Hanau Sekten-Chefin Prozess

Im Prozess gegen eine mutmaßliche Sektenführerin hat ein Professor der Rechtsmedizin ausgesagt. Die Angeklagte soll 1988 einen Jungen in einen Sack gesteckt haben, um ihn zu töten.

Im Mordprozess gegen eine mutmaßliche Sekten-Chefin hat ein Gerichtsmediziner die Angeklagte belastet. Die 72-jährige Sylvia D. soll im August 1988 einen vier Jahre alten Jungen in ihrer Obhut in einen Leinensack eingeschnürt und ihn trotz seiner panischen Schreie sich selbst überlassen haben.

Professor: "Sack war Ursache für Tod"

Der Mediziner sah darin am Mittwoch vor dem Landgericht Hanau den Grund dafür, dass der Junge im Haus der Hanauer Gruppe starb. "Der Sack ist letztlich die Ursache für den Tod gewesen", sagte Marcel Verhoff, Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Uni Frankfurt. Es sei ein "äußeres Ereignis" gewesen, dass zu einem nicht-natürlichen Tod geführt habe.

Der Professor sagte vor Gericht, er gehe davon aus, dass der kleine Junge in eine tiefe Bewusstlosigkeit gefallen und dann an zuvor gegessenem Haferbrei erstickt sei. Eine Rekonstruktion der Tat mit einer Polizistin, die freiwillig in einen Sack geschnürt wurde, habe ergeben, dass solch ein Vorgehen schnell zu gefährlicher Bewusstlosigkeit führen könne.

Laut Anklage sah Sylvia D. den Jungen als vom Bösen besessen an. Sie habe ihn deswegen töten wollen. Ihre Anwälte weisen den Mordvorwurf zurück.

Berichte von Gewalt und Misshandlungen

Im Prozess sagte am Mittwoch auch ein 57-jähriger Mann aus, der als Pflegekind bei der Angeklagten lebte: "Wir sind geschlagen und misshandelt worden - im Namen Gottes." Auch andere Zeugen hatten von Gewalt und Misshandlungen im Haus der Angeklagten berichtet. Ein leiblicher Sohn der Angeklagten hatte sie im Prozess als "eiskalt und erbarmungslos" bezeichnet.