu haben, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstag mit. Die Frau soll das Kind in einem verschnürten Sack in die Obhut der mutmaßlichen Sekten-Chefin gegeben haben, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben soll. Diese ließ das eingeschnürte Kind in einem Badezimmer liegen. Sie hatte den Jungen trotz seiner panischen Schreie sich selbst überlassen. Das Kind wurde an dem heißen Augusttag ohnmächtig und erstickte qualvoll an seinem Erbrochenen.

Anklage geht von gemeinschaftlich begangenem Mord aus

Die Sekten-Chefin habe die heute 60-Jährige davon überzeugt, dass ihr Sohn die "Reinkarnation Hitlers, ein Machtsadist und von dem Dunklen besessen" sei. Deshalb habe die Mutter den Tod des kleinen Jungen billigend in Kauf genommen.

Die Frau wurde im September - einen Tag nach dem Mordurteil gegen die mutmaßliche Sekten-Chefin - in Leipzig festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft. Zunächst erging gegen sie Haftbefehl wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord. Aufgrund der Ermittlungen bewerte man die Tat als mutmaßlich gemeinschaftlich begangenen Mord, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Fall erst 2015 wiederaufgenommen

Das Hanauer Landgericht verurteilte die 73-jährige mutmaßliche Sekten-Chefin wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, da sie Revision einlegte. Ermittler hielten den Tod des Jungen lange Jahre für einen Unfall. Erst 2015 wurde der Fall nach Hinweisen von Sektenaussteigern und hr-Recherchen wieder aufgerollt.