Hilfe für Ersthelfer: Der Lahn-Dill-Kreis ist der erste Kreis Hessens, der die Software "Emergency Eye" einsetzt. Damit können Rettungskräfte das Smartphone des Ersthelfers orten und sich auf die Kamera des Anrufers schalten.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Leitstelle Wetzlar setzt auf Smartphones bei der Rettung

Frank Schmitt blickt in der Zentralen Leitstelle auf den Emergency-Eye-Monitor.
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"Wo genau ist der Notfallort?", fragt Jens Schmitt. "Sie wissen nicht, wo genau Sie von der Autobahn abgefahren sind? Ich hätte die Möglichkeit, Ihr Handy zu orten, wenn Sie dem zustimmen." Der Mitarbeiter der Einsatzleitzentrale Wetzlar tippt einen Befehl in seine Tastatur.

"Ah, ich habe Sie gefunden", sagt Schmitt. "Ich würde mal die Kamera an ihrem Handy aktivieren, bitte bestätigen Sie den Link, den ich Ihnen geschickt habe." Neben dem Stadtplan erscheint ein neues Video-Fenster, zu sehen der Mann, der gerade mit dem Notruf telefoniert.

Keine spezielle App notwendig

Der Anrufer ist ein Kollege von Schmitt, der vermeintliche Notruf nur eine Vorführung für die Presse. Sie soll die neueste Errungenschaft der Zentralen Leitstelle im Lahn-Dill-Kreis zeigen: Als erster Landkreis in Hessen setzt die Leitstelle die Software "Emergency Eye" ein, um sich im Notfall auf die Handys von Anrufern zu schalten. Der Anrufer am Notfallort braucht dafür keine spezielle App, nur ein Handy mit Kamera und Internetverbindung.

Mit Hilfe der Software können die Einsatzkräfte nicht nur die Handys von Anrufern orten, sie können auch eine Video-Übertragung von deren Kameras starten und sich so selbst ein Bild von der Lage an der Unfallstelle machen.

In beiden Fällen muss der Handybesitzer jeweils per Klick bestätigen, dass die Rettungskräfte auf sein Handy zugreifen dürfen. Sie erfahren dabei nicht nur Betriebssystem, sondern auch Browser-Versionsnummer und Akkustand.

"Bisher schießen wir oft mit Kanonen auf Spatzen"

Von der Software versprechen sich die Rettungskräfte eine Menge: Nicht nur wollen sie Ersthelfer besser unterstützen, indem sie ihnen noch genauer sagen, was sie tun sollen. Sie wollen auch besser abschätzen können, welche und wie viele Einsatzkräfte sie schicken müssen. "Bisher schießen wir oft mit Kanonen auf Spatzen", sagt Kreisbrandinspektor Rupert Heege. "Die neue Software soll verhindern, dass wir überreagieren."

Und außerdem wollen die Einsatzkräfte besser vorbereitet sein auf das, was sie erwartet. Ein Beispiel: Wenn Personen eingeklemmt sind, halten die Ersthelfer die Kamera auf das Nummernschild, und die Leitstelle kann den Feuerwehrleuten die Rettungskarte für das jeweilige Automodell schon in den Einsatzwagen schicken.

Software beherrscht 17 Sprachen

Außerdem können die Rettungskräfte ab dem nächsten Upgrade im Januar mit den Anrufern chatten. Das dient der Barrierefreiheit - nicht nur im Fall von Sprach- und Hörgeschädigten, es überwindet auch Sprachbarrieren. Denn die Software übersetzt die Nachrichten der Einsatzkräfte automatisch in die Sprache, in der das Handy des Anrufers eingestellt ist; 17 Sprachen beherrscht sie aktuell.

Die Idee für das Programm sei ihm gekommen, als er mit seiner Frau in Frankreich mit Motorrad schwer verunglückte, sagt Guenter Huhle, der die Firma hinter Emergency Eye gegründet hat. Damals habe er sich kaum mit der dortigen Leitstelle verständigen können. So sei wichtige Zeit verloren gegangen.

Feuerwehr überzeugt von "Emergency Eye"

Zurück in Deutschland, gründete Huhle gemeinsam mit seiner Frau und seinem Sohn das Startup, das die Software entwickelte. Zehn Leitstellen in Deutschland setzten Emergency Eye schon ein, sagt Huhle. Aber man sei mit 150 der 250 Leitstellen im Gespräch, darunter alle in Hessen und in Nordrhein-Westfalen.

Der Server für die Verbindungen stehe in einem Hochsicherheitszentrum in Deutschland, sagt Kreisbrandinspektor Heege. Er ist überzeugt von dem System. Sei es bei Senioren, die mit ihrem E-Bike im Wald verunglücken, bei Kanu-Touristen auf der Lahn oder bei Lkw-Fahrern auf der A45 - es gebe viele Situationen, in denen die Software helfen könne.

Der Notruf läuft über die Telefonleitung und nutzt die Datenverbindung des Anrufers. Zumindest Vodafone berechnet den Angaben zufolge das Datenvolumen nicht, wenn die Software genutzt wird. Zwar komme es auch vor, dass die Verbindung abbreche, sagt Huhle. Aber in 85 Prozent der Fälle, so die bisherigen Erkenntnisse, bleibe sie stabil. Und in den anderen Fällen stehe man zumindest nicht schlechter da als bisher.

Sendung: hr4, die hessenschau für Mittelhessen, 16.12.2019, 15.30 Uhr