Mahnwache mit Corona-Abstand: Demonstranten am Unglücks-Bahnübergang in Nied

Vor zwei Wochen tötete ein Zug in Frankfurt-Nied bei geöffneter Schranke eine 16-Jährige. Nun protestierten 200 Menschen auf besondere Weise an dem Bahnübergang, den es längst nicht mehr geben dürfte.

Nach und nach kommen immer mehr Menschen zu dem Parkplatz neben dem Bahnübergang im Frankfurter Stadtteil Nied: Familien, jugendliche Cliquen, Mitglieder verschiedener Vereine und der Bürgerinitiative "Die Schranke muss weg". Sie alle wollen zur Mahnwache, haben Schaufeln, Spaten und Kerzen dabei.

Ein kleines Mädchen zündet mit ihrer Mutter eine dieser Kerze an, um der 16-Jährigen zu gedenken, die vor mehr als zwei Wochen am Bahnübergang ums Leben kam. Die Jugendliche wurde von einem Zug erfasst und getötet. Ein Radfahrer und eine Autofahrerein überlebten den Unfall schwer verletzt. Gegen die 48 Jahre alte Schrankenwärterin wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Denn die Schranke war geöffnet.

Warten, waten, warten

Obwohl rund 200 Menschen auf dem Parkplatz am Bahnübergang in Nied stehen, ist es sehr ruhig. Nur die vorbeifahrenden Autos durchbrechen die Stille. Alle Teilnehmer halten den vorgeschrieben Abstand ein. Auch Dominik ist gekommen. Er ist der Bruder des Opfers. "Mit ist es wichtig, dass der Protest still abläuft“, sagt der 20-Jährige.

"Emotionen und Wut sind bei dieser Geschichte selbstverständlich. Doch das bringt mich und uns nicht weiter“, sagt er. Auch Dominik hat eine kleine Gartenschaufel in der Hand. "Symbolisch, um zu zeigen, wir sind bereit. Wir packen jetzt an." Er und die anderen Teilnehmer der Mahnwache wollen, dass der Bahnübergang endlich sicherer wird.

Sie fordern, worauf Menschen hier seit Generationen warten: dass eine Unterführung oder eine Brücke gebaut wird. Der Bahnübergang ist Teil einer fünfspurigen, stark befahrenen Kreuzung. Seit mehr als 100 Jahren gibt es Pläne, ihn zu schließen. Es blieb bei den Plänen.

"Ich war fassungslos"

Aufgerufen zur Mahnwache hat Heike Stoner. Sie hat kurz nach dem Unfall am Bahnübergang die Bürgerinitiative gegründet. "Ich war fassungslos, dass erst ein Unglück passieren muss. Und ich war fassungslos, dass seit Jahren über den Bahnübergang gesprochen wird und jetzt tatsächlich jemand gestorben ist."

Nach nur wenigen Tagen haben sich bereits mehr als 1.000 Menschen der Initiative angeschlossen. Viele sind verärgert, dass trotz jahrzehntelanger Planung der Übergang immer noch nicht sicherer gemacht wurde. "Ich bin wirklich guter Dinge, dass wir hier ein erstes Zeichen setzen können", sagt Stoner.

Ortsvorsteherin kritisiert Bahn und Stadt

Auch Ortsvorsteherin Susanne Serke (CDU) ist gekommen. "Ich habe wirklich kein Verständnis, dass es bei den Verantwortlichen noch nicht angekommen ist. Ich bin es auch leid zu hören, was noch gemacht werden muss“, sagt die Kommunalpolitikerin. Damit spricht sie vielen Teilnehmern der Mahnwache aus der Seele. Sie finden, dass die Bahn und die Stadt Frankfurt genügend Zeit hatten, um die Pläne für den Bahnübergang zu realisieren.

Die Bahn hat mitgeteilt, dass sie in Verhandlungen mit der Stadt Frankfurt stehe. Es gebe Ideen, den Bahnübergang zu verlegen, heißt es. Doch solche Planungen dauern weitere Jahre. Für Heike Stoner ist das nicht mehr hinnehmenbar. "Wenn man jetzt sagt, für alles zusammen ein Jahr und dann können wir beginnen, das wäre für mich reel. Aber doch keine fünf Jahre oder mehr!, echauffiert sie sich.

Konzertierter Mail-Protest

Sie will in den kommenden Tagen eine E-Mail Adresse einrichten. An diese Adresse sollen die Menschen in Nied ihren Unmut richten. Die Mails sollen dann ausgedruckt als großes Paket Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und der Bahn übergeben werden. "Es kann nicht sein, dass sich so etwas Schlimmes an dieser Stelle hier wiederholt“, sagt Dominik, der Bruder des Opfers. "Es muss endlich Bewegung in die Geschichte kommen."

Sendung: hr4, 25.05.2020, 15.30 Uhr