Staufenberg

Ein Vater aus Staufenberg soll seinen fünfjährigen Sohn missbraucht und über das Internet anderen Männern angeboten haben. In der Kleinstadt herrscht Entsetzen über die Verstrickung in den bundesweiten Kindesmissbrauchsfall. Eltern sind in Sorge, der Bürgermeister mahnt zur Besonnenheit. Ein Besuch vor Ort.

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Hübsche Fachwerkhäuser, gepflegte Vorgärten, überall Rosenranken. Eigentlich ist die Kleinstadt Staufenberg im Kreis Gießen für ihre alte Burg bekannt, die in der Region als beliebtes Ausflugsziel gilt und schon aus der Ferne sichtbar ist. Doch seit diesem Wochenende wird in den engen Gassen wenig über die schöne Aussicht gesprochen, sondern über das Grauen, das deutschlandweit Schlagzeilen macht und offenbar unter anderem in Staufenberg seinen Anfang nahm.

Die Polizei im nordrhein-westfälischen Münster teilte am Samstag mit, dass man einem Kinderporno-Ring auf die Spur gekommen sei. Bisher ist bekannt: In einer Gartenlaube in Münster sollen sich mehrere Männer an drei Jungen zwischen fünf und zwölf Jahren schwer sexuell vergangen und die Taten gefilmt haben. Neben dem Hauptbeschuldigten wurden noch sechs weitere Personen verhaftet, darunter ein Mann aus Kassel und einer aus Staufenberg.

Die Ermittler hätten "unfassbare Bilder" sehen müssen, heißt es. Der Fall in Staufenberg erscheint dabei besonders widerwärtig: Ein 30 Jahre alter Vater soll seinen eigenen fünfjährigen Sohn nicht nur selbst missbraucht, sondern über das Darknet auch noch anderen Männern angeboten haben. Der Fünfjährige befindet sich gemeinsam mit einem Geschwisterkind in der Obhut des Jugendamtes.

"Mir sind sofort die Tränen gekommen"

"Ich muss die ganze Zeit daran denken", erzählt eine junge Mutter aus der 8.000-Einwohner-Gemeinde. Ihr Sohn sei genauso alt wie das Opfer. Ihr seien sofort die Tränen in die Augen geschossen, als sie davon erfahren habe.

Staufenberg ist nicht nur beschaulich, sondern auch gut überschaubar. Es gibt ein paar Läden und Ärzte, einen Biergarten, eine Tankstelle - und drei Kindergärten. Hier spricht sich viel rum. Auch die junge Mutter auf der Straße weiß inzwischen, um welche Familie es sich handelt. Vor allem tue ihr der Junge leid, für den sie hoffe, dass er jetzt genügend Unterstützung bekomme. Auch an die Mutter des Kindes müsse sie denken. "Wenn sie wirklich keine Ahnung hatte, dann kann sie einem ja nur leidtun."

Eltern in Sorge

Nach dem ersten Schock seien ihr und vielen anderen Eltern sofort einige Fragen in den Kopf geschossen: Gibt es hier im Ort möglicherweise noch mehr Opfer? Hatte mein Kind Kontakt zu dieser Familie? War es vielleicht sogar mal da zum Spielen? Im Fall ihres Sohnes könne sie das ausschließen, sagt die junge Mutter.

Ihr Mann fügt hinzu: "Ich bin richtig wütend." Er habe den Verhafteten nicht gut gekannt, aber sei ihm ein paar Mal begegnet. Ob er ihm so etwas zugetraut habe, oder er irgendwie auffällig gewesen sei? "Nein, sowas sieht man doch niemandem an der Nasenspitze an."

Wie ein Sprecher des Landkreises dem hr am Montag mitteilte, verfügt die Kita, die der Fünfjährige seit seinem ersten Lebensjahr besucht, über ein erfahrenes und im Umgang mit Kindeswohlgefährdung geschultes Betreuungsteam. "Die Kita konnte keinerlei Anhaltspunkte dokumentieren, die auf eine Kindeswohlgefährdung hinweisen. Der Kontakt zu den Eltern des Kindes wurde als gut bewertet", so der Sprecher. Auch das Jugendamt hatte demnach zuvor keine Kenntnis von der betreffenden Familie.

Bürgermeister appelliert zur Besonnenheit

"Unfassbar", "entsetzt", "einfach nur traurig". Wen man im Ort auch fragt, die Betroffenheit ist groß. Wirklich überrascht, dass solche Taten auch vor der eigenen Haustür in Staufenberg möglich sind, sind aber die wenigsten. Kindesmissbrauch könne überall passieren. "Vielleicht sogar eher noch auf dem Dorf, weil man da vom Platz her die Möglichkeit hat, sich zu verstecken", spekuliert ein Anwohner.

Auch der Staufenberger Bürgermeister Peter Gefeller (SPD) ist am Telefon hörbar emotional aufgewühlt, als er über den Fall spricht: "Aber am Ende ist die Tat das Furchtbare und nicht der Ort." Er wisse keine Details über den Fall, nur das, was durch die Medien bereits bekannt sei. Als gelernter Jurist sei er zwar einiges gewohnt, doch die Dimension dieses Falls habe ihn doch deutlich getroffen. Auch er sei Vater mehrerer Kinder und könne kaum in Worte fassen, wie entsetzt er sei.

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Aber daran zeige sich, dass so etwas überall passieren könne. "Wir leben hier in Staufenberg nicht auf einer Insel der Glückseligen", sagt der Rathauschef. Er wünsche sich nun im Ort einen besonnen Umgang damit. "Es ist wichtig, dass jetzt niemand vorverurteilt wird, sondern dass diese Taten bis zum Ende verfolgt und dann auch verurteilt werden", so Gefeller. Wut und hochkochende Emotionen, das sei zwar ganz natürlich, aber helfe letztlich niemandem. "Dadurch wird nun kein Leid gelindert."

Die Spitze des Eisbergs?

Zwischen all dem Entsetzen hört man immer wieder solche nachdenklichen Töne an diesem Tag in Staufenberg. Eigentlich wolle er sich mit sowas am liebsten gar nicht beschäftigen, erzählt ein Mann auf der Straße. "Warum fühlen sich viele Menschen offenbar so ohnmächtig, dass sie sich an noch Schwächeren vergreifen? Ist unsere Gesellschaft so krank, dass sie diese Täter produziert?", fragt der Staufenberger.

Ihn erinnere das an den Fall in Lügde. Und Fälle wie dieser seien ja mit Sicherheit nur die Spitze des Eisbergs. "Es gibt da ja eine riesige Dunkelziffer." Die große Aufgabe der Gesellschaft sei deshalb, sich zu fragen, wie so etwas in Zukunft verhindert werden könne.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 8.6.2020, 19.30 Uhr