Rene Gottschalk (v. li.), Kai Klose und Sandra Ciesek

Generelle Absage aller Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Besuchern? Anders als Jens Spahn auf Bundesebene empfiehlt Hessens Gesundheitsminister Kai Klose das nicht. Seine Berater setzen auf Entscheidungen im Einzelfall.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Corona und die Großveranstaltungen

Spiele vor leeren Rängen drohen nicht nur bei Eintracht Frankfurt.
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Todesfälle gab es in Hessen bis zum Montagabend nicht. Und die Zahl der mit Sars-CoV-2-Infizierten steigt zwar, aber allmählich und nicht sprunghaft. Beim Versuch, die weitere Ausbreitung einzudämmen, hält sich Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) mit neuen, verschärften Maßnahmen noch zurück.

Während die bayerische Staatsregierung am Montag Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Gästen zunächst bis Karfreitag untersagte, unterstrich der Grünen-Politiker am selben Tag in Wiesbaden, es gehe nach wie vor um Einzelfall-Entscheidungen, die zudem den kommunalen Gesundheitsämtern vorbehalten seien. "Die kennen sich am besten aus." Damit folgte Klose auch nicht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der am Morgen eine entsprechende Maßnahme empfohlen hatte.

"Strategie funktioniert gut"

Um für einen effektiven, aber besonnenen Umgang mit der Epidemie zu werben, war Klose wie schon vor zwei Wochen gemeinsam mit zwei Experten aus Frankfurt vor die Presse getreten: Professorin Sandra Ciesek, Direktorin des Medizinischen Instituts für Virologie, und Professor René Gottschalk, der Leiter des Gesundheitsamtes und des Kompetenzzentrums für Hochpathogene Infektionserreger (KHPI) ist.

Der Politiker und die Experten sagten...

...zur aktuellen Lage in Hessen

Landesweit waren 25 Fälle einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus bekannt, als Klose sich vor der Presse äußerte. Kurz danach war in der Übersicht seines Ministeriums ein 26. Fall hinzugekommen. Der Minister sprach von "epidemischen Clustern", in denen Ansteckungen bisher lediglich vereinzelt mit regionaler Häufung auftraten. "Das ist ein Beleg dafür, dass unsere Containment-Strategie ganz gut funktioniert."

Containment bedeutet: Menschen, die Symptome aufweisen, in einem Risikogebiet waren oder Kontakt mit Infizierten hatten, werden getestet. Gegebenenfalls werden sie daheim oder in einem Krankenhaus isoliert. Ziel ist es, die Ausbreitung der Krankheit abzubremsen. Damit soll das Gesundheitssystem davor bewahrt werden, so stark unter Stress zu geraten, dass die Behandlung der schweren Fälle schwierig wird.

... zu Auswirkungen auf Großveranstaltungen

Über eine mögliche Absage der Fußball-Heimspiele von Eintracht Frankfurt am Donnerstag gegen Basel (Europa League) und am Sonntag gegen Mönchengladbach (Bundesliga) ist laut Gesundheitsamtschef Gottschalk noch nicht entschieden. Die Gespräche darüber liefen noch, sagte der Professor. Das Rückspiel in der Schweiz am 19. März wird dagegen definitiv nicht in Basel stattfinden. Wo und wann die Partie stattdessen ausgetragen wird, ist noch offen.

Zur Empfehlung Spahns, große Veranstaltungen generell abzusagen, ging Gottschalk indirekt auf Distanz. Er blieb bei der Linie, Absagen müssten gründlich geprüft werden. "Es ist ein Eingriff in Freiheitsrechte." In einem Festzelt könnten sich Erreger außerdem leichter ausbreiten als an der freien Luft im Stadion.

...zu Schließungen von Kitas, Schulen oder Universitäten

Solche drastischen Maßnahmen könne man angesichts der offenen Entwicklung nicht ausschließen, sagte Minister Klose. Der Grünen-Politker betonte aber: "An dem Punkt sind wir zurzeit mit Gewissheit nicht." Auch Fachmann Gottschalk meinte: "Generelle Schulschließungen wären unverhältnismäßig." Auch hier müsse gegebenenfalls je nach Lage regional entschieden werden.

... zu den neuen zentralen Testzentren

Vom Dienstag an können sich nach Angaben des Sozialministers Menschen an mehreren flächendeckend über Hessen verteilten Stellen der Kassenärztlichen Vereinigung auf das Virus testen lassen. Standorte seien bestehende Niederlassungen des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes. Die Zahl der Zentren werde erst am Dienstag bekannt sein. Es sei aber sichergestellt, "dass niemand eine allzu weite Strecke zum Test hätte".

An diese Anlaufstellen sollen Menschen verwiesen werden, bei denen Mediziner - möglichst nach einer telefonischen Vordiagnose - die Möglichkeit einer Ansteckung sehen. Das soll vor allem überlastete Praxen niedergelassener Ärzte entlasten.

...zum Mangel an Schutzkleidung

Von einem "akuten Notstand" könne man noch nicht reden, sagte Klose. Er nannte es "einen Engpass bei Schutzausstattung". Angesichts der globalen Nachfrage etwa nach besonderer Kleidung fürs medizinische Personal müsse aber geklärt werden, "wie wir den Nachschub wieder zum Laufen bringen". Virologin Ciesek bestätigte das: "Wenn diese Phase noch Monate geht, dann wird es schwierig."

...zu den Aussichten

Wie schwer die Epidemie werden könnte, wie lange sie dauert - da legt sich niemand fest. Wie viele Kollegen glaubt aber auch die Virologin Ciesek nicht, dass die Ausbreitung durch steigende Temperaturen gestoppt wird. "Es wird im Sommer besser werden, aber nicht verschwinden."

... zum neuen Coronavirus-Ausschuss des Landes

Klose begrüßte die Einrichtung. Er bleibe gesundheitspolitisch verantwortlich. Mit einem ressortübergreifenden Gremium will die Landesregierung den Kampf gegen die gesellschaftlichen Auswirkungen der Ausbreitung des Virus koordinieren.

Den Ausschuss bilden die Staatssekretäre aus sieben Ministerien und der Regierungssprecher, wie am Montag bekannt wurde. Er soll die Regierungsarbeit hinsichtlich der Auswirkungen auf die Wirtschaft, den Bildungs- und Erziehungssektor, den Verbraucherschutz und die Sicherheit koordinieren. Federführend ist Staatskanzleichef Axel Wintermeyer (CDU).

Sendung: hr-iNFO, 09.03.2020, 19.50 Uhr