Beerdigung von Walter Lübcke

Als mutmaßlicher Mörder des CDU-Politikers Walter Lübcke sitzt der rechtsradikale Stephan Ernst in U-Haft. Nun bezichtigt er einen Bekannten aus der Kasseler Neo-Nazi-Szene der Tat. Dessen Anwalt kontert prompt.

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hs
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Der des Mordes am Regierungspräsidenten Walter Lübcke dringend verdächtige Stephan Ernst hat in einem neuen Geständnis einen Mittäter genannt. Dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofes sagte Ernst am Mittwoch in Kassel nach Angaben seines Anwaltes Frank Hannig: Den tödlichen Schuss auf der Terrasse von Lübckes Wohnhaus in Wolfhagen habe der 43 Jahre alte Neo-Nazi Markus H. versehentlich abgegeben.

Ernst und H. seien am Abend des 1. Juni zum Haus von Lübcke aufgebrochen, um ihm eine "eine Abreibung zu verpassen", wie Ernst seinem Verteidiger demnach sagte. Auf der Fahrt habe Ernst seinem Bekannten auf dessen Wunsch die Waffe ausgehändigt. Auf der Terrasse des später Getöteten sei es zu einem Streitgespräch gekommen. In dem Moment, als Lübcke um Hilfe rufen wollte, habe sich ein Schuss gelöst. "Mein Mandant glaubt, dass dies nicht absichtlich geschehen ist", sagte Hannig.

Der Anwalt äußerte sich am späten Nachmittag auf einer Pressekonferenz in Kassel. Dies geschehe auf Bitte seines Mandanten, sagte Hannig. Er hatte die neue Aussage des Hauptverdächtigen zuvor schon angekündigt und übertrug die kurze Pressekonferenz auf seiner Facebook-Seite live.

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Stephan Ernsts Anwalt Frank Hannig
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Erstes Geständnis zurückgezogen

Ernst und H., die nach Ernsts Angaben bereits vor der Tatnacht einmal gemeinsam auf dem Grundstück Lübckes gewesen waren, kennen sich aus der rechtsextremen Szene in Kassel.

Ins Visier von Rechtsextremisten wie ihnen war Lübcke geraten, als er 2015 bei einer Bürgerversammlung in seiner Funktion als Regierungspräsident vehement für einen menschlichen Umgang mit Flüchtlingen eintrat. Er sagte es lohne sich, in Deutschland zu leben und für Werte einzutreten. Wer diese Werte nicht vertrete, der könne "jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist."

Anwalt von H. bezweifelt Glaubwürdigkeit

Den Wahrheitsgehalt der neuen Aussage Ernsts müssen die Ermittler nun überprüfen, die Staatsanwaltschaft äußerte sich am Mittwoch nicht. Dafür aber der Anwalt von Markus H.. Dieser verwies in einer Stellungnahme an die Schweigepflicht und verweigerte eine Auskunft zum Sachverhalt.

In Richtung Hannig und Ernst sagte er dann: "Wenn andere Verteidiger eine andere Strategie verfolgen und weniger Hemmungen haben, Dinge auszuplaudern, kann ich das nicht beeinflussen." Jeder könne sich zudem selbst die Frage stellen, "wie glaubwürdig jemand ist, der im Laufe des Verfahrens ständig mit neuen Versionen eines Geschehens aufwartet, zu dem er ursprünglich ein vollständiges Geständnis abgelegt hat".

Die neuen Angaben widersprechen einem ersten Geständnis. Darin hatte Ernst die Tat zugegeben und nichts über einen weiteren Beteiligten gesagt. Nach NDR-Infomationen hatte Ernst in der später widerrufenen Version zudem erklärt, zwischen 2016 und 2019 mehrmals mit einer Waffe zu Lübckes Haus gefahren zu sein. Ihm habe dabei vorgeschwebt, man müsse Lübcke erschießen.

Anwälte widersprechen einander

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Dazu sagte Verteidiger Hannig: Ernst habe das erste Geständnis nach eigenen Angaben nicht nur abgelegt, um H. zu schützen", sondern auch "auf Anraten eines früheren Verteidigers". Ernst will die Tatbeteiligung von Markus H. demnach zunächst nicht erwähnt haben, weil ihm sein damaliger Anwalt als Gegenleistung versprochen habe, seine Familie werde geschützt und finanziell unterstützt. Diese Motivation soll Ernst am Mittwoch auch vor dem Ermittlungsrichter genannt haben. Nun wolle er den wahren Tatablauf schildern.

Diese Darstellung bestreitet der frühere Anwalt Ernsts. Dem ARD-Politikmagazin Panorama teilte er mit, er habe Ernst nicht aufgefordert, die Schuld auf sich zu nehmen und Markus H. zu schützen.

War Markus H. der zweite Täter?

Wie Ernst sitzt auch Markus H. bereits in Untersuchungshaft. Er war nach dem ersten Geständnis von Ernst im Juni 2019 wegen Beihilfe zum Mord festgenommen worden. Der Vorwurf gegen ihn lautete, dass er Kontakt zum mutmaßlichen Waffenhändler vermittelt haben sollte.

Ernst belasten nicht zuletzt DNA-Spuren am Tatort. Nach Informationen des NDR wurde aber keine DNA von Markus H. gefunden. Die Ermittler haben demnach bisher noch keine Spuren dafür, dass überhaupt ein zweiter Täter anwesend war. Zeugen wollen jedoch in der Tatnacht zwei auffällige Autos im Wolfhagener Ortsteil Istha gesehen, wo Lübcke wohnte. Die Ermittler gingen bisher davon aus, dass Ernst in seinen Mordplänen von Markus H. bestärkt wurde.

Stephan E. – Verdächtiger im Fall Lübcke

Ernst und Markus H. übten gemeinsam auf dem Schießstand

Noch im Jahr 2018 waren die beiden gemeinsam auf dem Schießstand und übten mit scharfen Waffen. Der Vorstand des Schützenvereins Grebenstein (Kassel) bestätigte dem hr, dass H. regelmäßig als Gast zu Schießübungen kam und auch mehrfach Ernst "angeschleppt" habe.

Markus H. sei als Schütze in Grebenstein schon länger bekannt. Zeit Online hatte berichtet, dass die beiden mit der Schützentruppe SSG Germania Cassel zum Üben kam, die in keinem Vereinsregister auftaucht und nach hr-Recherchen auch in der nordhessischen Schützenszene nicht bekannt ist.

Markus H. war Waffennarr

H. war ein Waffennarr, er besaß mehrere Waffen und hatte im Gegensatz zu Ernst auch eine Waffenbesitzkarte, die er sich 2015 vor Gericht erstritten hatte. Die Stadt Kassel hatte ihm die Waffenbesitzkarte über mehrere Jahre verweigert, weil der Verfassungsschutz auf rechtsextreme Aktionen von H. und Verfahren wegen Landfriedensbruch und Körperverletzung hingewiesen hatte. Die Frankfurter Rundschau berichtet, dass H. zwischenzeitlich sogar ein Gewerbe angemeldet und Waffenzubehör im Internet vertrieben hatte.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 08.01.20, 19.30 Uhr