Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Aus der Mohren- wird eine Ohrenapotheke

Schriftzug der Mohrenapotheke mit abgeklebtem M

Der Name steht schon länger in der Kritik - jetzt haben Unbekannte die "Mohren-Apotheke" in Kassel kurzerhand umbenannt. Die Aktion stößt jedoch nicht bei allen Namens-Gegnern auf Gegenliebe.

Nachdem Unbekannte in der Nacht auf Donnerstag die Leuchtreklame und den Schriftzug der Kasseler Mohren-Apotheke beschädigt haben, hat die für Staatsschutzdelikte zuständige Abteilung des Polizeipräsidiums Nordhessen die Ermittlungen übernommen. Wie eine Sprecherin des Polizeipräsidiums dem hr bestätigte, geht man von einem politischen Motiv aus.

In der Nacht hatten Unbekannte das "M" im Schriftzug oberhalb des Eingangs zur Mohren-Apotheke abgeklebt, so dass dort nur noch "Ohren-Apotheke" zu lesen war. Zudem sei bei einer Leuchtreklame der Anfangsbuchstabe mit "Permanentmarker" übermalt worden. Der Schaden belaufe sich auf etwa 500 Euro, hieß es seitens der Polizei.

Diskussion in zahlreichen Städten

Wie in zahlreichen deutschen Städten wird auch in Kassel bereits seit Längerem über die Verwendung des Begriffs "Mohr" inbesondere in den Namen von Apotheken gestritten. In Frankfurt etwa hatte Anfang 2018 der Ausländerbeirat eine Umbenennung der Apotheke "Zum Mohren" in der Innenstadt gefordert. Schwarze Menschen und Anti-Rassismus-Aktivisten kritisieren den Begriff als rassistisch, weil es sich um eine abwertende Fremdbezeichnung handele.

Unter diesem Begriff sei eine "gigantische Vielfalt von Menschen unterschiedlicher Sprachen, Religionen und Kulturen in eine Kategorie" zusammengeworfen worden, heißt es etwa in einer von der Kasseler Initiative "Side by Side" initiierten Petition an die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Und unter dieser Bezeichnung seien schließlich Millionen von Menschen versklavt worden.

Umbenennungs-Gegner hingegen behaupten, dass sich in den meist historisch tradierten Namen der Mohren-Apotheken der Respekt vor der im Mittelalter gegenüber Europa fortschrittlichen Medizin im Nahen Osten und Nordafrika ausdrücke. "Mohr" sei demnach eine Abwandlung des Wortes "Maure", beziehungsweise ein Verweis auf den "heiligen Mauritius."

Initiative distanziert sich

Die Inhaberin der Mohren-Apotheke, Christina Hartmann, erklärte in der Vergangenheit bereits mehrfach gegenüber lokalen Medien, mit dem Gedanken an eine Umbenennung zu spielen. Jedoch sei diese mit einem nicht unerheblichen Verwaltungsaufwand und finanziellen Belastungen verbunden. Zu den aktuellen Vorfällen wollte sie sich auf hr-Anfrage nicht äußern.

Eine Apotheken-Mitarbeiterin berichtete dem hr jedoch, dass es bereits vor einer Woche eine Mahnwache mit rund zehn Teilnehmern vor der Apotheke gegeben habe. Die Aktivisten hätten auch eine Petition überreicht, in der die Umbenennung gefordert worden sei.

Ob diese Aktion in Zusammenhang mit der nächtlichen "Umbenennung" steht, ist unklar. Bereits einmal, vor rund drei Jahren, hatten Unbekannte mit Eding-Strichen die Mohren- kurzerhand in "Möhren-Apotheke" umbenannt. Erst vor knapp drei Wochen hatten zudem Aktivisten laut der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen im Stadtteil Forstfeld die Schilder der Lüderitz- und Wissmannstraße überklebt, weil sie an Kolonialherren erinnerten.

Ruth Hunstock, Mitbegründerin der Initiative "Side by Side", zeigte sich derweil verärgert über die Sachbeschädigung an der Mohren-Apotheke. "Das ist kontraproduktiv", so Hunstock, "der Sinn unserer Initiative ist es, einen Konsens in der Gesellschaft herzustellen." Gerade mit Apotheken-Inhaberin Christina Hartmann habe man ein positives Verhältnis entwickelt und gute Gespräche geführt. Diese Aktion Dritter schade dem Anliegen.

Sendung: hr4, 30.07.2020, 17.30 Uhr