Fassade der Shisha-Bar Midnight, des ersten Tatorts des Anschlags von Hanau

Beim rassistisch motivierten Anschlag von Hanau gab es Pannen bei der Hanauer Polizei - die womöglich Menschen das Leben kosteten. Das zeigen Recherchen des hr, des ARD-Magazins "Monitor" und des "Spiegel". Die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet.

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zum Video Debatte um Notruf bei Anschlag in Hanau

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Der Kurt-Schumacher-Platz im Hanauer Stadtteil Kesselstadt. Hier hat die Stadt mit Angehörigen und Freunden der Opfer des rassistisch motivierten Anschlags vom 19. Februar 2020 eine Gedenkstätte eingerichtet: auf dem Parkplatz vor der Arena Bar, dem zweiten Tatort. Eine Gedenkstätte für Vili-Viorel Păun.

"Er hat alles verloren: sein Leben, seine Zukunft, seine Pläne", sagt sein Vater Niculescu Păun. Er kommt regelmäßig her, zündet Kerzen an, spricht ein Gebet, mit gesenktem Kopf hält er inne. Sein Sohn wurde hier auf dem Parkplatz erschossen, in seinem Auto.

Niculescu Păun hängt in Hanau-Kesselstadt Gedenkplakate an seinen beim Anschlag vom 19. Februar erschossenen Sohn Vili-Viorel Păun auf

Niculescu Păun ist sich sicher: Sein Sohn ist einen Heldentod gestorben. Der 22-Jährige verfolgte den Attentäter am Abend des Anschlags vom ersten Tatort in der Innenstadt bis hierher an den zweiten Tatort. Das zeigen Bilder von Überwachungskameras.

Vater eines Ermordeten gibt der Polizei Schuld

Während dieser Verfolgung hat Vili-Viorel Păun immer wieder versucht, die Polizei zu alarmieren. Das belegen Anrufprotokolle, die dem hr vorliegen. Doch er erreichte die Polizei nicht - ebenso wenig wie andere Zeugen. Niculescu Păun gibt deshalb der Polizei Schuld am Tod seines Sohns. "An dieser Sache ist die Polizei schuld. Der Notruf …", sagt er mit stockender Stimme: "Darum ist mein Sohn gestorben."

Weitere Informationen

Berichte im TV

Über das Thema berichten heute das hr-fernsehen um 19.30 Uhr in der hessenschau und das Erste um 21.45 Uhr im Magazin "Monitor".

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Auch Said Etris Hashemi konnte keinen Notruf absetzen. Er war unter anderem mit seinem Bruder Said Nesar in der Arena Bar, als der Attentäter hinein stürmte und schoss. Bilder der Überwachungskamera zeigen: Die jungen Männer versuchten vergeblich, in einen Lagerraum zu flüchten, suchten schließlich Schutz hinter der Theke.

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Audioseite Kein Durchkommen beim Polizei-Notruf während Hanauer Attentat

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"Als ich unter der Theke lag, habe ich mein Handy rausgeholt und 110 gewählt. Da kam ich nicht durch", erinnert sich Said Etris Hashemi. Erst im dritten Versuch habe er seinen Notruf absetzen können - aber nicht bei der Polizei, sondern unter der 112. "Dort ist jemand rangegangen." Said Etris Hashemi wurde durch die Schüsse verletzt, sein jüngerer Bruder Said Nesar starb.

Nur zwei Leitungen frei, nur ein Beamter da

Warum war der Notruf der Polizei in jener schrecklichen Nacht in Hanau derart schlecht erreichbar? Recherchen des hr, des ARD-Magazins "Monitor" und des Nachrichtenmagazins Spiegel zeigen: In jener Nacht waren nach vorliegenden Informationen auf der Polizeiwache in der Innenstadt nur zwei Leitungen für Notrufe freigeschaltet. Und es war offenbar nur ein Beamter vor Ort, um Notrufe anzunehmen.

Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter macht das fassungslos. Er sagt, es müssten immer mindestens zwei Polizisten Notrufe entgegennehmen können: "Natürlich muss jemand, der sich in so einer Situation befindet, zumindest Gewähr haben, dass er die Sicherheitsbehörden erreichen kann, um sich mit ihnen abzustimmen."

Keine Antwort von der Polizei

Fiedler erklärt: Hätte Vili-Viorel Păun die Polizei erreicht, hätte die ihm aller Wahrscheinlichkeit nach geraten, sich in Sicherheit zu bringen und den Attentäter nicht zu verfolgen. "Aus Sicht der Polizei handelt es sich hier ja um einen Laien, der mit solchen Situationen nicht gewohnt ist umzugehen und Gefahrensituationen möglicherweise auch nicht richtig einschätzen kann", sagt der Polizeigewerkschafter.

Mit anderen Worten: Hätte Vili-Viorel Păun die Polizei erreicht, könnte er vielleicht noch leben.

Fassade der Arena Bar, dem zweiten Tatort des rassistischen Anschlags von Hanau

Warum aber war offenbar nur ein Beamter im Dienst, um Notrufe entgegenzunehmen? Ist das bei der Hanauer Polizei gängige Praxis? Oder war das nur in jener Nacht so?

Staatsanwaltschaft prüft Vorgänge

Die Staatsanwaltschaft Hanau hat am Donnerstag ein Prüfverfahren eingeleitet. "Im Rahmen dieses Verfahrens wird zunächst der Sachverhalt festgestellt und auf dieser Grundlage sodann geprüft, ob strafrechtlich relevantes Verhalten festgestellt werden kann", teilte die Behörde mit.

Das Polizeipräsidium Südosthessen räumte auf Nachfrage ein, es sei "bei sehr hohem Anrufaufkommen" nicht auszuschließen, dass "Notrufe im Einzelfall nicht direkt angenommen werden können". Das Problem ist offenbar auch ein Jahr nach dem Attentat nicht behoben. Die Polizei teilte mit, dass ein "Überleitungssystem" für Notrufe "geplant" sei.

Die Fraktionsvorsitzende der SPD im hessischen Landtag, Nancy Faeser, sagte dazu: "So etwas darf nicht passieren. Wie kann es sein, dass im Jahr 2020 Polizeibehörden mit völlig aus der Zeit gefallenen Notrufsystemen arbeiten?" Die Behörden müssten die Vorgänge aufklären. "Was ist in der Nacht schiefgelaufen? Was wird dafür getan, dass das besser wird?"

Innenminister Peter Beuth (CDU) verteidigte hingegen die Polizei. Wichtig sei, dass in der Nacht die Polizei sehr unmittelbar an den Tatorten gewesen sei, sagte er in der TV-Sendung "17:30 SAT.1 Live". Die Frage, wie die Notrufzentrale besetzt gewesen sei und wie viele Anrufe gelaufen seien, werde sicher der Generalbundesanwalt dann eben auch noch genauestens darlegen.

"Du brauchst kein Held sein"

Niculescu Păun hofft, dass er noch Antworten auf die Frage bekommt, warum sein Sohn sterben musste. "Mein Kopf sagt: Ich bin stolz auf das, was mein Sohn gemacht hat", sagt er. "Aber mein Herz sagt: Nein, du brauchst kein Held sein."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 28.01.2021, 16.45 Uhr