Zwei Jogger in einem Park

Das Leben in Hessen steht wegen des Corona-Virus seit Wochen quasi still. Eine nachweislich gute Nebenwirkung bringt der Lockdown mit sich: deutlich verbesserte Luftqualität.

Seit dem 13. März - also im coronabedingten Lockdown - ist die Stickstoffdioxid (NO2)-Konzentration in Hessen erheblich zurückgegangen. Das sagt Stefan Jacobi vom Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG). "Zurzeit kommen wir in unserer Auswertung auf einen mittleren Rückgang von circa 30 Prozent", berichtet Jacobi.

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Stickstoffdioxid

Zu den gefährlichsten Luftschadstoffen gehört Stickstoffdioxid (NO2). Es verstärkt die Auswirkung von anderen Schadstoffen auf den Menschen und belastet insbesondere Menschen mit Vorerkrankungen der Atemwege und Allergiker stark.

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Weniger Verkehr bedeutet bessere Luft

Zugegeben: Die bessere Luft ist nicht allein dem Lockdown geschuldet, sondern auch einer günstigen Wetterlage. Zwei Wetterwechsel gab es seit März, frische Kaltluft strömte vom Nordpol nach Hessen und senkte die NO2-Konzentration. Einen "maskierenden Effekt" nennt das der HLNUG-Wissenschaftler Jacobi.

Für die Bewertung gilt: Vergleichstage vor dem Corona-Lockdown müssten ähnliche Wind- und Wetterverhältnisse haben, sonst sei ein Vergleich der Daten nicht zielführend und könne zu "erheblichen Fehlinterpretationen" führen.

"Grundsätzlich trägt der Straßenverkehr nach wie vor am meisten zur Emission der Schadstoffe bei, die in den Ballungsräumen und insbesondere den größeren Städten zu finden sind", sagt Jacobi. Für die Stickoxide liege der Anteil des Straßenverkehrs an der Gesamtemission bei über 60 Prozent. Weniger Verkehr - das bedeutet mit Gewissheit bessere Luftqualität.

Verkehrseinbruch zu Lande und in der Luft

In der Tat ist auf Hessens Straßen derzeit deutlich weniger los als zuvor. Aktuelle Daten von Hessen Mobil, der Landesbehörde für Straßen- und Verkehrsmanagement, zeigen: Auf den Autobahnen weicht die Anzahl der Autos deutlich von den Zeiten vor der Pandemie ab. 

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"Die Auswirkungen der aktuellen Corona-Krise sind auf Hessens Straßen nach wie vor spürbar", sagt Gerd Riegelhuth, Präsident von Hessen Mobil. Die Behörde verzeichne derzeit keine verkehrsbedingten Staus auf Autobahnen - die entstünden derzeit ausschließlich infolge von Unfällen. Riegelhuth betont, dass für den Rückgang des Verkehrs vor allem der Individualverkehr verantwortlich ist: "Überwiegend tragen die Pkw zu diesen Rückgängen bei. Beim Schwerverkehr sind nach wie vor eher geringe Abnahmen zu verzeichnen."

Fast die Hälfte weniger "Ultrafeine Partikel" am Frankfurter Flughafen

Noch deutlicher sind die Einschnitte im Flugverkehr - zuletzt wurden in einer Woche so viele Passagiere befördert wie sonst in gut vier Stunden. Und über Ostern brach die Anzahl der Starts und Landungen um 85 Prozent ein - verglichen mit dem Schnitt der Jahr 2015 bis 2019.

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Der Flugverkehr selbst habe dabei weniger Einfluss auf die Luftqualität in der Rhein-Main-Region als der Flughafen. "Die Emissionen, die in mehreren hundert oder tausend Metern Höhe stattfinden, tragen zur Belastung am Erdboden wenig bei",  sagt Stefan Jacobi. Eine besondere Rolle komme allerdings den "ultrafeinen Partikeln" (UFP) zu.

"Vor einigen Jahren ist erkannt worden, dass Flughäfen offensichtlich eine erhebliche Quelle für die Emission von UFP sind, die auch weit in das Umfeld der Flughäfen transportiert werden können." Nach ersten eigenen Schätzungen geht das HLNUG von einem Rückgang der UFP-Außenluftkonzentration an der Station Raunheim von circa 40 Prozent aus.

Schlechte Luft macht krank

Alle Luftschadstoffe hätten in Zell- und Tierversuchen nachgewiesene schädliche Effekte auf Organsysteme wie Lunge und Atemwege sowie Herz- und Kreislaufsystem, sagt Andreas Günther. Er ist Chefarzt am Agaplesion Evangelischen Krankenhaus Mittelhessen für Pneumologie und Internistische Intensivmedizin. "Umweltepidemiologische Untersuchungen an zum Teil sehr großen Populationen legen einen Zusammenhang zwischen erhöhtem Luftschadstoffgehalt und vermehrter Krankheitshäufigkeit oder schnellerem Verlauf oder akuter Verschlechterung nahe." Bedeutet: Schlechte Luft macht krank.

Umgekehrt erwartet Andreas Günther positive Auswirkungen der besseren Luft und der sinkenden NO2-Belastung. "Eine bessere Lungenfunktion bei Bürgern mittleren und hohen Alters, eine bessere Lungenentwicklung bei Kindern und Heranwachsenden und geringere Infektraten bei Kindern und Erwachsenen" erwartet so der Lungenarzt.

Weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle

Auch Menschen mit Vorerkrankung profitieren von geringeren NO2-Werten in der Luft. Wer an Asthma, COPD oder einer Lungenerkrankung leidet, wird seltener mit akuten Verschlechterungen zu kämpfen haben. Lungenkrankheiten werden verlangsamt, Asthma-Patienten haben seltener Anfälle. Saubere Luft habe einen direkten Effekt auf die Regeneration von beschädigten Lungen. Der Pneumologe glaubt außerdem, dass die Zahl von Herzinfarkten und Schlaganfällen sinken könnte - dank besserer Luftwerte.

Für Menschen mit gesunden Lungen gilt: Regelmäßiger Sport ist gut für die Gesundheit und ist nach Angaben des Günthers grundsätzlich zu empfehlen. Patienten mit Grunderkrankungen empfiehlt er, darüber mit ihrem Arzt zu sprechen. Denn ob gemächlicher Spaziergang oder Joggen im Park: Die Bewegung an der frischen und derzeit deutlich saubereren Luft ist gesund und auch während der Kontaktsperre ausdrücklich erlaubt.

Fußwege deutlich seltener im Navi gesucht

Offenbar wandeln die Hessen derzeit meistens auf gewohnten Pfaden: In Frankfurt etwa suchen die Menschen deutlich seltener in ihrem Handy nach Fußwegen. Das zeigt eine Auswertung des Smartphone-Herstellers Apple, der die Routen-Anfragen in der Apple-Karten-App analysiert hat - und nicht nur für Frankfurt herausfand, dass die Smartphone-Nutzer deutlich weniger als sonst nach Routen zu Fuß suchen.

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Eine mögliche Erklärung: Durch Kontaktsperre, Reisewarnungen und - einschränkungen bewegen wir uns seltener an unbekannten Orten, können deshalb auf die Navigationshilfe verzichten. Ähnlich verläuft die Kurve für die Anfragen nach Autorouten. Ein Rückgang um rund die Hälfte aller Suchen im Vergleich zu den Werten von Mitte Januar ist zu beobachten.

Die Auswertung eines anderen Daten-Riesen widerlegt diesen Eindruck. Google kann über sein Android-Betriebssystem auswerten, wohin die Hessinnen und Hessen sich verstärkt bewegen - und diese Auswertung zeigt: Wir verbringen deutlich weniger Zeit an Haltestellen und Bahnhöfen, im Einzelhandel oder am Arbeitsplatz - dafür viel öfter zuhause und in Parks.

Sendung: hr-iNFO, 17.4.2020, 12.00 Uhr.